Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Frau des „Sauerland“-Anführers steht vor Gericht
Nachrichten Panorama Frau des „Sauerland“-Anführers steht vor Gericht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:03 05.11.2010
Vor dem Kriminalgericht Moabit in Berlin muss sich die Frau von Fritz Gelowicz wegen Beihilfe zum Terror verantworten.
Vor dem Kriminalgericht Moabit in Berlin muss sich die Frau von Fritz Gelowicz wegen Beihilfe zum Terror verantworten. Quelle: dpa
Anzeige

Die Frau des Anführers der islamistischen „Sauerland-Gruppe“ muss sich seit Freitag vor dem Berliner Kammergericht als mutmaßliche Terrorhelferin verantworten. Zu den Vorwürfen schwieg die 29-Jährige, die eine schwarzen Burka trug. Auch der mitangeklagte türkischstämmige Berliner im Alter von 21 Jahren äußerte sich nicht. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen vor, die terroristischen Vereinigungen Islamische Jihad Union (IJU) und Deutsche Taliban Mujahideen (DTM) im Ausland mit Geld unterstützt sowie Propagandamaterial über das Internet verbreitet zu haben.

Die Angeklagte werde zu einem späteren Zeitpunkt Stellung nehmen, sagte ihr Anwalt Hansgeorg Birkhoff. Im November sei aber nicht mehr mit einer Aussage der gelernten Einzelhandelskauffrau zu rechnen. Sie sei erst vor kurzem in die Untersuchungshaft nach Berlin verlegt worden. Die Deutsche mit türkischen Wurzeln bestätigte vor der Staatsschutzkammer des Gerichts lediglich knapp ihre Personalien.

Ihr Mann Fritz Gelowicz war im März vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte mit der „Sauerland-Gruppe“ 2007 Terroranschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland geplant. Zuletzt hatte er sich vom Terrorismus distanziert. Die Männer wollten in einer Ferienwohnung im Sauerland (Nordrhein-Westfalen) Sprengstoff herstellen. Im September 2007 wurden sie dort festgenommen. Gelowicz und seine Komplizen waren 2006 in einem Terrorcamp der IJU ausgebildet worden.

Rund ein Dutzend Polizisten mit Sicherheitswesten hatten sich im Saal 700 postiert. Der Vorsitzende Richter Josef Hoch rügte Zuschauer wegen mangelnden Respekts vor dem Gericht und drohte Ordnungsgelder an. Einige bärtige Männer mit langen weißen Hemden hatten sich zu Prozessbeginn nicht von ihren Plätzen erhoben. Die 29-Jährige stand anfangs in einer der Panzerglaskabinen in Sportschuhen und Ganzkörperschleier, der zunächst nur die Augen frei ließ. Nachdem die Fotografen den Saal verlassen hatten, zeigte die schlanke Frau ihr Gesicht und nahm zwischen ihren Anwälten vor der Verglasung Platz. Ab und zu lächelte sie ins Publikum und verfolgte aufmerksam den Prozess.

In der mehr als einstündig verlesenen Anklage hieß es, die beiden Deutschen hätten seit dem Vorjahr Organisationen unterstützt, deren Ziel Mord und Totschlag seien. Sie hätten seit Mai 2009 mit Texten und Videos im Internet islamistische Ideologien verbreitet, den „Dschihad“ (Heiliger Krieg) verherrlicht und Selbstmordattentate als legitim gebilligt. Zur Last gelegt wird ihnen zudem, Mitglieder für die Terrororganisationen geworben zu haben. Auch Kinder seien per Video aufgefordert worden, den Umgang mit der Waffe zu erlernen. Zudem hätten sie „bewusst und gewollt“ knapp 3000 Euro gesammelt und an Mittelsmänner in Istanbul überwiesen. Mit dem Geld seien Waffen, Munition und ein Nachtsichtgerät für Ausbildungscamps im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gekauft worden.

Die Bundesanwaltschaft hatte drei mutmaßliche Terrorhelfer angeklagt. Ein 31-Jähriger war aber untergetaucht, nachdem er Haftverschonung bekommen hatte. Ende August wurde der Mann in der Türkei wieder verhaftet. Dort sitzt er noch in Auslieferungshaft. Er soll später vor Gericht gestellt werden. Das Trio war im Februar in Ulm und Berlin festgenommen worden.

Die Frau habe im Internet dazu aufgerufen, dass „sich die Geschwister des Widerstandes gegen die Ungläubigen verbünden“ sollten, hieß es. Sie sei Mitglied im wichtigsten deutschsprachigen islamistische Internetforum gewesen und habe mehr als 1000 Videos, Beiträge und Kommentare eingestellt.

Unterdessen wurde bekannt, dass mutmaßliche Islamisten per Video einen Terroristen der „Sauerland-Gruppe“ freipressen wollen. Sie haben mit Anschlägen in Deutschland gedroht. Im Zusammenhang mit diesen Drohvideos ist am Freitag im Saarland ein Terrorverdächtiger festgenommen worden. Der verurteilte Daniel Schneider lehnte eine Freipressung über seinen Anwalt ab.

Die Organisationen IJU und DTM wollen laut Bundesanwaltschaft Afghanistan von westlichem Einfluss befreien und in dem Land ein Islamisches Emirat errichten. Sie bekämpften deshalb mit Terroranschlägen vor allem afghanische Regierungstruppen und Mitglieder der internationalen NATO-Schutztruppe. Wegen der Beteiligung der Bundeswehr an dem Militäreinsatz sei auch Deutschland im Visier der Terroristen, so die Bundesanwälte. Für den Prozess hat der Staatsschutzsenat des Kammergerichts Termine bis Anfang März 2011 festgelegt.

dpa

Mehr zum Thema

Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilt die „Sauerland-Gruppe“ zu hohen Haftstrafen

Heinrich Thies 04.03.2010

Vor dem Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf wird am Dienstag der Prozess gegen vier Mitglieder der „Sauerland-Gruppe“ fortgesetzt.

08.09.2009

Im Prozess gegen die islamistische Sauerland-Gruppe wird am Montag ein umfassendes Geständnis des mutmaßlichen Anführers Fritz Gelowicz erwartet.

10.08.2009