Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Hohe Zahl gefälschter Medikamente in Europa
Nachrichten Panorama Hohe Zahl gefälschter Medikamente in Europa
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:11 07.12.2009
EU-Kommissar Verheugen prangert die hohe Zahl gefälschter Medikamente in Europa an.
EU-Kommissar Verheugen prangert die hohe Zahl gefälschter Medikamente in Europa an. Quelle: ddp (Symbolbild)
Anzeige

„Das hat alle Befürchtungen übertroffen.“ Bereits im Juli hatte die Europäische Kommission vor einer hohen Zahl gefälschter Medikamente gewarnt. Mit dem neuen Vorstoß will Verheugen offenbar die festgefahrenen Verhandlungen um das „Pharmapaket“ voranbringen, ein Bündel von Richtlinien und Verordnungen zur Medikamentensicherheit.

Angesichts der großen Menge von Arzneimittelfälschungen geht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) davon aus, dass „fast alles gefälscht wird, was auf dem Markt ist“ – vor allem Antibiotika, Krebs- und Malariamedikamente, Cholsterinsenker und Schmerzmittel sowie sogenannte Lifestyle-Medikamente wie die Potenzpille Viagra oder Haarwuchsmittel. Die Gefährlichkeit gefälschter Produkte ist laut BfArM-Mitarbeiter Axel Thiele unterschiedlich: „In der Regel ist in den gefälschten Medikamenten entweder gar kein Wirkstoff drin, dann ist also nur Zucker drin oder Stärke, oder aber der Wirkstoff ist gefälscht, wobei die Qualität nicht immer dem Originalprodukt entsprechen kann. Oder aber es ist zu viel drin oder zu wenig.“ Bei vielen solchen Präparaten aus dem Internet fehlten zudem die Gebrauchsinformationen, sodass der Konsument zum Beispiel nicht über Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten informiert werde.

Wer bei einer Internetapotheke einkaufen wolle, sollte diese vorher genau prüfen, riet Thiele. Verdächtig seien vor allem Versandapotheken, die verschreibungspflichtige Mittel verschreibungsfrei anböten, sagte Thiele. Eine entsprechende Google-Suche ergab am Montag mehr als 220 000 Treffer. Auch wenn eine Webseite Möglichkeiten anbiete, die Verschreibungspflicht zu umgehen – etwa durch das Beantworten einiger Fragen, die dann angeblich von einem Arzt bewertet würden –, sollten die Alarmglocken klingeln, sagte Thiele.

Mit ihren Produkten nähmen Fälscher den Tod von Menschen billigend in Kauf, um ihren Profit zu optimieren, sagte Heinz-Günter Wolf, Präsident des Bundesverbandes der Apotheker (ABDA), in Berlin. Verheugen bezeichnete die Medikamentenfälschungen als Kapitalverbrechen, das mit aller Härte bestraft werden müsse. „Jede Fälschung von Medikamenten ist ein versuchter Massenmord.“ Sowohl Verheugen als auch die ABDA plädieren für strengere EU-Richtlinien. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) kündigte ebenfalls Maßnahmen für eine bessere Patientensicherheit an. Verheugen erwartet, „dass sich die EU im kommenden Jahr einigen wird, dass der Weg einer Arznei von der Herstellung bis zum Verkauf minutiös zurückverfolgt werden kann. Dazu wird es Sicherheitszeichen auf den Medikamentenpackungen geben, darunter einen Barcode“.

Strittig ist im Europaparlament dagegen eine Lockerung des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Medikamente, das es den Pharmakonzernen erlauben würde, Kunden etwa in Zeitungsanzeigen direkt über ihre Produkte zu informieren. Der europäische Verbraucher-Dachverband BEUC hat das Vorhaben als „versteckte Werbung“ gebrandmarkt; im EU-Ministerrat liegt es gänzlich auf Eis. Auch die Konservativen haben eine Lockerung des Werbeverbots als „nicht sinnvoll“ bezeichnet, da diese zur vermehrten Verschreibung von teuren und nebenwirkungsreichen Medikamenten führen könnten. Denkbar sei nur eine sachgerechte und unabhängige Information, die der Patient von sich aus nachfragt, etwa die Veröffentlichung von Beipackzetteln im Internet in verständlicher Übersetzung.

