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Panorama Feuer entfacht „brennende Fragen“ in Israel
Nachrichten Panorama Feuer entfacht „brennende Fragen“ in Israel
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14:28 05.12.2010
Die Brände werden bald gelöscht sein, die Schuldfrage noch lange nicht gelöst. Quelle: dpa
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Israels Innenminister Eli Jischai wird die Lektüre der Sonntagszeitungen wenig amüsiert haben. Gleich zwei große Boulevardblätter legten dem 47-Jährigen gnadenlos nahe, wegen des verheerenden Waldbrandes im Karmel-Gebirge „Harakiri zu begehen“. Wenn der Vorsitzende der streng-religiösen Schas-Partei für die Feuerwehr ebenso gekämpft hätte wie für seine orthodoxe Klientel, dann hätte es ein solches Desaster nicht gegeben, lautet der Vorwurf.

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Noch ist das Feuer nicht gelöscht, da grillen aufgebrachte Israelis die Regierung schon mit brennenden Fragen. Wer ist verantwortlich? Wie konnte es geschehen, dass die Feuerwehr trotz aller Warnungen seit Jahren ein Schattendasein fristet, schlecht ausgerüstet und mangelhaft finanziert ist? Der Innenminister tritt nicht zurück, er kündigt eine Untersuchungskommission an. Und im Schwarze-Peter-Spiel ist ein Schuldiger auch schon gefunden: Ex- Ministerpräsident Ariel Scharon. Der 82-Jährige liegt seit knapp vier Jahren im künstlichen Koma und kann sich nicht wehren.

Für viele Israelis ist der größte Waldbrand in der Geschichte ihres Landes auch ein Aha-Erlebnis. Wer hätte geglaubt, dass das „mächtige Israel“, das Kriege im Libanon und im Gazastreifen geführt und sich Berichten zufolge auf einen außergewöhnlichen Militärschlag gegen den Iran vorbereitet habe, Dutzende Länder um Hilfe bitten müsse, um einen Waldbrand zu löschen, fragte die Tageszeitung „Jerusalem Post“. Andere Kommentatoren ziehen ein ähnliches Fazit: Mit dieser Feuerwehr ist Israel auf einen möglichen Krieg mit dem Iran nicht vorbereitet.

„Karmel“ ist in Israel jetzt zu einem Schlagwort geworden wie „Katrina“ in den USA. Der Hurrikan hatte im August 2005 ganze Fehlerketten im Katastrophenschutz der US-Regierung bloßgelegt. Auch in Israel haperte es an vielen Stellen. Das erste Löschflugzeug soll beispielsweise erst zwei Stunden nach Ausbruch des Feuers in der Luft gewesen sein. Weil die Feuerwehr völlig überfordert war, bat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu das Ausland um Hilfe. Und als Einsatzkräfte im Karmel-Gebirge ankamen, fehlte es an simplen Dingen wie Landkarten mit einem Wegeverzeichnis.

Das Karmel-Gebirge hat ein ökologisches Desaster erlitten. Mehr als 40 Prozent der Natur hat das Feuer nach Angaben von Polizeisprecher Mickey Rosenfeld bereits vernichtet. Weite Teile des einstigen Landschaftsparadieses mit seinen Pinien- und Kieferwäldern sehen aus wie eine Geisterlandschaft. Verkohlte Bäume stehen herum, weiß-gräuliche Asche bedeckt den Boden. Mindestens 40 bis 50 Jahre wird es nach Einschätzung von Forstexperten dauern, bis die Landschaft wieder so aussieht wie vorher.

Die Polizei hat die mutmaßlichen Brandverursacher bereits festgenommen. Es sind zwei 14 und 16 Jahre alte Jungen. Die beiden hätten am Donnerstagvormittag im Wald nahe ihres Dorfes Usufija Feuer angezündet, eine Wasserpfeife geraucht und Kaffee gekocht, sagt der Sprecher der Polizei von Haifa, Jehuda Maman. Von dieser Stelle aus habe der Brand dann um sich gegriffen.

Die beiden Jugendlichen hätten fahrlässig oder unachtsam gehandelt, sind sich die Ermittler einig. Denn es gibt zurzeit in der Gegend eine Spezies Mensch, hinter der die Polizei besonders her ist: die Brandstifter. Einige Menschen versuchten, die Löscharbeiten zu behindern oder neue Feuer zu legen, sagt Polizeisprecher Mickey Rosenfeld. Wen er genau meint, möchte er nicht sagen. Im Karmel- Gebirge leben viele arabisch-stämmige Israelis.

dpa