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Panorama Geschäftstüchtige Hells Angels spalten eine Stadt
Nachrichten Panorama Geschäftstüchtige Hells Angels spalten eine Stadt
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22:34 04.11.2010
Der Bordellbetreiber Wolfgang Heer (v. r.) und sein Sohn Michel werden bei einer Versammlung vom Geschäftspartner, dem hannoverschen Kiezkönig Frank Hanebuth (l.), unterstützt.
Der Bordellbetreiber Wolfgang Heer (v. r.) und sein Sohn Michel werden bei einer Versammlung vom Geschäftspartner, dem hannoverschen Kiezkönig Frank Hanebuth (l.), unterstützt. Quelle: Bruns
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Höllenengel und rote Teufel bevölkern die Walsroder Stadthalle. Gut 50 kräftige Herren mit zumeist kahl rasierten Schädeln belegen die ersten Reihen und gebärden sich wie eine geschlossene Formation. Trotzig verschränken sie ihre tätowierten Arme – Motorradfahrer in schwarzer Ausgehkluft, die sich selbst als „Outlaws“, sprich „Gesetzlose“, bezeichnen und den Hells Angels oder ihrer Unterstützergruppe, den Red Devils, angehören. Sie sind gekommen, um einem der Ihren den Rücken zu stärken: dem Walsroder Bordellbetreiber Wolfgang Heer.

Bisher war der 65-jährige Altrocker in der Kleinstadt ein hoch geachteter Mann. Zu Heers „Familienunternehmen“ gehören nämlich nicht nur etliche Bordelle, Sex-Wohnmobile und Sicherheitsdienste. Die Familie betreibt in Walsrode auch ein Kraftsportzentrum und eine allgemein akzeptierte Bowlingbahn. Beliebt machte sich der Geschäftsmann, der nach eigenen Worten 110 Festangestelle beschäftigt, aber vor allem mithilfe großzügiger Spenden. Der Chef des „Casanova Clubs“ sponserte Sportvereine, das Rote Kreuz, das Walsroder Stadtmarketing und die Onkologische Arbeitsgemeinschaft, gab Geld für den Weihnachtsmarkt, Kulturveranstaltungen und Feuerwerke. Sogar bei der Bürgermeisterwahl griff Heer tief in die Tasche, um einen Kandidaten zu unterstützen.

Mit all dem soll es nun vorbei sein, wenn es nach dem Grünen Ratsherren Detlef Gieseke ginge. Der Lehrer nämlich ruft die Walsroder dazu auf, auf Abstand zu dem Höllenengel zu gehen und genauer hinzugucken, woher das Geld kommt, mit dem Heer die Stadt so reichlich beschenkt. Gieseke nämlich hegt den Verdacht, dass der Walsroder Rotlichtfürst in kriminelle Machenschaften der Hells Angels verstrickt ist. Als „Treasurer“ ist Heer bei der Rockergang immerhin eine Art Schatzmeister und zudem eng mit Frank Hanebuth liiert, dem Chef der hannoverschen Hells Angels. Die beiden betreiben gemeinsam die Sicherheitsfirma GAB Security, die mit Türstehern am hannoverschen Steintor ebenso präsent ist wie bei Musikkonzerten in der Heide.

Für Hanebuth ist es daher Ehrensache, seinem Partner in Walsrode zur Seite zu stehen. „Wolfgang ist mein Freund“, sagt der stämmige Kiezkönig mit dem schmal gestutzten Henriquatre-Bart. „Wir müssen klarstellen, dass da nichts dran ist.“ Sogar Rudolf „Django“ Treller, Pressesprecher der deutschen Hells Angels, ist nach Walsrode gekommen, um deutlich zu machen, dass seine Organisation nichts mit Drogenhandel oder anderen schlimmen Dingen zu tun hat. Der ältere Herr mit der umgedrehten Baseballkappe sitzt neben Hanebuth, Wolfgang Heer und dessen Sohn und Geschäftspartner Michel in der ersten Reihe – Auge in Auge mit dem Ratsherren Gieseke, der in der überfüllten Stadthalle die Frage stellt: „Wie gefährlich sind die Hells Angels?“

