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Panorama Frauenministerin Schröder legt sich mit Alice Schwarzer an
Nachrichten Panorama Frauenministerin Schröder legt sich mit Alice Schwarzer an
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21:31 09.11.2010
Von Gabi Stief
Alice Schwarzer (v. l.) nennt Kristina Schröder einen „hoffnungslosen Fall“ und spricht ihr „die Kompetenz und Empathie“ für Frauen ab. Quelle: dpa
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Familienministerin Kristina Schröder hat es nicht leicht. Sie muss das Elterngeld zusammenkürzen, für das sich ihre Vorgängerin noch feiern ließ. Die CDU-Politikerin muss die FDP ertragen, die an ihrer Lieblingsidee, der Einführung einer Familienpflegezeit, herummäkelt, und sie muss die Länderkollegen beruhigen, die gegen ihre Zivildienstpläne opponieren. Und nun hat sie mit ihren kritischen Äußerungen über den Feminismus auch noch die Frauen empört – zugegeben, nicht alle. Aber die, die sich äußern, langen kräftig zu.

„Schlicht ungeeignet fürs Amt“, schimpft „Emma“-Herausgeberin und Altfeministin Alice Schwarzer. „So viel Unsinn habe ich lange nicht gelesen“, ereifert sich SPD-Vize Manuela Schwesig. „Krude und altbacken“, lästert Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. Wobei der Vorwurf „altbacken“ bemerkenswert ist – schließlich ist Familienministerin Schröder 33 Jahre alt; Renate Künast, die demnächst in der Hauptstadt regieren will, dagegen 54. Die eine könnte also die Mutter der anderen sein. Zwei Generationen, zwei fremde Welten?
Wer das „Spiegel“-Interview nachliest, meint, die beiden männlichen Interviewer manchmal glucksen zu hören. Zum Beispiel, wenn sie nachfragen, ob Schröder nun Frauen- oder Männerministerin sei, da sie ja nun ein Jungen-Referat eingerichtet habe. Oder wenn sie erwähnen, dass sie bislang annahmen, als Männer keine ministerielle Unterstützung nötig zu haben.

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Aber es scheint, als habe auch Schröder an den Fragen Gefallen gefunden, zumindest an jenen, die sich nicht ums Kinderkriegen drehen. Munter plaudert sie über die Fehler der Frauenbewegung der siebziger Jahre. „Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden“, erzählt sie. Sie kritisiert Lesben, die glaubten, dass Homosexualität die Lösung der Benachteiligung der Frau sei. Sie widerspricht der These, dass die traditionelle Frauenrolle wenig mit Biologie und viel mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun hat.

Und sie ist überzeugt, dass Frauen teilweise selbst schuld seien, dass sie noch heute weniger verdienen als Männer. „Die Wahrheit sieht doch so aus: Viele Frauen studieren gern Germanistik und Geisteswissenschaften, Männer dagegen Elektrotechnik – und das hat eben auch Konsequenzen beim Gehalt.“ Schröder empfiehlt den Frauen, selbstbewusster aufzutreten und bessere Gehaltsverhandlungen zu führen. Auf Nachfrage räumt sie ein, dass sie froh sei, dass sie selbst nicht über ihr Gehalt als Ministerin verhandeln musste. Eine gesetzliche Frauenquote für Unternehmen lehnt sie als „Kapitulation der Politik“ ab. Zudem würden die falschen Frauen profitieren – „jene, die keinerlei familiäre Verpflichtungen haben“.

Alles Unsinn? Billige Klischees und Stammtischparolen aus den siebziger Jahren, empört sich Alice Schwarzer in einem offenen Brief. „Selbst die Stammtische 2010 sind längst weiter.“ Die Gegenrede überrascht nicht. Schließlich verkündet die Ministerin im Interview, dass sie Schwarzers Bücher zwar gelesen habe, aber einiges „Sorry – falsch“ findet. Schwarzers Antwort: mit Verlaub, falsch. Sie belehrt die Ministerin, dass sie ihre persönliche Karriere der Frauenbewegung verdanke. Sie erklärt, dass die Frauenbewegung Anstöße für eine Welt gegeben habe, „in der Frauen endlich davon ausgehen dürfen, dass sie alles können, was Männer können – und umgekehrt“. Und sie macht deutlich, dass sie nicht an den Erfolg der Lehrstunde glaubt. Schwarzer spricht Schröder, „die Kompetenz und Empathie für Frauen“ ab. Die Ministerin sei ein „hoffnungsloser Fall“, schreibt Schwarzer.

Gehört ein Treuegelöbnis zum Feminismus in den Eignungstest fürs Ministeramt? Wohl kaum. Bestand die Frauenbewegung nur aus Lesben und Männerhassern? Wohl kaum. Schröder habe „keinerlei Verständnis für die historische Bedeutung des Feminismus“, kritisiert SPD-Vize Manuela Schwesig. Daran hapert’s. Außerdem habe die Ministerin von den tatsächlichen Problemen von Frauen „offenbar keine Ahnung“. Und da gebe es viel zu tun – von ungleicher Bezahlung bis zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Warum also der Ausflug auf alte Schauplätze? „Es tut der Sache der Frauen überhaupt nicht gut, wenn die jungen Frauen und die Frauenbewegung von damals gegeneinander ausgespielt werden“, mahnt die SPD-Politikerin.

Nachhilfe kommt auch aus den Reihen der Linken. Dem Feminismus sei es nie um Männerhass gegangen, sagt Linke-Vizechefin Katja Kipping. „Sondern um den Kampf gegen das Patriarchat – also um Strukturen, die Frauen benachteiligen.“ Auch sei es falsch, den Frauen die Mitschuld an geringeren Verdiensten zuzuschieben. Ein Grund sei, dass in klassisch weiblichen Berufsfeldern wie der Pflege schlecht bezahlt werde.

Nur eine sprang der Familienministerin gestern zur Seite. Silvana Koch-Mehrin, FDP-Politikerin und Vizepräsidentin im EU-Parlament, gab der Ministerin recht. „Wir sind über den klassischen Begriff des Feminismus schon weit hinaus.“ Die 39-Jährige wünscht sich mehr Feministen – „also Männer, die sich für das Ideal einer gleichberechtigten Gesellschaft einsetzen“.

Ihr Wunsch ist auf gutem Wege. Am Wochenende hat sich das „Bundesforum Männer“ gegründet. Ziel sei es, Jungen und Männer mehr Unterstützung zukommen zu lassen, erklären die Initiatoren. Zum Beispiel bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Patriarchale Rollenbilder“ lehnt der Verein ab – aber eigentlich soll es die ja gar nicht mehr geben; zumindest nach Meinung des Familienministeriums, das die einjährige Vorbereitung des Forums bezahlt hat.