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Panorama Lasst Knut in Ruhe!
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20:53 28.03.2011
Trauer um Knut: Der Zorn auf die Pläne, das Tier auszustopfen, wächst. Quelle: dpa (Archiv)
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Es gibt ein altes Kinderbuch aus den siebziger Jahren. Es heißt „Der Bär, der ein Bär bleiben wollte“. Es ist eine wunderbare, universale Fabel auf die Borniertheit der Menschen: Ein Bär hält Winterschlaf, und als er erwacht, haben die Menschen an seinem Schlafplatz eine Fabrik errichtet. Jemand schreit ihn an, er möge sich gefälligst rasieren und anziehen, und plötzlich steht er vor dem „Präsidenten“ der Fabrik und soll beweisen, dass er ein Bär ist und kein fauler Arbeiter. „Soso“, sagt der Präsident, „Sie sind also ein Bär.“ Monate ziehen ins Land. Der Bär vergisst beinahe, dass er ein Bär ist. Er sitzt an einer Maschine, er ist unglücklich. Und irgendwann steht er am Zaun, schnuppert und denkt: „Es riecht nach Schnee.“

Es ist ein trauriges, düsteres Buch über die Ahnungslosigkeit des Menschen, seine Naturferne, das Funktionieren-Müssen. Reinhard Mey hat später daraus ein Lied gemacht. Die Vorlage lieferte ein Trickfilm von Frank Tashlin aus dem Jahr 1967. 44 Jahre ist das her. Und noch immer gibt es Bären, die funktionieren sollen, die ihren Dienst tun sollen als pelzige Geldmaschinen, weit über ihren Tod hinaus.

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Als süßes Eisbärenbaby verzaubert Knut Millionen Menschen. Nach seinem plötzlichen Tod ist die Trauer um den Star im Berliner Zoo groß.

Wer hatte bloß diese Schnapsidee? Wer war das nur, der neben dem toten Knut stand, während draußen Tausende um den ertrunkenen Eisbären trauerten, und ernsthaft sagte: „Ich hab’s: Wir stopfen ihn aus und stellen ihn ins Museum“? Wer denkt so etwas? Gäbe es ein traurigeres Ende für Knut nach diesem verpfuschten, kurzen Bärenleben?

Knuts Fell liegt schon im Naturkundemuseum, ein Präparator war bereits bei der Obduktion im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung dabei. Die Verantwortlichen sehen sich im Recht. Knut sei ein „weltweites, emotionales Maskottchen” gewesen, sagt Bärenkurator Heiner Klös vom Zoo Berlin. Kritik an den Präparationsplänen lässt er nicht gelten. „Viele finden das gut.“ Tatsächlich? Aber wo sind die alle? Wer findet das gut? 8469 Menschen nahmen bis gestern Abend im Online-Kondolenzbuch des Zoos von Knut Abschied. Nur eine Handvoll will Knut im Museum sehen, die Mehrheit ist empört. Tausende haben ihrem Zorn in Briefen, E-Mails, Anrufen Luft gemacht, längst nicht nur verspannte, fundamentalistische Tierrechtler.

Der Berliner Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz hält die Trauer für übertrieben – und die meisten Anklagen für „Blödsinn und Kokolores“. „Ich hatte Knut auch gerne“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Aber in Japan sind mehr als 20.000 Menschen gestorben. In Nordafrika herrscht Krieg.“ Klös sagte: „Es ist schon ein Unterschied zwischen einem Mensch und einem Tier.“ Das klingt wie: Man möge Knut bitte nicht als Seelenwesen sehen, als Geschöpf mit Charakter und Würde, sondern als Kreatur. Jetzt plötzlich, nach Jahren der Vermenschlichung, erinnert sich der Zoochef daran, dass Knut „nur“ ein Tier ist. „Der Bär ist tot. Viele unserer Tiere kommen ins Museum. Wenn es unwürdig wäre, gäbe es keine Naturkundemuseen.“ Das ist eine interessante Logik: Das Zurschaustellen im Museum rechtfertigt das Zurschaustellen im Museum. Aber die Zoo-Verantwortlichen, die seit Knuts plötzlichem Tod vor zehn Tagen keine Gelegenheit auslassen, ihren Ruf als kaltherzige Profiteure zu festigen, unterschätzen die emotionale Wirkung, die Knut auf viele Menschen hatte. Natürlich treibt die Trauer um Knut auch absurde Blüten. Natürlich ist es Unfug, ihn an der Seite seines Pflegers Thomas Dörflein zu bestatten, wie es manche forderten.