Silke Stokar, die frühere innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, und Christine Kröger, Redakteurin aus Bremen, tragen hierzu alarmierende Einschätzungen von Sicherheitsbehörden vor, können aber zur Situation in Walsrode nicht mit Fakten aufwarten. Wolfgang Heer weist daher alle Anschuldigungen von sich, führt seine Spenden ins Feld (auch für einen Bürgermeisterkandidaten der Grünen) und betont, wie er mit seinen Mitteln für „Ruhe“ sorgt. „Ich habe keinen Heiligenschein auf dem Kopf und bin auch nicht harmlos“, sagt der Mann im rot karierten Hemd, der für die Veranstaltung eigens seinen Ägypten-Urlaub unterbrochen hat. „Aber ich finde es überhaupt nicht lustig, dass Ihre Freunde meine Familie im Internet diffamieren.“

Besonders entrüstet zeigt sich Heer, als Gieseke den Vorwurf wiederholt, wonach Hells Angels einen Anschlag auf sein Auto verübt hätten. Dabei wurden nicht nur Reifen zerstochen und Scheiben eingeschlagen, auf dem Dach wurde auch ein Feuerwerk entzündet. Enttäuschend sei für ihn gewesen, dass der Stadtrat sich nach dem „Anschlag“ nicht hinter ihn gestellt habe, sagt Gieseke. „Ich fühlte mich in diesen Tagen sehr alleingelassen in dieser Stadt.“

Der Stadtrat denkt offenbar nach wie vor nicht daran, auf den Kurs des Grünen einzuschwenken. „Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er Spenden von Herrn Heer annimmt“, findet auch Walsrodes parteilose Bürgermeisterin Silke Lorenz, die der Grünen-Veranstaltung fernblieb. „Das ist doch nicht unser Ding.“ Die Bürgermeisterin sieht auch keinen Grund, sich dafür zu schämen, dass sie bei der Eröffnung des heerschen Bowlingcenters für ein Pressefoto dem Junior die Hand schüttelte. „Ich lass mir kein Führungszeugnis vorlegen“, sagt die Bürgermeisterin. „Wenn er so ein böser Bube ist, dann muss sich die Polizei darum kümmern.“ Aber offenbar liege ja gar nichts gegen die Heers vor.

„Wir sind nur gefährlich, wenn man uns ärgert“, sagt Höllenengel Sascha. Notfalls lasse man dann eben auch schon mal die Fäuste sprechen. „Es gibt halt noch ein paar Krieger“, erläutert der Altenpflegeazubi: „Wir sind Männer, richtige Männer.“ Wolfgang Heer ist für den 26-Jährigen selbstverständlich „der Chef“. Klar, dass er zu ihm stehe: „Ich würde für den eine Kugel abfangen.“

Walsroder Abiturienten haben bereits ihre Erfahrungen mit den Drohgebärden von Heers Hintermännern gemacht. „Als sie es vor einigen Jahren gewagt haben, für ihre Abifeier nicht die Firma Heer, sondern einen anderen Sicherheitsdienst zu beauftragen, ist Michel Heer mit seinen Leuten angerückt, um die Konkurrenz zu vertreiben“, berichtet der Walsroder Anwalt Thomas Lasthaus. „Um Ärger zu vermeiden, haben die Schüler ihre Party vorzeitig abgebrochen.“ Heer Junior sei dafür später zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt worden. „Es darf einfach nicht sein, dass sich die Polizei wie im hannoverschen Steintorviertel zurückzieht und privaten Sicherheitsdiensten das Feld überlässt“, sagt der Anwalt. „Wir müssen alles tun, damit die Hells Angels nicht zum Staat im Staate werden.“

Heinrich Thies