Die SPD-Europaabgeordnete Dagmar Roth-Behrendt forderte, die Verhandlungen zum „Pharmapaket“ fortzusetzen. „Patientenvertreter verlangen seit Langem nach einer Möglichkeit für Patienten, verlässliche krankheitsorientierte Informationen über Arzneimittel und deren Anwendung zu bekommen“, sagte sie. „Es darf nicht sein, dass jeder Patient Englisch sprechen muss, um sich auf amerikanischen Internetseiten die gewünschten Informationen zusammenzustellen. Wichtige Angaben zu Arzneimitteln müssen leicht zugänglich und nicht nur beim Arzt erhältlich sein.“ Die Mitgliedsstaaten dürften den Bürgern nicht die Mündigkeit absprechen.

von Nicola Zellmer


Vorsicht beim Einkauf von Medikamenten

Was ist an einer Fälschung so schlimm?

Für die erfolgreiche Wirkung eines Medikaments sind die saubere Herstellung und die genaue Dosierung des Wirkstoffs entscheidend. Damit nehmen es Fälscher aber meist nicht genau. Manchmal enthalten die Präparate auch unwirksame Stoffe. Diese schaden vielleicht nicht. Aber vor allem helfen sie nicht – der Patient kann im schlimmsten Fall sterben, weil er ohne es zu wissen nichts gegen seine Krankheit tut.

Wie erkenne ich ein gefälschtes Arzneimittel?

Als Laie meist gar nicht. Grund zur Vorsicht besteht, wenn das Medikament nicht wie gewünscht oder plötzlich anders wirkt als bisher. Skepsis ist auch angesagt, wenn Packung oder Beipackzettel nicht ordnungsgemäß erscheinen. Allerdings ist eine veränderte Verpackung nicht zwangsläufig ein Indiz für eine Fälschung, bei Reimporten von Originalarzneimitteln gibt es etwa durchaus überklebte Verpackungen.

Wo kann ich meine Medikamente ohne Risiko einkaufen?

Die Apotheker empfehlen schon aus Eigeninteresse den Einkauf in der Apotheke vor Ort. Alternativ raten sie zum Kauf bei deutschen Versandapotheken. Bei verschreibungspflichtigen Präparaten muss das Rezept hier per Post eingeschickt werden. Falls Apotheken den rezeptfreien Verkauf rezeptpflichtiger Arzneien anbieten, sollten Verbraucher in jedem Fall die Finger davon lassen.

Wie weisen sich seriöse deutsche Versandanbieter aus?

Das dem Bundesgesundheitsministerium untergeordnete Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) führt ein Register aller zum Versandhandel zugelassenen Apotheken und vergibt an diese ein Sicherheitslogo. Über einen Klick auf das Sicherheitslogo kommen Internetnutzer an alle relevanten Informationen über die Apotheke und können so ihre Seriosität prüfen.

Was tut die EU?

Laut Verheugen sollen 2010 Maßnahmen gegen die Medikamentenfälscher beschlossen werden. So soll der Weg einer Arznei von der Herstellung bis zum Verkauf minutiös nachvollziehbar werden. Auf den Packungen sollen entsprechende Sicherheitszeichen angebracht werden – was allerdings zu höheren Preisen führt. Der scheidende EU-Kommissar Verheugen hatte bereits 2008 entsprechende Vorschläge gemacht, die aber noch nicht umgesetzt wurden.

afp


Registrierte Versandapotheken

Nach Apothekenname sortiert

Nach Ort der Apotheke sortiert

Nach Internetadresse sortiert

Nach Datum der Erlaubniserteilung sortiert