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Panorama Jugend spürt den Druck
Nachrichten Panorama Jugend spürt den Druck
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20:02 28.03.2012
Von Nora Lysk
Viele Jugendliche wissen, dass sie etwas leisten müssen, um in der Gesellschaft zu bestehen. Der Druck auf sie ist enorm. Quelle: dpa
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Berlin

Die einen sind häuslich, ruhig und geerdet. Sie gehen lieber auf Nummer sicher und wenn die Finanzen später stimmen, hätten sie gerne ein Haus und zwei bis drei Kinder. Die anderen langweilt der Mainstream. Sie wollen aus der Masse hervorstechen und das Leben in vollen Zügen genießen. Die Lebenswelten, Moralvorstellungen und Zukunftspläne von Jugendlichen heute - sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Die eine Jugend gibt es nicht. So könnte man die aktuelle Studie des Sinus-Instituts auf den Punkt bringen. Nur eins eint sie alle: Sie haben früh gelernt, dass am Ende nur die Leistung zählt. Die Folge: Jeder denkt zuerst an sich. Solidarität kennen sie kaum.

Das besondere an dieser Untersuchung, die sich in eine ganze Reihe aktueller Studien von Shell oder Bertelsmann einreiht: Die Autoren haben versucht, die Lebenswirklichkeit der 14- bis 17-Jährigen zu ergründen. Sie besuchten Kinderzimmer, gingen auf Schulhöfe und führten mehrstündige Interviews. Dabei trafen sie auf kleine Konservative, junge Hedonisten, sozialökologisch Interessierte und Schüler in prekären Lebensverhältnissen. In sieben unterschiedliche junge Lebenswelten tauchten die Autoren Marc Calmbach und Martin Thomas ein.

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„Mein Traum ist es, zur Bundeswehr zu gehen, Offizier werden und später eine nette Frau zu heiraten“, berichtete einer der Befragten. Nicht das perfekte Leben, sondern Halt und Geborgenheit sind diesen bürgerlich-konservativen Jungen und Mädchen wichtig. Werte, die schon ihre Eltern hatten.

Die materialistisch-hedonistische Jugend gehört zwar eher zur Unterschicht, kompensiert dieses aber durch ausgeprägtes Konsumverhalten. „Sie fühlen sich abgehängt, interessieren sich überhaupt nicht für Politik und kaufen lieber den neuesten Nike-Schuhe, als ein Schulbuch“, fasst Calmbach zusammen. In ihrem Zimmer zieren Bushido-Plakate die Wände. Doch trotz aggressivem Rapp auf dem MP3-Player sind sie familienorientiert und extrem anpassungsfähig.

Den szeneorientierten Typ, der die Ikea-Einrichtung natürlich ebenso ablehnt wie jegliche Art von Zukunftsplan, „den nennt man heute wohl Hipster“, sagt Calmbach. Seine Philosophie: Lebe mal hier und mal da. Aber auf keinen Fall dort, wo man dich erwartet. Und das sind nur einige Beispiele.

Besonders problematisch sei es um die Jungs und Mädchen aus den prekären Milieus bestellt. Sie bemühen sich zwar um Teilhabe an der Gesellschaft, zeichnen sich durch eine Durchbeißer-Mentalität aus. Aber schwierige Startvoraussetzungen und das geringe Bildungsniveau machen es ihnen fast unmöglich, den gesellschaftlichen Anschluss zu finden. Die Kinderzimmer sind trist, „nicht mal Computerspiele findet man da“, sagt Calmbach.

Noch erschreckender allerdings: Sie haben es nicht nur von vornherein schwerer als andere Altersgenossen, sie werden geradezu ausgegrenzt. Die junge Mitte der Gesellschaft drängt sie ins Abseits. „Der Grund sind in der Regel Verlustängste materieller Art“, sagt Calmbach. Ähnlich wie bei Erwachsenen. Kurz: Je größer der Druck, um so schneller wird nach unten getreten. Denn dass die Anforderungen gestiegen sind, die Familienplanung immer schwieriger wird, das spüren alle Jugendlichen gleichermaßen. Nur gehen sie unterschiedlich damit um. „Die meisten sind noch recht erfolgsoptimistisch“, meint Calmbach.

Bis auf die Desillusionierten. Die formulieren nicht mal mehr Wünsche die Schule betreffend. Nur einer antwortete recht konkret: „Am besten gar nicht“.

Doch was lernt man nun aus diesem bunten Mix von Lebenswelten? „Das bestätigt, dass wir mehr zielgruppenspezifische Ansätze in der Jugendarbeit brauchen“, meint Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder und Jugendhilfe - einer der Auftraggeber der Studie. Neue Methoden in der Schule und Jugendarbeit müssten die Jugendlichen bei ihren jeweiligen Interessen abholen.

Dazu gehört natürlich auch jede Menge Akzeptanz der Lehrer - für Vorbilder wie Bushido.

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