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Panorama Johanna geht jagen - junge Frauen auf der Pirsch
Nachrichten Panorama Johanna geht jagen - junge Frauen auf der Pirsch
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12:39 23.10.2011
Johanna Köhler geht auf die Jagd. Quelle: dpa
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Lüneburg

Mit geschulterter Waffe marschiert Johanna Köhler im ersten Morgengrauen hinunter zum Maisfeld. Nachts hat es Frost gegeben, der Maishäcksler hat eben mit der Ernte begonnen. Es sollen Wildschweine geschossen werden, „Schwarzwild“, sagt Jungjägerin Johanna. Immer mehr Schweine machten es sich zum Leidwesen der Landwirte in den Maisschlägen gemütlich, erläutert sie, nun soll es ihnen an den Kragen gehen. Jäger aus der Umgebung umstellen das Feld, Johanna bezieht den ihr zugewiesenen Posten.

Die 20-Jährige mit dem Pferdeschwanz ist die einzige Frau in der kleinen Gruppe. Selbst in Pullover und gefütterter Jacke wirkt Johanna Köhler zierlich. Die schwere Büchse mit dem großen Zielfernrohr lässt sie noch schlanker erscheinen.

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Die Jägerin zückt ihr Handy. „Hier müssen noch zwei bis drei Reihen weg, damit ich freies Schussfeld habe“, sagt sie dem Jagdleiter resolut. Wenig später zieht die gewaltige Erntemaschine mit lautem Getöse an ihr vorüber. Aufmerksam beobachtet sie vom Rand des Feldes den langsam kleiner werdenden Maisschlag, eine Formation Kraniche zieht am Mond vorbei Richtung Süden. Stundenlang harrt die junge Frau schussbereit mit dem Gewehr in den Händen aus, während die Sonne ganz langsam die Eiskristalle an den Brennnesselblättern schmelzen lässt. „Meist warten die Schweine bis zuletzt“, sagt Köhler, „erst dann rennen sie los.“

Höchste Konzentration, nur eine kleine Fläche ist noch mit Mais bedeckt - längst ist heller Tag. Dann fährt der Maishäcksler an und verschlingt die letzten Reihen. Ein Rehbock stürzt in hohen Sprüngen über den kahlen Acker davon, dann ist Ruhe. „Die Schweine waren schlauer, die haben sich diesmal schon vorher aus dem Staub gemacht“, sagt die junge Frau. Dann entlädt sie die Waffe und verabschiedet sich.

Am nächsten Morgen das nächste Feld. Johanna Köhler ist wieder dabei, und wieder ist sie die einzige Frau. Was zieht sie zu nachtschlafender Zeit mit dem Gewehr nach draußen? „Vor allem das Traditionelle hat mich gelockt“, sagt sie. „Ich bin schon von klein an mit Papa mitgegangen. Bei Spaziergängen war die Flinte immer dabei, und ich habe die Hasen hochgescheucht“, erzählt sie. Auch der Opa war leidenschaftlicher Jäger. Vor dem Hof der Familie in einem schmucken Dorf vor den Toren Lüneburgs steht ein großer Findling, darauf die Inschrift: „Hof Köhler. Seit 1534“.

Das einschneidendste Erlebnis sei eine Bockjagd mit dem Vater gewesen, als sie gerade zwölf war, erzählt die 20-Jährige. „Das hat mich geprägt, seitdem habe ich Jagd-Kataloge studiert“. Wichtig sei ihr auch das direkte Erleben der Natur: „Nur so auf dem Hochsitz hocken - auch wenn man den Finger gerade lässt. So habe ich meinen ersten Bock aus Ehrfurcht vor dem Tier ziehen lassen.“ Sie hat den Jagdschein vor zweieinhalb Jahren gemacht. Ein Wildschwein, einen Fuchs, eine Ente und einen Fasan hat sie seitdem erlegt. Auch das Aufbrechen der Beute - Öffnen und Ausnehmen - gehöre dazu, erklärt sie. „Beim ersten Mal habe ich schon tief Luft geholt“, bekennt die Studentin der Agrarwissenschaften. Sie habe von dem Jagdschein enorm profitiert, erzählt sie begeistert. „Was man alles an Wissen über die Natur gelernt hat, das war schon gewaltig.“

Wie Johanna Köhler, so zieht es immer mehr junge Frauen zur Jagd. „Wir haben einen eindeutigen Trend: Noch vor 15 Jahren war bundesweit nur jeder hundertste Jagdscheininhaber eine Frau, heute sind es bereits zehn Prozent “, berichtet Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutzverband (DJV). „Eine bisher unveröffentlichte DJV-Studie unter angehenden Jägern hat ergeben, dass in den Vorbereitungskursen für die Jägerprüfung mittlerweile sogar 24 Prozent Frauen sitzen“. Die Entwicklung bestätigt auch der Landesjagdverband Niedersachsen. „Wir beobachten diesen Trend vor allem in der Altersgruppe der 16- bis 30-Jährigen“, sagt Sprecher Florian Rölfing.

An diesem Herbstabend sitzt Johanna auf ihrem Lieblingssitz, sie blickt über eine Waldlichtung mit kleinen Sonnenblumen. Bald wird es dunkel, und auch die Vögel geben allmählich Ruhe. Dann ist es ganz still. Mal schauen, ob der Bock kommt.

dpa

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