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Panorama Johannes Heesters (1903-2011)
Nachrichten Panorama Johannes Heesters (1903-2011)
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22:44 26.12.2011
Foto: Der Schauspieler Johannes Heesters ist tot.
Der Schauspieler Johannes Heesters ist tot. Quelle: dpa
Starnberg/Berlin

Sein Gesang sei erbärmlich, notiert der hundertjährige Schriftsteller Ernst Jünger im Tagebuch, was ihn aber nicht davon abhält, morgens laut unter der Dusche zu schmettern: „Ritten drei Ungarn, stämmige Husaren / Trab, trab, trab, trab durch die Lombardei.“ Er müsse das, steht weiter in „Siebzig verweht V“, „am Kurfürstendamm von Claire Waldow, jedenfalls hieß sie so ähnlich, gehört haben“. Waldow? Typisch für Jünger, der sonst alles penibel nachrecherchiert, dass er es für eine lässliche Sünde hält, ausgerechnet diesen Namen (richtig: Waldoff) falsch zu schreiben.

Leichte Muse halt. Interessanter aber noch, dass die Notiz bestätigt, was heute immer schwerer wird, sich vorzustellen: Die haben sich damals natürlich alle gekannt in diesem Berlin der dreißiger Jahre – Gottfried Benn, Ernst Jünger und der Jurist Carl Schmitt, Claire Waldoff und Johannes Heesters. Zwar saß man nicht immer Seit’ an Seit’ in denselben Lokalen, aber die ganze Lebenswelt und das Milieu waren doch gleich. „Weeste noch?“ hatte die Waldoff in den fünfziger Jahren ihre Memoiren überschrieben, tja, und nun stirbt der Allerletzte von denen, der noch entfernt wusste, wie es damals zugegangen ist: Johannes Heesters ist friedlich eingeschlafen im Alter von eigentlich fast unglaublichen 108 Jahren in Starnberg bei München, wo er mit seiner zweiten Frau, Simone Rethel, wohnte.

Johannes Heesters aus Amersfoort in der niederländischen Provinz Utrecht, 1903 dort geboren (als Tschechow den „Kirschgarten“ schrieb!) und später in Deutschland (und nur da) stets Jopie gerufen, erschien im Berlin der dreißiger Jahre keineswegs als Unbekannter. Er hatte sich seinen guten Namen schon ertingelt, und zwar erst in Amsterdam, wo er, kaum ausgebildet, bereits auf der Bühne der Stadtsschouwbourg stand: ein Frühgereifter als Ensemblemitglied von Het Nederlandse Toneel. Exklusiver konnte man damals in den Niederlanden am Theater nicht arbeiten.

Heesters spielte Shakespeare und Strindberg, sah glänzend aus und konnte, was früh bemerkt wurde, singen. In den Niederlanden avancierte er binnen Kurzem zum hoch gefeierten Operettenkönig, heiratete, wie im Märchen, eine Operettenkönigin, nämlich Wiesje Ghijs, und wurde Vater. Aus Karrieregründen folgte Wien. Heesters lernte Deutsch und nahm die Stadt und die Volkstheater, wie man so sagt, im Sturm.

Berlin stellte sich als andere Herausforderung dar. Heesters war jetzt dreißig Jahre alt und berühmt. Hier, in Deutschland, würde er Geld verdienen. Es war der normale Weg. Andererseits waren gerade die Nazis an die Macht gekommen. Heesters hatte wohl keine Vorstellung, was das wirklich bedeutete, registrierte aber wohl, dass seine mutmaßlichen Konkurrenten um die Publikumsgunst, Joseph Schmidt („Ein Lied geht um die Welt“), Richard Tauber und Jan Kiepura außer Landes gegangen waren. So wurde Heesters Hitlers Lieblings-Danilo in Hitlers Lieblingsoperette „Die Lustige Witwe“ (deren Komponist, Franz Lehár, noch vor Wagner in Hitlers Gunst rangierte). Wie selbstverständlich nahm der Niederländer Johannes Heesters den vakanten Posten des beliebtesten deutschen Unterhaltungsstars ein. Da viele Operettentheater schlossen, schließlich waren Text- und Musiklieferanten fast alle Juden, orientierte sich Heesters zum Film hin. An der Seite von Marika Rökk war er der „Bettelstudent“, mit Oberlippenbärtchen und diesem (un)verschämten Lächeln, das Heesters auszeichnete, und filmte und schauspielerte weiter, bis die Welt in Deutschland endgültig in Stücke ging.

Hatte Heesters nicht gemerkt, was jenseits der Bühnen gespielt wurde? Aber ja. 1941 beispielsweise schickt man ihn nach Dachau, um durch seine Anwesenheit zu beweisen, dass so ein Konzentrationslager doch wohl ein ganz friedlicher Ort ist, wenn selbst Johannes Heesters keinen Anstoß nimmt. Man sieht ihn auf Fotos da stehen, wie er grübelt, als ein polnisches Häftlingsorchester aufspielen muss, und wer einigermaßen Gesichtszüge zu lesen weiß, erkennt sofort, dass sich die Nazis keinen Gefallen getan hatten, als sie Heesters zu Propagandazwecken missbrauchen wollten. Mit der mürrischen, abweisenden, sichtlich verschlossenen Miene des Niederländers ist keine Werbung für den SS-Staat zu machen. Gleichwohl haben die Bilder Heesters namentlich in den Niederlanden immer geschadet, wo es bis in sein hohes Alter hinein eine nicht enden wollende Diskussion gab, ob er ein Opportunist gewesen sei und dauernde Verachtung verdiene. Kurz vor seinem hundertsten Geburtstag 2003 bat Heesters seine Landsleute um Verzeihung. Er habe nur an seine Karriere gedacht, nicht an Hitler. Königin Beatrix antwortete damals ein wenig eisig-schmallippig, „die Zeit“ werde „die Tatsachen in die richtige Perspektive“ bringen. Im Jahre 2008 schließlich sorgte der Theaterdirektor von Heesters’ Heimatgemeinde Amersfoort, Pieter Erkelens, dafür, dass der verlorene Sohn doch noch einmal in den Niederlanden auftreten konnte. Und er kam, sang und gewann auf der ganzen Linie – halb blind, aber hellwach. Ein Phänomen, wie zuletzt im „Jedermann“ in Stuttgart noch einmal zu erleben. Da war Heesters Gott persönlich, und höher hinaus geht es ja nun mal beim besten Willen nicht.

