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Panorama Kaminwurz gegen das Heimweh im Harz
Nachrichten Panorama Kaminwurz gegen das Heimweh im Harz
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13:15 23.05.2009
Lange angekommen: Hildegard und Johann Trafoier vor ihrem Haus in der Südtiroler Siedlung in Bad Grund. Quelle: Krone
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Die Ibergsiedlung in Bad Grund ist alt geworden. Und anders. Noch immer zieren rote Geranien die kleinen Fachwerkhäuser, doch die Bewohner am Fuße des Winterbergs im Harz heißen nicht mehr Sachssalber, Eberhöfer und Pfinggerisch. Janssen heißen sie, Müller oder Maier. Niemand rennt mehr den Weg entlang bis zum Gemeinschaftshaus, das mindestens genauso alt ist wie die Siedlung selbst, oder spielt auf der Wiese, wie es Hilda und Hansi einst getan haben.

Hilda heißt eigentlich Hildegard, und Hansi Johann. Beide sitzen in ihrem Wohnzimmer in Bad Grund und schwelgen in Kindheitserinnerungen, die bereits 70 Jahre zurückliegen. Schlimm war es für die Achtjährigen, als sie im Winter 1940 mit ihren Eltern von Schluderns und Prad in Südtirol in den fernen Harz aufbrachen. Hier gab es zwar auch Berge, aber die waren anders.

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„In der Schule verstand uns niemand, weil wir in unserer Mundart sprachen“, sagt Hilda Trafoier. Die Kinder sollten im Mathematikunterricht „neun“ sagen und taten es auch brav. Doch der Lehrer verstand immer nur „nein“, weil Hilda und Hansi Dialekt sprachen. Auch die Niedersachsen waren merkwürdig. Protestantisch und nicht katholisch. Es dauerte lange, bis die Südtiroler einen Gemeinderaum erhielten.

Wie viele Südtiroler kamen die heute 77-Jährigen in den Harz, weil ihre Eltern als Facharbeiter für den Bergbau gefragt waren. Für die Erzaufbereitung bei den damaligen Reichswerken Hermann Göring in Salzgitter wurde Kalk benötigt, der am Winterberg in großen Mengen vorhanden war. Dort entstand ein Kalkwerk, in dem schon 1938 die ersten neun Fachkräfte aus Südtirol arbeiteten.

Nach einem Abkommen zwischen Hitler und Mussolini im Juni 1939 hatten die Südtiroler die Wahl, nach Deutschland auszuwandern oder in ihrer Heimat zu bleiben und mit den Nachteilen einer totalen Italienisierung zu leben. Nun zogen immer mehr Südtiroler nach Bad Grund. Die Reichswerke bauten am Fuße des Winterberges 48 Fachwerkhäuser und ein Gemeinschaftshaus für 96 Familien.

Auch Johann Trafoier arbeitete 37 Jahre lang im Leitstand des Kalkwerks. Seine Frau Hilda und er kauften 1988 das Fachwerkhaus in der Ibergsiedlung, in dem sie schon mehrere Jahrzehnte wohnten. Doch mittlerweile ist der Name Trafoier am Fuße des Winterberges eine Seltenheit geworden. Nur noch zehn Familien mit Südtiroler Wurzeln leben dort.

Die katholische Kirche im Ort steht mangels Gemeindemitgliedern vor dem Aus. „Für uns wäre es schlimm, wenn es die Kirche nicht mehr gibt“, sagt Johann Trafoier, der wie seine Frau auch nach 40 Jahren noch immer im Südtiroler Dialekt spricht. Schon ihre Kinder, die alle deutsche Partner haben, sprechen nicht mehr Mundart – die fünf Enkel erst recht nicht. „Das ist schade“, findet Hilda Trafoier.

Dennoch wollen beide nicht mehr wegziehen aus Bad Grund. Ein kleines Stückchen Heimat finden sie im Verein der Südtiroler in Niedersachsen, der jetzt in Bad Grund sein 25-jähriges Bestehen feiert. Der Verein ist seit einem Vierteljahrhundert für beide Südtiroler ein wichtiger Bezugspunkt. Beim Festakt gibt es Südtiroler Speck, Knödel und Kaminwurz – luftgetrocknete Wurst.

Und Volkslieder singen die Mitglieder auch – natürlich im Dialekt. Johann Trafoier meint, dass das nun wirklich nicht auf Hochdeutsch geht.