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Panorama Jesuiten wollen Missbrauchsopfer finanziell entschädigen
Nachrichten Panorama Jesuiten wollen Missbrauchsopfer finanziell entschädigen
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12:38 16.09.2010
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Nach dem Benediktinerkloster Ettal will nun auch der Jesuitenorden als Teil der katholischen Kirche in Deutschland Opfern sexueller Gewalt Entschädigungen anbieten - unabhängig von den Bischöfen. „Wir sind sehr daran interessiert, im Einvernehmen mit der Deutschen Bischofskonferenz zu einer Lösung zu kommen“, sagte der Ordenssprecher Thomas Busch in München.

Er trat damit dem Eindruck entgegen, die Jesuiten setzten mit finanziellen Angeboten an Missbrauchsopfer die katholischen Bischöfe unter Druck. Die Bischofskonferenz trifft sich von kommendem Montag an in Fulda zur ihrer Herbstvollversammlung.

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Busch bestätigte allerdings einen Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, wonach sich bereits an diesem Samstag Vertreter der Opfer-Organisation „Eckiger Tisch“ in Berlin mit dem obersten Vertreter der Jesuiten in Deutschland, Stefan Kiechle, treffen. „Dabei werden wir über Fragen der Genugtuung für Missbrauchsopfer sprechen“, sagte Busch.

Über die Höhe der Entschädigungen müsse aber noch geredet werden. „Wir denken an eine Summe im vierstelligen Bereich“, sagte Kiechle der SZ. Es sei noch nicht entschieden, ob der Mindestbetrag bei 5000 Euro liegt. „Ja, wir wissen, dass wir bluten müssen“, sagte Kiechle in dem Interview. 200 ehemalige Schüler hätten sich beim Orden gemeldet und gesagt, dass ihnen sexuelle Gewalt angetan wurde. „Wie viele von ihnen auch eine Entschädigung wollen, wissen wir nicht.“

Eine unabhängige Kommission solle klären, wer Anspruch auf Geld hat. Es sollen weder Spenden verwendet noch Geld aus Projekten abgezogen werden, wie Kiechle erläuterte. Die Ordensmitglieder müssten sich dafür in ihrem Lebensstil einschränken. „Die Brüder sind zum Verzicht bereit.“ Sühne tue weh, „das muss sie auch“.

Das finanzielle Angebot der Jesuiten an Missbrauchsopfer schwächt womöglich die Verhandlungsposition der Bischöfe beim Runden Tisch gegen Missbrauch und gegenüber Opferorganisationen. Der Orden handle jedoch nicht an der Bischofskonferenz vorbei, sagte Kiechle. „Aber wir sehen, dass wir Jesuiten jetzt ein Zeichen setzen müssen, damit es um der Opfer willen vorangeht.“ Im Januar war bekanntgeworden, dass Jesuiten an mehreren vom Orden getragenen Bildungseinrichtungen in den 1980-er Jahren Schüler sexuell missbrauchten.

Die Bischöfe sind zwar im Prinzip bereit, Opfer von sexueller Gewalt zu entschädigen. Wie dies geschehen soll, ist aber noch offen. „Die Deutsche Bischofskonferenz wird sich an der Klärung von Lösungsmodellen in Fragen der Entschädigung bei sexuellem Missbrauch beteiligen“, sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, am Donnerstag. „Dazu diskutieren wir nicht nur am Runden Tisch, sondern werden dort auch an einer tragfähigen Lösung mitarbeiten.“ Zeitvorgaben und Inhalte gebe es noch nicht. Den Vorschlag der Jesuiten wollte Kopp nicht kommentieren.

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Triers Bischof Stephan Ackermann, wollte sich zu dem Vorstoß der Jesuiten nicht äußern. Er hatte Ende August bereits für die katholische Kirche signalisiert, dass Vertreter von Orden und der Bischofskonferenz „bald“ einen Entwurf zum Thema Entschädigung beim Runden Tisch einbringen werden.

Bereits im August hatte das Benediktinerkloster im oberbayerischen Ettal erklärt, dass es einen Opferverein finanziell unterstützt. Ordenssprecher Michael Müller dementierte nicht, dass es sich um einen fünfstelligen Betrag handelt. Auf dpa-Anfrage bestätigte er am Donnerstag zudem, „dass es bereits erste Hilfeleistungen für Geschädigte gab“. Auch in dem Kloster waren zu Jahresbeginn zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen an Internatsschülern bekanntgeworden.

dpa