Heesters ist ein Traumtänzer gewesen, und der Gewinn des Publikums war, dass es sich mit ihm verlieren konnte – im Nichts. Ein Luftikus, der die Leute von der Wirklichkeit ablenkte, stellte sich selbst oft außerhalb der Realität. War er nicht Schauspieler? Also sah er sich zu. Was sah er nach dem Krieg – an und für sich? Die Frauen jedenfalls lagen ihm noch immer reihenweise zu Füßen, wo er sie meist nicht liegen ließ. Und wie Heesters vorher vonnöten gewesen war, um die braune Wirklichkeit schön zu färben, war er jetzt mindestens genau so willkommen, als es darum ging, eine graue Welt wieder bunt zu streichen, und sei es nur zum Schein.

Heesters durfte vom ersten Augenblick in der Rolle des Fassadenmalers wieder mit dabei sein: als Eisenstein in der „Fledermaus“-Verfilmung, die von den Nazis nicht mehr fertig produziert werden konnte. Die Russen ließen den Film schneiden und zeigen. Heesters ist hier in einer seiner besten Rollen zu erleben, denn schließlich handelt die „Fledermaus“ von nichts anderem als Illusionen, falschen Tränen und vorgegaukelten Gefühlen. Die „Fledermaus“ behandelt nichts Anderes den schön-falschen Schein an sich. Und Heesters konnte glänzen.

Dieser Glanz hielt noch lange, lange Zeit in Deutschland, einem Land, wiewohl wiedervereint und auf Lässigkeit und Coolness aus, das bis heute nicht ganz jene Steifheit verlernt hat, die Heesters stets wesensfremd war. Ganz nebenbei begründete er den unverwüstlich guten Ruf der niederländischen Entertainer in Deutschland. Das Publikum hatte beim Vertreiben seiner Vorkriegs-, Kriegs- und Wirtschaftswundersorgen gute Erfahrungen mit Heesters gemacht, warum sollten Lou van Burg und Rudi Carell (Nachfolger, die längst tot sind) nicht Ähnliches können wie der alte Charmeur?

Heesters trug seinen Frack nach wie vor konkurrenzlos gut, doch als die Moden etwas lockerer wurden, war es auch für ihn nicht so einfach, mitzuhalten im Showgeschäft. Da er aber neben der sich erledigenden „Hoppla, jetzt komm ich“-Attitüde auch über einen milden und, nun ja, erotisch verbrämten Altersblick verfügte, wurde er auch jenseits von TV-Galas und der Aufzeichnung seiner Operettenerfolge weiterhin gerne eingesetzt, trefflich zum Beispiel im „Kommissar“, zusammen mit Marianne Hoppe. Minutenlang blitzte da auf (wie neuerlich auf DVD zu überprüfen), dass es tatsächlich sogar einmal eine Welt vor der Erfindung des Fernsehens gegeben hatte. Und Heesters wie Hoppe, Gustaf Gründgens Ehefrau (und ebenfalls schon lange verstorben), hatten sie quasi fürstlich regiert.

Wirklich von der Bühne verabschiedet hat sich Heesters eigentlich nie. Als die Operette obsolet wurde, tippelte er durchs Musical, und als er nicht mehr richtig tippeln konnte, stand er nur noch da, sehr gebeugt am Schluss, aber – von einigen Blödsinnsinterviews und halben Hanswurstauftritten abgesehen – immer wieder noch eine erstaunliche Erscheinung! Kurz vor seinem hundertsten Geburtstag indes hatte sich der ernsthaft theatralische Kreis schon einmal würdig geschlossen, als er in München in der Rolle von Tschechows Firs erschien, in eben jenem „Kirschgarten“, der just in dem Jahr (siehe oben) geschrieben wurde, als Heesters das Licht der Welt erblickte. Firs, der alte Diener, „ein Greis von 87 Jahren“, erinnert sich da an die gedörrten Kirschen, die man vom Gut der Ranjewskaja aus früher nach Moskau und nach Charkow schickte, und die Kirschen seien weich und saftig gewesen, sagt Firs: „Damals kannte man noch das Rezept.“

Dies aber ist längst vergessen, und vergessen wird auch Firs. Ganz am Schluss, als das Haus längst abgeschlossen ist und der Garten tot, sitzt er, gekleidet wie immer, nämlich formvollendet, da und sagt: „Das Leben ist vorüber, als hätte man gar nicht gelebt ...“

Tschechows Stück ist ausdrücklich eine Komödie, wird aber meistens falsch verstanden und tragisch genommen. Heesters hütete sich. Er stattete den Firs mit seinem eigenen, einmaligen Lachen aus. Noch als das Ende kam, spitzte er die Lippen. Nicht, als sei endlich drauf gepfiffen, sondern vielmehr ganz so, als gebe es, trotz aller Widrigkeiten auf dieser Welt, eigentlich doch immer etwas zu pfeifen, ja, als ginge er, wenn er sich’s recht überlegte, jetzt doch noch ins Maxim.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

Mirko Weber

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