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Panorama Hillary Clinton besucht Erdbebengebiet in Haiti
Nachrichten Panorama Hillary Clinton besucht Erdbebengebiet in Haiti
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07:46 16.01.2010
US-Außenministerin Hillary Clinton reist am Sonnabend nach Haiti, um sich selbst ein Bild zu machen. Quelle: ap (Archiv)
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US-Außenministerin Hillary Clinton wird am Sonnabend nach Haiti reisen, um sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Erdbebenkatastrophe zu machen. Außerdem will sie sich über den Stand der amerikanischen Hilfsbemühungen informieren, wie die Ministerin am Freitag in Washington mitteilte. Geplant ist auch ein Gespräch mit dem haitianischen Präsidenten Rene Preval. Clinton hatte wegen des verheerenden Erdbebens am Dienstag eine Asien- und Pazifikreise abgebrochen und war nach Washington zurückgekehrt, um die US-Hilfe zu koordinieren.

USA wollen sich an Spitze der Haiti-Hilfsbemühungen setzen

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Die USA haben sich wenige Tage nach dem schweren Erdbeben in Haiti entschlossen an die Spitze der Hilfsbemühungen gestellt. Die haitianische Regierung übertrug den USA die Kontrolle des Flughafens der Hauptstadt Port-au-Prince, ein US-Flugzeugträger und 10.000 US-Soldaten sollen die Verteilung von Hilfsgütern beschleunigen. Doch verzweifelte wütende Menschen machen zusehends die Straßen unsicher.

„Wir haben ein Abkommen unterzeichnet, das den USA die Kontrolle über den Flughafen überträgt“, teilte US-Außenamtssprecher Philip Crowley mit. Die Vereinbarung gelte, „solange wie nötig, bis die haitianische Regierung bereit ist“, die Veranwortung wieder zu übernehmen. Das bitterarme Karibikland war am Dienstag von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden, zehntausende Menschen kamen ums Leben, 1,5 Millionen sind nach Schätzung der Regierung obdachlos.

Das US-Militär wollte überdies bis Sonntag ein Feldlazarett mit rund dreißig Ärzten nach Haiti verlegen, wie ein Luftwaffensprecher in Washington ankündigte. Bis Donnerstag soll auch das Krankenhausschiff „Comfort“ in Haiti eintreffen, auf dem bis zu 25 Operationen täglich vorgenommen werden können.

Am Sonntag will UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon in das Katastrophengebiet reisen, wo er seine Solidarität bekunden und die Hilfsanstrengungen überwachen will. Die UNO startete einen Spendenaufruf für 562 Millionen Dollar, um die Opfer der Naturkatastrophe mit dem Nötigsten zu versorgen.

Haitis Präsident René Préval begrüßte die Hilfe in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP am Freitag, bedauerte jedoch, dass sie schlecht koordiniert sei. „Wir brauchen internationale Hilfe, aber die Koordinierung ist ein Problem“, sagte der Staatschef, dessen Palast bei dem Beben ebenfalls teilweise eingestürzt war. Allein am Freitag seien 74 Flugzeuge auf dem Flughafen von Port-au-Prince gelandet, dessen Kapazität vollkommen ausgeschöpft sei.

Die USA beklagen Schwächen der Infrastruktur. „Wir haben eine Menge in Bereitschaft. Was uns jetzt zurückhält, ist die Infrastruktur in Haiti“, sagte Außenamtssprecher Crowley. Angesichts der schleppenden Nothilfe schlägt die Verzweiflung bei vielen Menschen bereits in Wut um. Immer wieder kommt es zu Plünderungen und Prügeleien. Der Haiti-Gesandte der UNO und Ex-US-Präsident Bill Clinton warnte am Freitag, die ersten Unruhen seien nur der Anfang. „Sie werden sehr wütende Menschen sehen, Menschen die plündern, Menschen, die Dinge sagen und tun, die uns nicht gefallen“, sagte er dem Fernsehsender Fox News.

Angesichts der Schwächung der haitianischen Regierung und wegen der Furcht vor gewalttätigem Chaos kündigte der brasilianische Verteidigungsminister Nelson Jobim an, sein Land werde „nicht-tödliche Waffen wie Gummigeschosse“ nach Haiti schicken. Haitis Präsident Préval habe gewarnt, dass die Menschen wegen des Mangels an Wasser, Nahrung und Treibstoff unruhig zu werden drohten. Er fürchte eine Explosion der Gewalt, sagte Jobim, der von einem zweitägigen Aufenthalt in Haiti zurückkehrte.

