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Panorama Istanbul droht neuer großer Regen
Nachrichten Panorama Istanbul droht neuer großer Regen
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20:18 10.09.2009
Mindestens 32 Menschen kamen bei der Wetterkatastrophe ums Leben. Quelle: afp
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Sie sollen am Freitag und Sonnabend über der Nordwesttürkei niedergehen. Istanbuls Bürgermeister Kadir Topbas sagte, die erwarteten Niederschläge könnten sogar noch heftiger sein als die Regenfälle der vergangenen zwei Tage.

Am Donnerstag fanden Suchtrupps in der nordwesttürkischen Provinz Tekirdag ein weiteres Opfer der tödlichen Flut. Es handelt sich um einem Bauern, dessen Hof am Dienstag von der Flutwelle überspült wurde. Die Frau des Mannes und seine drei Töchter waren bereits zuvor tot geborgen worden. Damit hat die Katastrophe bisher mindestens 32 Tote gefordert. Acht Menschen wurden am Donnerstag noch vermisst, und Behördensprecher warnten, die Zahl der Opfer könnte letztlich sehr viel höher sein. Noch gibt es kein genaues Bild über die Folgen der Katastrophe.

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Nachdem das Wasser im Istanbuler Westen abgelaufen ist, bietet sich dort ein Bild völliger Verwüstung. Viele Straßen sehen aus wie Gebirgsbäche: Die braune Flut hat sich metertief in die Straßen gegraben, hat Asphalt, Kanalisation und Versorgungsleitungen mitgerissen. Augenzeugen berichten, die Flutwelle sei „wie ein Tsunami“ durch die Straßen gerast. Im Stadtteil Ikitelli, der am schlimmsten betroffen ist, spülten die Wassermassen fast den gesamten Lagerbestand eines Hausgeräte- und Elektronik-Großhändlers weg.

Waschmaschinen, Kühlschränke und Fernseher wurden Kilometer weit fortgeschwemmt und landeten irgendwo in den umliegenden Straßen. Plünderer machten sich über die Geräte her. Die meisten Apparate dürften aber unbrauchbar sein. Auch viele Einzelhändler mussten hilflos mit ansehen, wie die Flut die Waren aus ihren Läden fortspülte. Die Straßen im Katastrophengebiet sind übersät mit zertrümmertem Mobiliar. Das Rechenzentrum des Mobilfunkbetreibers Vodafone wurde ebenfalls überschwemmt und fiel aus. Dadurch brach das Handynetz teilweise zusammen. Ali Erat, Vizechef des Versicherungskonzers Axa Sigorta, schätzt, dass die Flut Sachschäden von umgerechnet 50 bis 60 Millionen Euro hinterlassen hat.

Mit Kränen und Bulldozern versuchten Räumtrupps am Donnerstag die Wracks zerstörter Autos, Busse und Lastzüge entlang der Autobahn zum Atatürk-Flughafen zu bergen. Am schlimmsten sieht es auf dem Lastwagendepot Orhas Ihrachat aus. Hier machten viele Fernfahrer in der Nacht zum Mittwoch Pause und schliefen in ihren Fahrzeugen, als die Flutwelle am Morgen über den Parkplatz hereinbrach und selbst schwere Sattelzüge wie Spielzeugautos ineinanderdrückte. Mindestens 13 Fahrer kamen allein an diesem Ort ums Leben. Es wird befürchtet, während der Aufräumarbeiten weitere Opfer zu finden.

Ministerpräsident Tayyip Erdogan sprach nach einem Besuch des Katastrophengebiets von einem „Jahrhundert-Desaster“. Neben Ikitelli wurden auch die Stadtteile Gaziosmanpasa, Arnavutköy, Esenler, Eyüp und Sultangazi von schweren Überschwemmungen heimgesucht. Im Stadtteil Sisli musste eine achtstöckiges Wohnhaus evakuiert werden, nachdem sich Risse in den Wänden zeigten. Offenbar sind die Fundamente unterspült.

Am Mittwochfrüh habe Istanbul „innerhalb einer einzigen Stunde 205 Kilo Regenwasser pro Quadratmeter abbekommen“, sagte Bürgermeister Topbas. „Das war der stärkste Regen, den die Stadt seit 80 Jahren erlebt hat.“ Topbas sprach von einem „ökologischen Jüngsten Gericht“: Die Menschen zahlten nun den Preis für die Verschmutzung der Umwelt und den Raubbau an der Natur. Auch Premier Erdogan mahnte dazu, aus der Katastrophe zu lernen. So sollen die Behörden künftig verhindern, dass Flussbetten bebaut oder zu Straßen asphaltiert werden. Fachleute sehen in der weitverbreiteten Praxis des planlosen und nicht genehmigten Bauens die Hauptursache der Katastrophe.

von Gerd Höhler