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Panorama Kinohit „Black Swan“ beflügelt die Modewelt
Nachrichten Panorama Kinohit „Black Swan“ beflügelt die Modewelt
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20:41 28.01.2011
Natalie Portman im Kinohit „Black Swan“. Quelle: 20th Century Fox
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Kate und Laura Mulleavy lebten als Kinder nicht den rosa Ballerina-Barbie-Traum wie Millionen andere Mädchen. Sie sahen lieber Horrorfilme und schneiderten schwarze Fetzenkleider. Ihre destruktive Phase gipfelte im Auftrennen von Chanel-Kostümen: Sie wollten bis auf die letzte Naht ergründen, wie Designerstücke angefertigt werden. Die Studien haben sich gelohnt: 2005 gründeten die Autodidaktinnen aus Kalifornien ihr Label Rodarte. Mit ihren großen Roben aus Spitze und Brokat haben die Schwestern in kürzester Zeit nicht nur die Laufstege, sondern dank Nicole Kidman, Keira Knightley oder Gwyneth Paltrow auch den roten Teppich erobert. Rodarte steht für Drama. Und so ist es nur konsequent, dass das Duo die Kostüme für das zurzeit aufsehenerregende Kinodrama „Black Swan“ entworfen hat.

Kostüme für Tänzer zu kreieren, ist für einen Modedesigner, der in der Welt der großen Namen etwas gelten will, fast schon Pflicht: Coco Chanel entwarf einst die Outfits für Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, Karl Lagerfeld stattete das English National Ballet aus, Issey Miyake das Ensemble von William Forsythe, Albert Kriemler von „Akris“ schneiderte für John Neumeiers Ballett.

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Sowohl in der Mode als auch im Tanz dreht sich alles um den Körper. Das mag erklären, warum Designer nicht nur für berühmte Choreografen arbeiten, sondern sich auch bei ihren Kollektionen immer wieder vom Kleidungsstil der Tänzer auf und hinter der Bühne inspirieren lassen. Zwar wurde Darren Aronofskys Thriller in der realen Ballettwelt massiv kritisiert, weil er, wie etwa John Neumeier schimpfte, „eine Welt von Kranken“ zeige und jedes Verständnis dafür abtöte, „warum diese Kunst es überhaupt wert sei, sich ihr hinzugeben“. Dagegen beflügelt „Black Swan“ die Modewelt.

Was sich bereits in den Modeschauen Ende vergangenen Jahres abzeichnete, treibt der „Oscar“-verdächtige Kinohit derzeit auf die Spitze: Röcke in Tutu-Form, Tüll- und Federkleider, Stulpen, Jerseytrikots und natürlich Ballerinas bestimmen die Frühjahrssaison von Haute Couture bis Streetstyle.

Aller Morbidität und Düsternis zum Trotz, die der Geschichte um die von Ehrgeiz getriebene und schließlich von Paranoia heimgesuchte Solistin Nina (Natalie Portman) anhaften, gilt der Look des Ballettmädchens als frisch, frech und feenhaft. Der Mix aus Purismus und Extravaganz, Lässigkeit und Grazie erlebt alle Jahre wieder ein Revival. Stars wie Audrey Hepburn oder Brigitte Bardot machten ihn sich zunutze, um ihr Kindfrau-Image zu unterstreichen. Auf ihrer Promotion-Tour zu „…Und ewig lockt das Weib“ 1956 posierte Brigitte Bardot nicht etwa in High Heels, sondern in roten Ballerinas von Repetto. Der traditionsreiche Pariser Spezialist für Spitzenschuhe und Schläppchen eröffnet gerade Läden in aller Welt mit Ballettartikeln und will sich damit auch an Kunden wenden, die nichts mit Tanz zu tun, sondern einfach nur Spaß an dem Kleidungsstil haben.

Auch andere bekannte Marken setzen in aktuellen Werbekampagnen auf die Ästhetik von Tanz und Tänzern. So wirbt das italienische Label Tod’s für seine handgefertigten Ballerinas mit Tänzern der Mailänder Scala, der Uhrenriese Rolex verpflichtete im vergangenen Jahr die französische Tanzlegende Sylvie Guillem als Model. Wenn man also schon nicht Ballerina sein kann und wahrscheinlich auch nicht werden will, wenn man gesehen hat, wie sich Natalie Portman in „Black Swan“ fast um den Verstand rackert, helfen einem große Modemarken dabei, sich der Illusion hinzugeben, als Odette, Giselle oder Cinderella durchs Leben zu schweben – ohne Blut im Schuh.

Mit Tanzen hat das alles eher nichts zu tun.

So hat „Black Swan“ bislang offenbar auch keinen Ansturm auf Tanzschulen ausgelöst. Konstanze Vernon, ehemalige Primaballerina der Bayerischen Staatsoper und Gründerin der Heinz-Bosl-Stiftung für hochbegabte Nachwuchstänzer, beklagte jüngst in einem Interview, dass jedes Elternpaar, das den Film gesehen habe, sein Kind auf keinen Fall zum Ballett anmelden werde, so „verdorben“ sei die Tanzwelt dargestellt. Und dennoch werden die Straßen in diesem Sommer von Balletteusen wimmeln. Wenn nicht in Rodarte oder Repetto, dann aber ganz sicher mit Dutt.

Kerstin Hergt