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Panorama Kommerzielle Jagd auf Wale könnte wieder aufleben
Nachrichten Panorama Kommerzielle Jagd auf Wale könnte wieder aufleben
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19:48 21.06.2010
Von Margit Kautenburger
Zum Abschuss freigegeben? Auf der am Montag begonnenen Internationalen Walfangkonferenz in Marokko wird heftig um den Walschutz gerungen. Der Abschuss der Meeressäuger könnte vorübergehend legalisiert werden. Quelle: dpa
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Seit Montag treffen sich die 88 Mitgliedsländer der Internationalen Walfangkommission (IWC) im marokkanischen Agadir zu ihrer Jahrestagung. Sie verhandeln dort über die Wiederbelebung des kommerziellen Walfangs, aber auch über die Zukunft des IWC selbst.

Seit Jahren ist das Gremium handlungsunfähig, weil sich die Walschutznationen und die Befürworter der Jagd gegenseitig blockieren. „In Agadir gehen die beiden Lager auf Kollisionskurs“, sagt Thilo Maack, Walfangexperte von Greenpeace. Der Streit dreht sich um einen Kompromiss, den IWC-Präsident Cristian Maquieira vorgelegt hat. Er will eine Brücke zwischen den beiden Lagern schlagen, doch sein Vorschlag erschüttert die Tierschützer: Der Kompromiss sieht eine Lockerung des kommerziellen Fangverbots vor, allerdings innerhalb bestimmter Quoten.

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Der Kompromiss würde Japan, Norwegen und Island erlauben, in den kommenden zehn Jahren jährlich 1400 Wale zu jagen, hat die Artenschutzorganisation Pro Wildlife ausgerechnet. „Er belohnt ausgerechnet diejenigen Länder, die sich seit Jahren dem Moratorium widersetzen und damit der Mehrheit im IWC“, kritisiert ein Sprecher der Organisation.

Das derzeit geltende unbefristete Moratorium besteht sei 1986. Das IWC wollte damit verhindern, dass einige Walbestände vollkommen zusammenbrechen. Denn nach der rücksichtslosen Bejagung standen viele Arten vor der Ausrottung.

Vor Verfolgung sind die Tiere dennoch nicht sicher. Jährlich werden 1000 bis 2000 Wale erlegt. Aus wissenschaftlicher Sicht spricht nichts dafür, die Jagd zu legalisieren. Die Zahl der Wale ist in den vergangenen hundert Jahren auf ein Zehntel der früheren Bestände gefallen.Vom größten aller Säugetiere, dem Blauwal, leben in der Antarktis noch etwa 1000 Tiere. Und weit mehr Wale als durch den illegalen Fang – Tierschützer sprechen von Wilderei – gehen durch die intensive Nutzung der Ozeane zugrunde. Sie sterben als Beifang in Fischernetzen, leiden unter Lärmattacken von Ölsuchern, Windparkbauern und Militär und erkranken durch Schadstoffe im Meer.

Diese Todesursachen müssten eingerechnet werden, wenn es um neue Fangquoten geht, fordert Petra Deimer, Mitglied im wissenschaftlichen Ausschuss des IWC. Fangzahlen, wie sie dem IWC-Präsidenten vorschwebten, seien politische Quoten und wissenschaftlich nicht zu begründen. Auch die deutschen Experten im IWC aus dem zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerium halten die Wiederbelebung des kommerziellen Fangs für nicht akzeptabel. Sie wollen einen Kompromiss, aber nicht um jeden Preis. So müssten die Japaner den Fang im Meeresschutzgebiet der Antarktis innerhalb von zehn Jahren schrittweise aufgeben, der Handel mit Walfleisch müsse verboten bleiben, die Jagd auf bedrohte Finnwale sofort eingestellt werden. Der Missbrauch des angeblich „wissenschaftlichen Walfangs“ müsse schnellstmöglich aufgegeben werden.

Japan, Norwegen und Island allerdings winken ab. Mehr als 33.000 Großwale haben diese Länder seit 1986 teils unter dem Deckmäntelchen „wissenschaftlicher Zwecke“, teils mit dem Verweis auf Sonderrechte erlegt. Jetzt wollen sie die Tiere wieder ganz offiziell jagen. Ihre Chancen stehen nicht schlecht. Japan, so berichten Tierschützer, erkaufe sich die Stimmen kleiner, armer Staaten wie Togo, Palau oder Antigua mit Entwicklungshilfe – oder auch mit Prostituierten, wie es in einem Bericht der englischen „Sunday Times“ heißt.

Umweltorganisationen halten den IWC-Kompromiss ohnehin für einen „Wal-Betrug“. Die Quote von insgesamt knapp 1400 Tieren, die erlegt werden dürfen, gaukle eine nachhaltige Eindämmung des Walfangs nur vor. Hinter dem Kompromiss vermutet etwa die „Whale and Dolphin Society“ wirtschaftliche Interessen. Die Organisation warnt davor, die Meeresriesen zum Rohstoffreservoir für Lebensmittel, Kosmetika oder Medikamente zu machen. Darin sehen die Walfangstaaten offenbar ein zusätzliches, lukratives Geschäftsfeld. Island will Finnwale abschießen, um Walmehl für Fischfarmen herzustellen.

Eine Aufweichung des Handelsverbots sei mit Deutschland nicht zu machen, heißt es im Bundeslandwirtschaftsministerium. Lieber nimmt man in Kauf, dass kein Kompromiss zustande kommt. Das sei schlecht für die Wale, denn dann machten die Fangnationen weiterhin, was sie wollten, befürchten Umweltschützer. Das IWC sei offensichtlich nicht in der Lage, die Tiere vor Jagd und anderen Gefahren zu schützen. Einzige Chance für die Wale sei die Gründung einer internationalen Walschutzkommission.