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Panorama High in den Bergen
Nachrichten Panorama High in den Bergen
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00:15 16.01.2014
Von Stefan Koch
„Niemand hat mit diesem Ansturm gerechnet“: Seit Jahresbeginn drängen Tausende Kunden auch von auswärts in die Coffeeshops von Colorado – wie Tyler Williams aus Ohio. Quelle: afp
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Idaho Springs

Am heutigen Montag ist „The Kine Mine“ in Idaho Springs geschlossen. Ebenso am Dienstag. „Meine Leute sind völlig erschöpft. Sie brauchen dringend zwei Tage Ruhe“, sagt Theran Snyder, Gründer und Geschäftsführer des kleinen Ladenlokals. Im vergangenen Jahr hatten sie vielleicht zwei Dutzend Kunden täglich. Doch seit Neujahr bediente Snyder mit seinem kleinen Team mehrere Tausend Gäste, die zum Teil in langen Schlangen vor seiner Tür warteten. Ihr Verkaufsschlager: Marihuana.

Der Krieg gegen die Droge, der Amerika seit Jahrzehnten in Atem hält, ist zumindest hier seit Jahresbeginn offiziell beendet: Der Bundesstaat Colorado ist der erste der USA, in dem der Konsum von Marihuana legal ist. Den Skiurlaubern, die sich bei Snyder mit dem beliebten wie umstrittenen Gras eindecken, gibt der Verkäufer einen wichtigen Tipp mit auf den Weg: „Genießt den Pott hier in den Bergen, nehmt das Zeug nicht mit nach Hause.“ Auch der Flughafen Denver warnt die Reisenden: Marihuana sollte nicht mit in die Maschine genommen werden – es sei denn, der Flug geht in den Bundesstaat Washington ganz im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Auch diese Region will den Hanfhandel demnächst weitgehend liberalisieren.

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Ganz Amerika staunt über die beiden Bundesstaaten, die sonst eher für ihre abgelegenen Naturreservate und Urlaubszentren bekannt sind. In den ersten Tagen des neuen Jahres meldeten die Coffeeshops einen Umsatz von fünf Millionen Dollar. Für das gesamte Jahr gehen die Schätzungen von einer halben Milliarde Dollar aus. Mit Blick auf diese Zahlen reiben sich nicht nur die Geschäftsinhaber die Hände, auch die regionalen Politiker verfolgen die Entwicklung aufmerksam, da der Bundesstaat 25 Prozent der Einnahmen als lokale Steuern einstreicht. Der Cannabisverkauf, der bisher im Zweifelsfall ins Gefängnis führte, entwickelt sich für die verschlafenen Gemeinden tief in den Rocky Mountains zu einem lohnenden Geschäft.

Die Einschränkungen gelten eher als Fußnote: In der Öffentlichkeit und auch in den Bars bleibt das Jointrauchen verboten, ebenso auf den Balkonen der vielen Skihotels. Die Partygänger finden ohnehin Mittel und Wege, mit diesen Auflagen kreativ umzugehen: In Idaho Springs unweit von Denver schließen einige Barkeeper die Türen, sobald sich genügend Gäste versammelt haben. Dann hängen sie das Schild „Geschlossen“ ins Fenster und lassen die Glimmstengel glühen. „High“ sind auch die Preise: Wie die Zeitung „Denver Post“ berichtet, haben viele Coffeeshops den Preis innerhalb von zehn Tagen kurzerhand verdoppelt. Die Läden, die in den vergangenen Jahren die getrockneten Blüten und Blätter der Cannabis-Pflanzen nur zu medizinischen Zwecken herausgeben durften, hätten in der ersten Januar-Woche in der Stadt mehr als 100 000 Verkäufe registriert.

Manche, wie das Geschäft am Colorado Boulevard in Denver, melden leere Regale. An der Eingangstür hängt ein handgeschriebener Zettel: „Unsere Cannabis-Bestände sind ausverkauft. Bitte fragen Sie morgen noch einmal nach. Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.“ Völlig überrascht zeigt sich auch Nick Brown, Eigentümer des „High Country Healing“-Coffeeshops in Denver: „Niemand hat mit diesem Ansturm gerechnet.“

Mit einer Volksabstimmung hatten sich die Bürger über die Bedenken von Gouverneur John Hickenlooper hinweggesetzt. Seit dem 1. Januar ist nun jedem Einwohner der Besitz von einer Unze, also 28 Gramm, Marihuana gestattet. Auswärtigen wird ein Viertel der Menge zugestanden. Colorado steht damit an der Spitze einer Bewegung, die in weiten Teilen der Vereinigten Staaten zu beobachten ist. In 20 Bundesstaaten sowie in der Hauptstadt Washington darf das Rauschmittel inzwischen ärztlich verschrieben werden – wobei die Regeln recht großzügig ausgelegt werden. So manche Arztpraxis akzeptiert ein – angebliches – Rückenleiden, um dem Erwerb zuzustimmen. Der jüngste Meinungsumschwung ist auch bei dem New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo zu beobachten, der die Legalisierung per Dekret gegen den Willen der regionalen Parlamentsmehrheit durchsetzen will. Ein bemerkenswertes Signal, zumal Cuomo als potenzieller Obama-Nachfolger gilt.

