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Panorama Frau Lienecke hört das Wasser gurgeln
Nachrichten Panorama Frau Lienecke hört das Wasser gurgeln
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20:41 23.01.2011
Von Heinrich Thies
Die Idylle trügt: Ohne die Schutzmauer wäre das Wasser längst in die Altstadt von Hitzacker geflutet. Denn die Pegelstände der Rekordflut von 2006 wurden am Wochenende übertroffen. Quelle: dpa
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Hinterm Haus von Irma Lienecke hat sich eine kilometerweite Seenlandschaft gebildet. Gut 30 Singschwäne beleben die grandiose Naturkulisse mit ihrem Konzert. Ein Bild wie aus der Fremdenverkehrswerbung. Doch die 81 Jahre alte Hausbewohnerin blickt mit gemischten Gefühlen aus dem Fenster. Das Hochwasser der nahen Elbe hat ihr Haus bereits von drei Seiten eingeschlossen, den Garten und den Keller überflutet. Und es steigt von Tag zu Tag. „Nachts hat man immer schon Angst, dass das Wasser am nächsten Morgen im Schlafzimmer steht“, sagt die Witwe mit tapferem Lächeln.

Kein Deich schützt Irma Lienecke und die anderen Dorfbewohner in Katemin im nördlichsten Winkel des Landkreises Lüchow-Dannenberg. Zum Glück für die alleinstehende Rentnerin hat ein Feuerwehrtrupp aus Karwitz das Haus durch einen Erdwall und viele hundert Sandsäcke gesichert. Außerdem pumpen die Männer und Frauen in den roten Jacken das Wasser aus dem Keller und versorgen die alte Dame mit dem Nötigsten. „Das ist einmalig“, schwärmt Irma Lienecke. „Die sind Tag und Nacht für mich da.“

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Auch andernorts trotzen Feuerwehrleute gemeinsam mit dem Technischen Hilfswerk in Katemin und dem Nachbarort Neu-Darchau der Flut, die hier wie fast überall in der Elbniederung zwischen Dömitz und Lauenburg die bisherigen Rekordmarken übertroffen hat. Anders als beim „Jahrhunderthochwasser“ im 2006 hält sich der Schaden diesmal aber in Grenzen. Der Hochwasserschutz scheint sich bewährt zu haben. Schutzwände wurden errichtet, Deiche erhöht. Nicht jedoch in der Gemeinde Neu-Darchau. Da die meisten Häuser recht hoch liegen, sah das Land bisher keine Notwendigkeit, auch hier einen Deich zu bauen. Ein Versäumnis, findet Bürgermeister Ralf Hinneberg. „Das Land ist dringend gefordert.“

Zittern muss nicht nur Irma Lienecke. Auch bei Dachdecker Jürgen Stefaniszyn ist der Garten überflutet. „Beim letzten Mal ist das Wasser durch die Fenster gekommen, wir haben wochenlang geheizt, damit wir die Wände wieder trocken kriegten“, sagt Stefaniszyns Frau Anja. „Danach hat uns dann die Versicherung rausgekickt. Jetzt müssten wir den Schaden allein tragen.“

Feuerwehrfrau Sandra Schefter und ihre Kollegen tun alles, um zu verhindern, dass es dazu kommt. Die Mutter von vier Kindern zwischen vier und zehn Jahren ist am Sonntag bereits den fünften Tag im Einsatz. „Das ist zwar ziemlich anstrengend, macht aber auch Spaß“, sagt die 34-Jährige. „Und um die Kinder kümmert sich eben mein Mann.“

In Hitzacker sind diesmal kaum Sandsäcke nötig. Eine 938 Meter lange Schutzwand bewahrt die Altstadt vor der trüben Flut. Die Stimmung in der 5000-Einwohner-Stadt ist daher äußerst entspannt. Hunderte von Touristen steuerten am Sonntag die Elbgemeinde an: „Hochwasser gucken.“ Die beste Aussicht über die Wasserlandschaft am Rande der Stadt bietet der Weinberg, ein 70 Meter hoher Hügel, auf dem tatsächlich auch Wein wächst. Aber darum geht es derzeit nicht. „Ist doch toll der Blick, den man von hier oben hat“, schwärmt ein junger Vater mit seiner einjährigen Tochter auf dem Rücken. „Ist schließlich mal wieder ein Jahrhunderthochwasser. Da muss man natürlich dabei sein.“

Café- und Restaurantbetreiber freut’s. „Hier war es schon letztes Wochenende rappelvoll“, sagt Angela Niedler, Chefin des Restaurants „Am Yachthafen“, das seinen Gästen einen Blick über das Elbhochwasser bietet – weit hinweg über die metallische Schutzwand. Nicht alle Gastronomen in Hitzacker waren von dem Bauwerk begeistert. Manche klagten, dass ihren Gästen dadurch die Sicht auf die Elbniederung genommen werde. Doch derzeit wagt niemand mehr zu protestieren. „Wir sind froh, dass wir die Schutzwand haben“, sagt Angela Niedler vom „Yachthafen“, die schon zweimal miterlebte, dass die komplette Altstadt überflutet war. Ein „mulmiges Gefühl“ habe sie allerdings immer noch, gesteht die Wirtin. „Man weiß ja, was für Wassermassen da hinter der Wand stehen.“

Damit diese Wassermassen nicht doch irgendwo unbemerkt durch die Sperranlagen sickern, sind derzeit überall Deichläufer im Einsatz. „Dazu ist jeder verpflichtet, der ein Grundstück im deichgeschützen Bereich hat“, sagt Herrmann Schareittz. Auch der Siebzigjährige aus Damnatz bei Hitzacker findet sich daher zum Dienst mit einem Partner ein – eine Zwölfstundenschicht von 20 Uhr abends bis 8 Uhr morgens, deichauf, deichab, bei Kälte und Nieselregen. Immerhin 50 bis 60 Kilometer kommen dabei zusammen. Doch der Rentner sieht keinen Grund zu klagen. „Bewegung tut gut.“

Landwirt Lars Riechert aus Penkefitz ist einer der Deichgeschworenen, denen die Aufgabe zufällt, die Deichläufer einzuberufen. „Notfalls könnte ich sie auch verpflichten“, sagt Riechert. „Aber wir haben genug Freiwillige.“

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