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Panorama Flüchtlinge in Kirgistan ohne Wasser und Nahrung
Nachrichten Panorama Flüchtlinge in Kirgistan ohne Wasser und Nahrung
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18:49 20.06.2010
Ohne Wasser und Nahrung harren Flüchtlinge in Kirgistan aus. Quelle: dpa
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Hunderttausende Flüchtlinge drängen sich gut eine Woche nach Beginn der blutigen ethnischen Unruhen in Südkirgistan im Grenzgebiet zum Nachbarn Usbekistan. Vor allem auf kirgisischer Seite ist die Lage der Vertriebenen katastrophal. „Trinkwasser und Nahrungsmittel sind rar“, schildert Alexandre Baillat der Nachrichtenagentur dpa die Lage am Telefon. Der Franzose ist Missionschef der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in dem zentralasiatischen Land. „Die Menschen haben nichts.“ Die Vereinten Nationen schätzen, dass insgesamt eine Million Menschen von den Folgen der Kämpfe betroffen sind, darunter 400 000 Flüchtlinge.

Viele mussten alles in ihren zerstörten Häusern zurücklassen, die bei den Zusammenstößen zwischen Kirgisen und der Minderheit der Usbeken in Flammen aufgingen. Nun erhalten sie nach und nach die einfachsten Sachen, zum Beispiel Eimer um Wasser zu holen. Doch zu vielen Flüchtlingen finden die Helfer keinen Zugang. „Sie stehen unter Schock, sie verstecken sich, sie trauen sich nicht aus ihren Häusern“, erzählt Baillat.

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Kein Wunder: Die Sicherheitslage ist noch immer stark angespannt. Selbst die Vertreter der Vereinten Nationen berichteten vor kurzem, sie könnten etwa in Osch, dem Zentrum der Unruhen, nur vom Flughafen aus sicher arbeiten. Nun verlängerten die Behörden die nächtliche Ausgangssperre in der zweitgrößten Stadt des Landes bis zum 25. Juni. Der zentrale Markt wurde wegen Sicherheitsbedenken geschlossen.

Die Übergangsregierung in der nördlich gelegenen Hauptstadt Bischkek hat die Situation augenscheinlich nicht vollständig unter Kontrolle. Viele Usbeken haben Angst vor dem kirgisischen Militär, das sie eigentlich beschützen soll. Sie behaupten, Armeeangehörige hätten gemeinsam mit dem Mob Jagd auf sie gemacht. Jahrhundertelang haben die Menschen miteinander gelebt. Ob das zerstörte Vertrauen jemals wieder aufgebaut werden kann, ist äußerst fraglich.

Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa hält unterdessen weiter stoisch an einer geplanten Volksabstimmung am kommenden Sonntag über eine neue Verfassung nach deutschem Vorbild fest. „Das wird auch ein Votum über meine Politik“, sagte sie dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Doch ob das Referendum überhaupt den Willen der gesamten Bevölkerung widerspiegeln kann, ist angesichts der Massenflucht unklar. Osch ist größtenteils zerstört, viele Dörfer sind entvölkert.

Fast täglich wendet sich Otunbajewa mit der Bitte um Militärhilfe an die Weltgemeinschaft, vor allem an Russland. Die Volksabstimmung soll die Übergangsregierung legitimieren und zugleich ein Signal aussenden: Wir sind eine Demokratie. Viele Länder würden dann schneller und mehr spenden, hofft die amtierende Führung in Bischkek. Tatsächlich wäre Kirgistan dann die erste parlamentarische Demokratie in Zentralasien. Rund herum herrschen autoritäre Präsidenten - so wie bis Anfang April auch noch Kurmanbek Bakijew in Bischkek.

Die Flüchtlinge sitzen derweil zwischen den Fronten. Sie können nicht nach Hause, aber auch nicht über die Grenze. Usbekistan hält die mit Stacheldraht bewehrten Übergänge nun geschlossen. 100 000 Vertriebene sind schon da, mehr kann das Land nach eigenen Angaben nicht aufnehmen. „Die Lager sind überfüllt“, bestätigt Baillats Kollege Andreas Bründer auf der usbekischen Seite die Einschätzung.

Langsam werden auch hier Nahrungsmittel knapp. Die Menschen, vor allem Frauen, Kinder und ältere Leute, sind im zentralasiatischen Hochsommer Temperaturen von mehr als 40 Grad ausgesetzt. Die sanitären Anlagen reichen für so viele Flüchtlinge nicht aus. Die Helfer haben Angst, dass sich Seuchen ausbreiten könnten. Vor allem Kinder sind gefährdet. „Ihr Impfstatus ist meist nicht bekannt“, erzählt Bründer. Ein großes Risiko - erst vor wenigen Wochen brach im benachbarten Tadschikistan die Kinderlähmung (Polio) aus.

dpa