Die Lockerung der Drogengesetze spiegelt einen grundsätzlichen Wandel in den USA wider: Im Gegensatz zu früheren Jahren befürworten knapp 60 Prozent der Amerikaner die Liberalisierung der sogenannten „sanften Drogen“ – so das Ergebnis einer neuen Gallup-Umfrage. Vielleicht ist der neue Blick auf die Suchtmittel auch den Eingeständnissen von Barack Obama geschuldet: In seiner Biografie hatte der Chef des Weißen Hauses mit einem Tabu amerikanischer Politiker gebrochen und eingeräumt, als Jugendlicher hin und wieder Joints geraucht zu haben.

Anders als seine Amtsvorgänger signalisiert der Präsident auch gegenüber seinen Kollegen aus Mittel- und Südamerika eine gewisse Gesprächsbereitschaft, über eine vorsichtige Öffnung des Cannabis-Marktes zu verhandeln, um den Einfluss der Drogenkartelle zu brechen. Obamas Vertraute erinnern bei der Debatte an die schlechten Erfahrungen, die Amerika in den zwanziger Jahren mit der Prohibition sammelte, als Alkohol im gesamten Land verboten war und mafiöse Banden durch den illegalen Verkauf von Whiskey zu Geld und Macht kamen. 

Der Streit um die Gefährlichkeit der bewusstseinsverändernden Stoffe ist damit allerdings längst nicht beigelegt. So sorgte in der vergangenen Woche Vermonts Gouverneur Peter Shumlin für Aufsehen, als er seine Neujahrsansprache ausschließlich dem Thema Drogenmissbrauch widmete. Der kleine und bevölkerungsarme Bundesstaat, der im Norden an Kanada grenzt, rangiert in den Kriminalitätsstatistiken ganz vorn, wenn es um Drogentote und das Konsumieren von Marihuana, Haschisch und Heroin geht. Die alte Streitfrage, ob Joints als Einstiegsdroge zu werten sind, ist für den Gouverneur noch längst nicht geklärt. Resigniert stellt Shumlin fest: „Die Zahl der Drogenabhängigen und der Drogentoten wächst dramatisch. Wenn wir nicht handeln, untergraben die Rauschmittel unsere Gesellschaft.“

Die entscheidende Frage aber lautet: Wie soll der Staat handeln?

Die Bürger von Colorado setzen auf die Freigabe von Cannabis, um den Teufelskreis aus Drogenkonsum und Kriminalität zu durchbrechen. Interessant ist allerdings auch der zweite Teil ihres Konzepts: Die Steuermehreinnahmen kommen den öffentlichen Schulen zugute, um Kinder und Jugendliche besser zu informieren und auf die Gefahren der Sucht hinzuweisen. Ein Sprecher von Gouverneur John Hickenlooper sagt: „An vorderster Front des Drogenkrieges lassen wir die Polizisten einen Schritt zurücktreten. Jetzt sind die Lehrer an der Reihe.“

Coffeeshops bald in Berlin?

Die Dealer bemühen sich nicht mal mehr um Heimlichkeit. Meist warten sie bereits an den Eingängen und begrüßen Touristen, Spaziergänger und junge Mütter mit dem immer gleichen Satz: „Brauchst du was?“ Wenn es dunkel wird, fährt regelmäßig die Polizei vor. Erst vor wenigen Tagen gab es die letzte große Razzia. Die Bilanz: eine Festnahme, 26 Strafermittlungsverfahren, diverse ausgehobene Erdbunker voller Drogen, ein verletzter Beamter – Alltag im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg, dem größten Drogenumschlagplatz der Hauptstadt.

Dass es so nicht weitergehen kann, ­darüber sind sich Politik, Polizei und Anwohner einig. Doch das Wie sorgt derzeit für heftige Diskussionen. Denn die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) plant, Coffeeshops rund um den Park zu eröffnen. Legale und lizensierte Verkaufsstellen nach niederländischem Vorbild, wo medizinisch geschultes Personal den Verkauf überwacht. Das, hofft Herrmann, würde das Aus für den Schwarzmarkt bedeuten.

Der legale Verkauf von Cannabis, so ihr Argument, könnte dazu beitragen, die Kriminalität zu verringern. Im vergangenen Jahr gab es Hunderte Polizeieinsätze – geändert hat sich dadurch nichts. Die jungen Männer, meist Flüchtlinge ohne Aufenthaltserlaubnis, verdienen sich weiter ihr Geld mit illegalen Geschäften.

Aus diesem Grund wollen die Grünen den Drogenverkauf in Kreuzberg legalisieren. Ende November verabschiedete das Bezirksparlament einen entsprechenden Antrag mit großer Mehrheit. Die Situation im Görlitzer Park verdeutliche, dass die Verbotspolitik der letzten zehn Jahre gescheitert sei, heißt es darin.

Doch kann der Kreuzberger Park wirklich als Symbol für eine bundesweite Problematik dienen? Die Grünen meinen ja. Wo es eine Nachfrage gebe, werde es stets auch ein Angebot geben, argumentieren sie – und in Berlin ist die Nachfrage auch wegen der vielen Besucher so hoch, dass für Haschisch bereits „Touristenpreise“ verlangt werden.

Aber lässt sich ein Verbot so einfach außer Kraft setzen? Die Kreuzberger Bezirksabgeordneten setzen auf Paragraf drei des Betäubungsmittelgesetzes. Der besagt, dass bei öffentlichem Interesse Ausnahmen von einem generellen Verkaufsverbot gemacht werden können. Kreuzberg könnte damit zu einem Modellprojekt für andere Regionen werden, die vor ähnlichen Problemen stehen.

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