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Panorama Große Welle von Austritten aus der katholischen Kirche
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14:04 19.12.2010
Quelle: dpa
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Nach Bekanntwerden des Missbrauchskandals sind dieses Jahr mehrere Zehntausend Gläubige aus der katholischen Kirche ausgetreten. Besonders groß ist der Aderlass nach einer Umfrage im Bistum Augsburg, wo der damalige Bischof Walter Mixa im Frühjahr einräumen musste, als Stadtpfarrer Heimkinder geschlagen zu haben. Hier verließen von Januar bis Mitte Dezember 11.351 Menschen die Kirche. Im Vorjahr waren es 6953 gewesen.

Noch dramatischer ist die Entwicklung laut „Frankfurter Rundschau“ im Bistum Rottenburg-Stuttgart, wo bis Mitte November 17 169 Katholiken ihrer Kirche den Rücken kehrten (2009: 10.619). Im Bistum Trier traten dem Bericht zufolge 7029 Mitglieder bis Mitte November aus (2009: 4583). Im Bistum Würzburg waren es laut dpa-Umfrage bis Oktober 5484 (2009: 3788) und im Bistum Osnabrück bis November 2817 (2009: 2100). Das Bistum Bamberg rechnet bis zum Jahresende mit rund 6000 Austritten (2009: 3991).

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Wichtigster Beweggrund sind offensichtlich die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen und der Umgang der Kirche damit. So wurden die meisten Austritte von März bis Mai verzeichnet, als die Skandale publik wurden. Im Bistum Augsburg kam der Streit um Bischof Mixa hinzu, der auch deshalb unter Druck geriet, weil er als Stadtpfarrer von Schrobenhausen Heimkinder misshandelt hatte. Erst nach einem heftigen öffentlichen Schlagabtausch reichte Mixa im April seinen Rücktritt ein. „Die Zahlen belegen, dass es für das Bistum Augsburg ein turbulentes Jahr war“, sagt Bistumssprecher Markus Kremser.

„Jeder einzelne Austritt schmerzt und ist einer zu viel“, betont der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann. „Ich hoffe, dass so mancher wieder zurückkehrt, wenn sich die Verärgerung über aktuelle Ereignisse gelegt hat und wieder verstärkt all das Gute in den Blick gerät, das die Kirche täglich in ihren vielfältigen Einrichtungen und Angeboten bewirkt.“ Hermann Haarmann vom Bistum Osnabrück dagegen meint: „Einem Austritt geht in der Regel schon ein längerer Entfremdungsprozess voraus.“

Die Bewegung „Wir sind Kirche“ warf den Bischöfen vor, die Krise auszusitzen. Nötig sei ein offener Dialog über die strittigen Themen. Dieser werde aber im Jahr des Papstbesuchs 2011 kaum möglich sein, sagte Sprecher Christian Weisner der „Frankfurter Rundschau“ (Samstag). Die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Karin Kortmann, verlangte im selben Blatt, die Kirche müsse dringend an einer „neuen Vertrauenskultur“ arbeiten und mehr Laien in die Verantwortung einbeziehen.

Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag) treten immer mehr Katholiken zu den Protestanten über. Allein die evangelische Landeskirche in Bayern verzeichnete demnach bis Ende November mehr als 5000 Eintritte; in den vergangenen Jahren waren es im Schnitt um die 3500 gewesen. Neben den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche habe Anfang 2010 aber auch die große Popularität der damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann eine Rolle gespielt, hieß es.

dpa