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Panorama Lebenslange Haft für Eltern der verhungerten Jacqueline
Nachrichten Panorama Lebenslange Haft für Eltern der verhungerten Jacqueline
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13:31 27.03.2009
Die 23-jaehrige Judith H. (l.) und der 35-jaehrige Guido H. stehen am Freitag im Landgericht in Giessen vor der Urteilsverkuendung im Revisionsprozess um den Tod ihrer 14 Monate alten Tochter Jacqueline hinter der Anklagebank. Quelle: Thomas Lohnes/ddp
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Teilnahmslos nehmen die Eltern der verhungerten Jacqueline den Urteilsspruch der Gießener Schwurgerichtskammer auf: lebenslange Haft wegen Mordes durch Unterlassen. Im Zuschauerraum des Gerichts applaudieren Prozessbeobachter. „Das ist völlig gerechtfertigt. Die haben nichts anderes verdient“, sagt ein Rentner. Nach neun Verhandlungstagen im Revisionsprozess gegen Judith und Guido H. wurde am Freitag am Gießener Landgericht das Urteil verkündet.

„Für Mord kennt das Gesetz nur lebenslängliche Freiheitsstrafe“, begründete der Vorsitzende Richter die Entscheidung. Der qualvolle Tod der 14 Monate alten Jacqueline sei umso bestürzender, da er sich in einer Umgebung ereignete, in der es an Nahrung nicht mangelte, hieß es in der Urteilsbegründung. Eine Strafmilderung kam nach Ansicht des Gerichts nicht in Frage, da das Unterlassen der Eltern einer aktiven Tötung gleich komme. Eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund einer Depression sahen die Richter bei keinem der beiden Elternteile.

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Jacquelines Vater war im ersten Prozess im Januar 2008 vom Landgericht Marburg wegen fahrlässiger Tötung zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Die Mutter wurde in Marburg zu acht Jahren Haft wegen Tötung durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener verurteilt. Die Staatsanwaltschaft legte damals gegen das Urteil Revision ein. Der Bundesgerichtshof (BGH) gab dem Antrag im September 2008 wegen Rechtsfehlern und Lücken in der Beweisführung statt.

Die Gießener Richter entschieden nun, dass der 35-jährige Industriemechaniker sich des Mordes schuldig gemacht hat, weil er aus bloßem Desinteresse und Gleichgültigkeit keine ärztliche Hilfe für sein Kind geholt hatte. In den letzten zwei Wochen von Jacquelines Lebens habe er sich nicht mehr um seine Tochter gekümmert, obwohl er den erbärmlichen Zustand gekannt habe. Damit habe er in Kauf genommen, dass Jacqueline ohne einen Arzt sterben würde. Das Mordmerkmal „niedrige Beweggründe“ sei erfüllt, da dem Angeklagten andere Dinge wie der tägliche Spaziergang mit den Hunden oder die Renovierung des Hauses wichtiger gewesen seien. Der 35-Jährige wurde nach der Verhandlung festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht.

Bei der 23-jährigen Mutter von Jacqueline sah die Schwurgerichtskammer sowohl das Mordmerkmal „niedrige Beweggründe“ als auch „Grausamkeit“ erfüllt. Ab Januar 2007 habe Judith H. ihre Tochter sich selbst im Obergeschoss des Hauses überlassen und das Kind nur unregelmäßig gefüttert, bis sie die Versorgung ganz einstellte. Jacqueline habe qualvolle Schmerzen aufgrund von Hunger, Durst und einer starken Entzündung im Windelbereich erlitten. Um das Schreien des Kindes nicht zu hören, habe Judith H. das Babyfon ausgeschaltet und den Tod des Mädchens billigend in Kauf genommen.

Der Verteidiger von Judith H. sagte nach der Urteilsverkündung, wenn zwei Kammern zu so unterschiedlichen Urteilen kommen, sei es naheliegend, dass die Verteidigung in Revision gehe. Der Anwalt des Vaters von Jacqueline war zunächst zu keiner Stellungnahme bereit.

Die Staatsanwaltschaft, die lebenslange Haft für beide Angeklagte gefordert hatte, zeigte sich zuversichtlich, dass das Urteil der Schwurgerichtskammer einer Revision standhält. Binnen einer Woche können die Angeklagten in Berufung gehen. Sollte dem Antrag stattgegeben werden, müsste sich erneut der Bundesgerichtshof mit dem Fall beschäftigen.

Am 24. März 2007 war Jacqueline im Haus ihrer Eltern im nordhessischen Bromskirchen (Landkreis Waldeck-Frankenberg) gestorben. Als die Mutter das Kind reglos in seinem Kinderzimmer fand, brachte sie Jacqueline zu einer örtlichen Arztpraxis. Bei der Festnahme am selben Abend zeigten sich beide Elternteile erstaunt und ohne Unrechtsbewusstsein: „Wieso dürfen wir nicht nach Hause? Wir haben doch gar nichts getan.“

ddp