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Panorama Kunstpelz ist der aktuelle Wintermodentrend
Nachrichten Panorama Kunstpelz ist der aktuelle Wintermodentrend
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09:05 17.11.2011
Von Johanna Di Blasi
Nicht nur als Mütze: Kunstpelz schmückt auch Schuhe.
Nicht nur als Mütze: Kunstpelz schmückt auch Schuhe. Quelle: dpa
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Hannover

Vorreiter war der Modeschöpfer Karl Lagerfeld. Im Frühjahr 2010 ließ er in Paris einen rund 265 Tonnen schweren Eisklotz auf den Laufsteg im Grand Palais klotzen – ein Import vom schwedischen Ice Hotel. Der Eisberg lieferte die Kulisse für eine fellige Chanel-Kollektion aus Pelzstolen und pelzverbrämten Boleros bis hin zu Ganzkörperfellanzügen im Yeti-Stil.

Alle Modelle waren mit Kunstfell gearbeitet. Lagerfeld meinte, er wolle dem Echtfellspezialisten Fendi keine Konkurrenz machen. Außerdem seien Webpelze dank technischen Fortschritts inzwischen qualitativ so gut, dass sie kaum noch von echten Fellen zu unterscheiden seien. Fake, also Nachgeahmtes, sei zwar grundsätzlich in der Modebranche ein Problem, meinte der Modeschöpfer, doch Fake Fur, also künstliches Fell, sei „cool“.

Der inzwischen in großem Stil auf der Straße angekommene fellige Modetrend ist aber nicht nur ein Laufstegprodukt. Auch die Populärkultur hat Pelzen Vorschub geleistet. 2009 kam der erste „Twilight“-Film in die deutschen Kinos, in wenigen Tagen läuft der vorletzte Teil, „Biss zu Ende der Nacht Teil 1“ an (ab 24. November in den Kinos). Die Verfilmung der romantsichen Vampir-Saga der amerikanischen Autorin Stephenie Meyer macht Werbung für Outdoorleben und -outfits. Man sieht viel Leder, aber auch Fell. Wenn beispielsweise eine Horde riesiger Wölfe durch Wälder streift, die in Wahrheit recht verspielte, kuschelige Werwölfe sind.

Tausenden „Twilight“-Fans weltweit hat sich eingeprägt, wie die glutäugige Vampirin Victoria, in den ersten beiden Teilen gespielt von der herb-schönen Rachelle Lefevre, zum üppig wallenden, rötlichen Haar eine weiße zottelige Fellstola trägt. Ein Kleidungsstück, das Wildheit und Glamour, hippiehafte Ungezügeltheit und Eleganz gleichermaßen ausstrahlt.

Im Vorjahr sah man in Geschäften viele ärmellose Zotteljacken im Outdoor-Bohème-Look, fand den Modetrend jedoch kaum im Straßenbild wieder. In dieser Saison ist das anders. Jetzt sind viele Leute im Pelzlook unterwegs.
Der Winter 2011/12 darf eisig werden. Frieren werden wir trotzdem nicht. Seit der Eiszeit war die Mode wohl nicht mehr so kuschelig-fellig wie jetzt. Wer in winterlich dekorierte Schaufenster von Modehäusern blickt, sieht haarige Mützen, Fäustlinge, Schuhe mit pelzigen Zotteln, Fellmäntel, fellverbrämte Pullover und sogar Felltaschen. Alle legen sich jetzt ein dickes Fell zu.

Gegenüber der vergangenen Saison ist die Fellmode noch bauschiger und üppiger geworden. Das i-Tüpfelchen sind Pelzmützen mit dicken Ohrenklappen. Die Mützen dürfen ruhig auffallend sein. Bei den wenigsten Modellen der aktuellen Modesaison ist Echtfell verarbeitet. Stattdessen glänzt – ganz im Sinne Lagerfelds – künstlicher Pelz in vielfältigen Farben und Schattierungen.

Biber, Zobel oder Ziege werden nachgeahmt, es gibt aber auch viele Phantasiefelle. Die dazugehörenden Fabeltiere kann sich jeder in der Phantasie ausmalen. Die Preise und die Qualität der Webpelze, zu deren Rohsubstanzen Erdöl gehört, sind unterschiedlich – aber in der Regel deutlich günstiger als bei Echtfell. Das Angebot reicht vom täuschend echt nachgeahmten Pelz in Samtnerzoptik bis zum undefinierbaren Teil à la räudiger Kojote.

Für die Pelztiere ist der Fake-Fur-Trend natürlich schonend. „Der Einzige, der einen Ozelotpelz wirklich braucht, ist der Ozelot selbst“, sagte schon der deutsche Zoologe Bernhard Grzimek (1909–1987). Dank des Kunstpelztrends braucht keiner mehr in den Wald zu laufen, Tiere zu erlegen und zu häuten.

Auch künstliche Pelze sind warm und schön. Und auch beim Anblick von Kunstpelz stellt sich ein archaisches Geborgenheitsgefühl ein. Zwar würden Fleecejacken und wattierte Winterjacken aus Higtechfasern genügend Wärme spenden, doch Pelzaccessoires lassen Outfits gleich doppelt so warm erscheinen. Dann kann es ruhig stürmen und schneien.

Felle sind aber nicht nur wegen der Wärme, die sie spenden, unwiderstehlich. Das wusste schon Leopold Ritter von Sacher-Masoch (1836–1895), der den erotischen Roman „Venus im Pelz“ schrieb. Das moderne Leitbild der verführerischen Frau scheint die Venus-Vampirin zu sein. Sie sieht wild aus, egal, ob sie mit den spitzen Eckzähnen in Echtfell oder Kunstpelz beißt.