Leben inmitten von Resignation und Leichengeruch

Drei Tage lang war Josyanne Petidelle unter den Trümmern ihres Hauses in Port-au-Prince verschüttet. Schließlich wird die 19-Jährige reglos herausgeholt. Helfer sagen den weinenden Angehörigen, sie sollten ihren Körper doch zu den anderen Leichen ablegen. haiti

Aber die Familie protestiert. So beugt sich ein Sanitäter zu der jungen Frau hin und fasst ihr noch einmal an den Hals. „Sie lebt!“ ruft er, „sie lebt!“

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit finden die Rettungskräfte überall in Port-au-Prince noch Verschüttete, die atmen und lebend geborgen werden - am dritten Tag nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke 7,0. Britische Feuerwehrleute ziehen ein zweijähriges Mädchen aus einem eingestürzten Haus. Im Montana Hotel werden am Donnerstag und Freitag sieben Menschen aus den Gebäudetrümmern befreit, unter ihnen vier US-Bürger, die nach kurzer Zeit schon wieder aufstehen und laufen können.

„Sie ist mir geradezu in die Arme gelaufen“

Ein australisches Fernsehteam erlebt seinen ganz besonderen eigenen Auftritt. Die Journalisten arbeiteten gerade an einem Bericht, als Reporter und Nachbarn ein Kleinkind schreien hörten. Wenig später ziehen sie ein gesundes, 16 Monate altes Mädchen aus den Trümmern seines zerstörten Elternhauses - 68 Stunden nach dem Erdstoß vom Dienstag.

„Wir mussten ein paar Wände niederreißen“, sagt David Celestino, der in der Dominikanischen Republik für das Fernsehteam angeheuert wurde. „Wir hatten einen großen Hammer, wir schlugen ein Loch in die Wand, und sie kam ans Tageslicht. Sie ist mir geradezu in die Arme gelaufen.“

Dabei sagen alle Experten, dass mit jedem Tag die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass verschüttete Erdbebenopfer noch gerettet werden können. Nach etwa drei oder vier Tagen ohne Wasser gebe es kaum noch Hoffnung, sagt Michael VanRooyen von der Harvard Humanitarian Initiative in Boston.

Auf einer alten Matratze zu Sanitätern gebracht

Aber mitten in der zunehmenden Resignation und im unerträglichen Geruch verwesender Leichen stellt das Leben seine Widerstandskraft unter Beweis. Die Rettung von Josyanne Petidelle in der Vorstadt Carrefour-Feuille löst im ganzen Viertel Begeisterung und Hoffnung aus. Die Nachbarn eilen herbei und gratulieren der Familie und sich selbst zur wundersamen Überwindung des Todes wenigstens in diesem einen Fall.

Drei Stunden lang haben Josyannes Vater, ihr Freund und die Nachbarn ohne Unterlass gegraben, nachdem sie ihre Rufe unter dem eingestürzten Haus gehört hatten. Als sie sie endlich erreichen, ist sie ohne jede Bewegung, das Kleid nur noch ein Lumpen, die Haut in weißem Staub gebacken und blutig. Während Fliegen über die offenen Wunden kreisen, hält sie die Augen weit geöffnet, ohne einen Wimpernschlag blicken sie ins Leere.

Die meisten Nachbarn halten sie für tot und richten ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Einsatzteam, Feuerwehrleute aus Miami, die gerade angekommen sind. Aber die Angehörigen legen Josyanne auf eine alte Matratze und verwenden diese als Trage, um die junge Frau die Straße hinaufzubringen zu einem Team von israelischen und mexikanischen Helfern, die dort an der eingestürzten Schule von St. Gerard im Einsatz sind.

„Wir können ihre Schreie hören, erreichen sie aber nicht“

Als Sanitäter Josyanne auf der Matratze sehen, rufen sie der Familie verärgert zu, sie sollten sie die Straße hinunterbringen, wo die anderen Leichen im Staub liegen. Aber Josyannes Vater und ihr Bruder bitten so lange, bis sich einer der Helfer müde über die Matratze beugt und zwei Finger gegen den Hals der Frau presst. Eine Sekunde später ruft er ganz überrascht, dass sie doch noch am Leben sei.

Jetzt eilen Ärzte und Schwestern zu der Frau, flößen ihr Wasser durch den halb geöffneten Mund. Schließlich stößt Josyanne einen lauten schmerzerfüllten Schrei aus, was die Ärzte als gutes Zeichen werten. Dov Maisel, ein gerade erst aus Israel eingetroffener Arzt, sagt, sie habe vermutlich mehrere innere Verletzungen. „Aber ich denke, sie wird leben“, sagt er. Auf der mit Blut getränkten Ladefläche eines Lastwagens wird Josyanne in die Zentralklinik gebracht.

Unterdessen graben die anderen Helfer weiter in den Trümmern der Schule. Eine Gruppe von Freiwilligen aus Mexiko arbeitet sich mit Schaufeln und bloßen Händen voran. Einer von ihnen ist Louis Alva. Er erklärt: „Wir können ihre Schreie hören, aber zurzeit erreichen wir sie nicht.“

ap

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