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Panorama Fünf Minuten Ruhm
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11:18 31.01.2014
Von Hannah Suppa
Letzte Vorbereitungen: Astrid Großer (l.) und Gerti Heinrich legen Hand an ihre Modelle, bevor sie auf dem Laufsteg gezeigt werden. Quelle: Hannah Suppa
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Der große Moment dauert nicht mal fünf Minuten. Schritt für Schritt schreiten die Models auf zehn Zentimeter hohen Stilettos den 24,50 Meter langen Laufsteg der Berliner Fashion Week entlang: Stehen bleiben, posieren, Blitzlichtgewitter, wieder zurück. Der Catwalk ist dicht gesäumt, der Saal gefüllt, das Scheinwerferlicht grell und die Luft stickig. So bunt und exzentrisch wie am Mittwochabend war es den ganzen ersten Tag im Fashion-Zelt am Bebelplatz nicht. Es ist Mode à la Großer Heinrich: Farbenfrohe Kunstwerke aus Seide, Strick und Baumwolle mit großflächigen Drucken und auffälligen Muster. Strickleggings, Pluderhosen, Schalkapuzen. Es ist Mode aus Hannover.

Hinter den Kulissen warten die Designerinnen Astrid Großer und Gerti Heinrich ab, bis die Arbeit von Monaten in wenigen Minuten den Laufsteg passiert. Auf einem Monitor können sie die Show verfolgen. Sie haben für den großen Auftritt ihrer Kleider lange gearbeitet: Mit Nadel und Faden, mit Unmengen Stoff. „Eine Modenschau ist die Bühne, wo wir unsere Ideen präsentieren können“, sagt Gerti Heinrich. Dann müssen die jungen Frauen ihre Gesichter zeigen: durchatmen, raus auf den Catwalk, verbeugen, Applaus, schnell weg. Ein bisschen Ruhm für viel Arbeit.

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Backstage ist derweil Eile geboten: Großer Heinrich sind Nummer drei von fünf Designern, die an diesem Abend beim „Baltic Fashion Catwalk“ am Bebelplatz ihre Kollektionen präsentieren – auf einer Schau kreativer Modemacher aus dem Ostseeraum. Für eine Probe auf dem großen Laufsteg war nur kurz Zeit, die Schauen des Tages sind eng getaktet, oft bleiben die Sitzreihen im Zelt nur für eine halbe Stunde frei. Großer Heinrich hatten im vergangenen Jahr den „Baltic Fashion Award“ gewonnen, deswegen dürfen sie nun hier sein. Es ist erst ihre sechste Modenschau überhaupt. „Das ist etwas Besonderes für junge Designer, hier vor großem Publikum die Arbeit zu präsentieren. Das könnten wir uns sonst gar nicht leisten“, sagt Astrid Großer.

Gefunden haben sich die 26-jährigen Designerinnen beim Studium an der Fachhochschule Hannover (FHH), auch ihre Diplomkollektion entwarfen sie zusammen. Professorin Martina Glomb, die selbst jahrelang mit Vivienne Westwood arbeitete, war ihre Lehrerin. Jetzt sind die ehemaligen FHH-Studentinnen Teil des großen Modezirkus in der Hauptstadt. Designer aus der ganzen Welt zeigen auf der Modewoche noch bis Sonntag ihre Ideen für die Herbst- und Wintermode 2011/2012.

Über den prominentesten Laufsteg am Bebelplatz hatten vor Großer Heinrich am Mittwoch bereits Lena Hoschek, Patrick Mohr und Lala Berlin ihre Models geschickt – und die Front Row mit Stars und Sternchen verziert: Sylvie van der Vaart war da, ebenso Model Franziska Knuppe. Das weiße Schauzelt auf dem historischen Bebelplatz ist in diesem Jahr jedoch das letzte Mal aufgebaut worden – der Modetross soll zur nächsten Modewoche umziehen. Wohin, ist unklar. Noch stört das keinen: Ohnehin sind die Nebenschauplätze, die nicht zum offiziellen Teil der Modewoche zählen, die interessanten Termine. Kleine Showrooms, Ausstellungen, Klubs, die nur in dieser Woche öffnen.

Parallel gibt es auf den Messen „Bread & Butter“ am ehemaligen Flughafen Tempelhof, auf der „Bright“, „Premium“ und „5 elements“ Mode zu sehen. Der Modetrubel spült Geld in die leeren Hauptstadtkassen. 200.000 Besucher werden bis zum Wochenende erwartet. Regierungschef Klaus Wowereit sagte beim Eröffnungsrundgang auf der „Bread & Butter“ am Mittwoch, die Modewoche bringe 140 Millionen Euro Umsatz für Berlin.

Für Großer und Heinrich bedeutet der Auftritt auf der Modewoche jedoch: wenig Schlaf. Das Fitting, eine Dramaturgie für die Show zusammenstellen, der letzte Schliff an jedem einzelnen Kleidungsstück. Zudem arbeiten sie gerade an neuen Entwürfen, die Wochen zuvor waren ohnehin stressig. Die Stücke hat das Designer-Duo in Koffern und Kleidersäcken mit dem Auto nach Berlin gebracht.

Gerti lebt in Hannover, Astrid in Leipzig – in Thüringen produzieren sie ihre Strickwaren. Und jetzt Berlin: Dafür muss alles perfekt sein. Denn ihre Mode sehen sie als Kunst. Und die wollen sie verstanden wissen. „Unsere Mode ist ein Wahrnehmungsexperiment, wir wollen etwas völlig Neues schaffen“, sagt Gerti Heinrich. Das Konzept ist abstrakt, die Mode Avantgarde – und damit gewagter und kunstvoller als vieles, was andere Designer dieser Tage so am Bebelplatz präsentieren. So ist die Psychodiagnostik mittels Klecksbildern nach Rorschach gar die Grundlage des Designs – die Kleckse finden sich sowohl im Logo des Labels als auch auf den Kleidungsstücken.

Noch gehört das junge Label nicht zu denen, die als „Must Go“ des Modewochenpublikums gelten, doch sie hoffen darauf, dass sich ihre Kunst langsam herumspricht. Auf einer Modemesse in Paris haben sie kürzlich bereits Abnehmer für ihre Stücke in Hongkong und Seoul gefunden – in Deutschland noch nicht, hier sei man nicht mutig genug für Avantgarde-Mode, sagen sie. Am Ende des Abends, als im Fashion-Zelt bereits die Reinigungsgeräte im Einsatz sind, verstauen die jungen Frauen ihr Werk wieder in den Koffern – bald geht es nach Litauen. Für den nächsten kurzen Auftritt.