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Panorama Kinder und die Atom-Katastrophe in Japan
Nachrichten Panorama Kinder und die Atom-Katastrophe in Japan
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19:55 18.03.2011
Von Jutta Rinas
Eltern nehmen ihr Kind mit auf eine Anti-Atom-Demo.
Eltern nehmen ihr Kind mit auf eine Anti-Atom-Demo. Quelle: dpa
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Manches können Kinder Kindern am besten erklären. Ole jedenfalls, ein Siebtklässler aus der IGS-List in Hannover, brachte Küchenutensilien von zu Hause mit, um seinen Mitschülern das Problem der Kernreaktoren in Fukuschima zu veranschaulichen. Einen Tauchsieder („nicht eingeschaltet natürlich“) habe er zu Demonstrationszwecken in ein Glasgefäß mit Wasser gesteckt – und das Ganze dann in einen Flaschenkühler gestellt, erzählt seine Lehrerin Angelika Seyfert, Fachbereichsleiterin für Gesellschaftslehre, Religion und Werte und Normen. Dann ließ der Zwölfjährige das Wasser aus dem Glasgefäß ab. „Jetzt stellt euch vor, der Tauchsieder wird heiß, bis er glüht“, sagte Ole: „Dann knallt es natürlich.“

Es ist eine Flut von Katastrophenbildern, die seit vergangenem Freitag die Medien bestimmen. Zeitungen bringen Sonderseiten, Internetseiten schalten Liveticker, auch das Fernsehen ist von Bildern von der Dreifachkatastrophe von Japan – dem Erdbeben, dem Tsunami und der nuklearen Gefahr durch eine Kernschmelze – bestimmt. Selbst manche Erwachsenen können die Vielzahl an Informationen nicht immer richtig einordnen, haben Schwierigkeiten, sich dem Sog der emotional hoch aufgeladenen Bilder zu entziehen. Wie gehen aber Kinder mit solchen Schreckensnachrichten um? Wie kann man ihnen den möglichen „Super-GAU“ erklären?

„Bei uns sind viele Kinder sehr betroffen“, sagt IGS-Lehrerin Seyfert. Es sei kein Zufall, dass Ole das allwöchentliche Klassengespräch in Gesellschaftslehre, das regelmäßig aktuellen, politischen Ereignissen gewidmet sei, für eine Diskussion über Japan genutzt habe. Die Kinder hätten vor allem zwei Fragen. Erstens: Was bedeutet es für Menschen, wenn sie verstrahlt werden? Was macht es auf der Haut, im Körper, welche Langzeitfolgen hat es? Zweitens: Können wir das in Deutschland jetzt auch bekommen? Seyfert hat daraufhin die Gefahren durch radioaktive Strahlen besprochen. Sie hat die besondere Plattentektonik in Japan erklärt, die für die dort so häufigen Erdbeben verantwortlich ist. Auch mit dem Atlas hat sie gearbeitet, damit ihre Schüler die Japankatastrophe geografisch richtig einordnen können: „Wo sind die Kernkraftwerke in Japan, welche Gefahr geht von ihnen aus, wo sind andere, beispielsweise in Deutschland?“ Fünft- bis Siebtklässler interessierten sich vor allem für Fakten, sagt Seyfert. „Sie wollen immer zuerst wissen, was los ist, und dann wie es funktioniert.“

Eine sachliche Aufarbeitung rät Susanne Rieschel, Sprecherin der Medieninitiative des Bundesfamilienministeriums „Schau hin!“, grundsätzlich bei Gesprächen mit Kindern über Schreckensnachrichten. In Kindersendungen wie zum Beispiel „logo!“ würden zwar die Fakten von Experten aufbereitet, auf dramatische Bilder wie sie in den Nachrichten für Erwachsene üblich seien, werde aber verzichtet. Rieschel rät Eltern deshalb prinzipiell, Kinder unter zehn Jahren nicht alleine Nachrichtensendungen schauen zu lassen – und während solcher Katastrophenfälle wie in Japan tagsüber nicht Nachrichtensender wie N24 laufen zu lassen. „Das überfordert sie.“

Vor allem stark emotionalisierte Bilder machten Kindern Angst, sagt Rieschel. Sie beschreibt ein Zeitungsfoto, bei dem ein kleines Wesen („Man weiß im ersten Moment gar nicht, ob es ein Mädchen oder eine Puppe ist.“) besudelt im Schlamm von Natori liegt, einer Stadt im Norden Japans, die vom Erdbeben und vom Tsunami zerstört wurde. Im Fernsehen habe man zudem viele Überlebende gesehen, die in Trümmern oder Schutthalden verzweifelt nach Angehörigen suchten. Das Problem bei solchen Bildern sei, dass schon Grundschulkinder sehr gut zwischen Fiktion und Realität unterscheiden könnten. „Sie spüren, wenn da echte Menschen leiden. Das können sie oft nicht verarbeiten.“

Dazu passen die Erfahrungen, die Christine Baumgart, Rektorin der hannoverschen Grundschule Am Sandberge, in Bemerode derzeit macht. „Japan ist bei uns kein Thema“, sagt sie. Selbst Kinder die tagsüber viel Medien gucken, steuerten die ihnen bekannten Sendungen auf KI.KA oder RTL II an. „Von schockierenden Nachrichten wie denen aus Japan halten sie sich fern.“ Die Grundschulkinder blenden das Thema offenbar trotz medialer Allgegenwart aus. Kein Wunder: Sechs- bis Zehnjährige hätten eine sehr niedrige Angstschwelle, sagt Baumgart. Denen mache es schon große Angst, wenn die Freundin umzieht oder der Vater versetzt wird. „Wie sollen sie mit so einer diffusen Angst wie der vor radioaktiver Strahlung umgehen.“

Bei Caroline Fiebelkorn aus der Elterninitiative „Villa Kunterbunt“ in Wolfenbüttel haben die Drei- bis Sechsjährigen dagegen schon „Flutwelle“ gespielt. Sie hätten den Verkehrsteppich, auf dem sie sonst mit Spielzeugautos entlangfahren, wellenartig geschüttelt. Danach sei unter Einsatz von Lastwagen und Baggern „Schutt-Wegräumen“ dran gewesen, erzählt die 50-Jährige. Das sei aber nicht verwunderlich, denn Kinder dieses Alter reagierten auf Begriffe oder Bilder, die sie nicht einordnen könnten, in dem sie sie ganz einfach nachspielten. Solche Spiele seien aber nicht mit Angst oder Panik verbunden, denn die Kinder könnten das Gesehene meist noch gar nicht mit Gefühlen verbinden. „Drei- bis Sechsjährige haben erst ganz wenige Erfahrungen mit der Welt gemacht. Sie können 1 und 1 eben noch nicht zusammenzählen“, sagt Fiebelkorn. Sie rät Eltern in Fällen wie der Japankatastrophe, es erst einmal bei dieser Form der Verarbeitung zu belassen. Im Falle von Fragen solle man ganz konkret nur auf die Frage antworten. „Man erzählt leicht, was man sonst noch weiß. Aber das verwirrt die Kinder nur.“