Aber es gibt eben Tiere, die wachsen Menschen ans Herz wie ein Mensch. Wer hat als Kind nie einen Wellensittich im Garten beerdigt, mit selbst gebasteltem Holzkreuzchen? Wer saß noch nie im Wartezimmer einer Tierarztpraxis einer Katzenbesitzerin mit rot geweinten Augen gegenüber? Wen rührte die Geschichte von Gorilladame Binti Jua nicht, die im August 1996 einem dreijährigen Jungen im Zoo von Chicago das Leben rettete, der in das acht Meter tiefe Primatengehege gefallen war. Sie schützte das bewusstlose Kind vor anderen Gorillas, trug es zum Ausgang und legte es den Pflegern vor die Füße. Knut war eine Projektionsfläche für Träume und Hoffnungen, sein Tod ein Ventil für die Trauer um den Verlust der eigenen, kindlichen Unschuld. Wer will schon seine Träume und Hoffnungen tot im Museum sehen, eingestaubt, mit Glasaugen und von Motten zerfressen?

Es geht um Geld, natürlich. Aber sie würden das nie so sagen. Sie sagen lieber, man wolle ihn „der Wissenschaft zur Verfügung stellen“. Blaszkiewitz erinnerte in einem Interview an den Gorilla Bobby, der im Berliner Zoo starb und ausgestopft wurde. Der sehe so echt aus, „als ob er gleich aufstehen würde“. Mag sein. Aber das war 1935. Die Präparation hat ihren Ursprung in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als importierte Wildtiere aus den deutschen Kolonien der staunenden Öffentlichkeit vorgeführt wurden. Inzwischen aber hat sich die Welt weitergedreht. Unser Verhältnis zu Tieren erlebt einen Wandel. Man darf die Frage stellen, ob ein ausgestopftes Zootier die Wissenschaft heute wirklich noch voranbringt. Oder welches Schulkind nicht weiß, wie ein Eisbär aussieht.

Blaszkiewitz bezeichnet sich selbst als „historisch ausgerichteten Zoodirektor“, man dürfe ihn gern „konservativ“ nennen. Erlebniszoos sind seine Welt nicht, die Simulation echter Lebensräume sei der falsche Weg.

„Zoos sind vom Menschen für Menschen geschaffen“, sagt er. Und: „Gefangenschaft und Freiheit sind Begriffe aus dem menschlichen Repertoire.“ Raubtiere, die an ihren Gitterstäben entlangpendelten, seien keineswegs frustriert. „Da sitzt in den Köpfen dieses furchtbare Gedicht von Herrn Rilke mit dem Panther und dem müden Blick.“

Kann jemand Tiere lieben, der so spricht? Wird man automatisch selbstherrlich, wenn man Herr über Tausende Tiere ist, von denen keines widerspricht?

Am Donnerstag will der Zoo auf einer Pressekonferenz Details zu Knuts Tod nennen – und sich der Kritik stellen, das Tier sei durch Stress krank geworden. Und was wäre die beste Lösung für den toten Knut? Ihn ordentlich zu begraben. Und im Zoo eine kleine, bronzene Nachbildung aufzustellen, damit die Blumen, die Karten, die Trauer einen Ort hätten.

Imre Grimm

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