Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Lüttich trauert – und ist wütend
Nachrichten Panorama Lüttich trauert – und ist wütend
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:11 15.12.2011
Foto: Tausende Menschen gedenken am Mittwoch der Opfer des Amoklaufs und legen Blumen an der Bushaltestelle nieder, an der sich das Verbrechen zugetragen hatte.
Tausende Menschen gedenken am Mittwoch der Opfer des Amoklaufs und legen Blumen an der Bushaltestelle nieder, an der sich das Verbrechen zugetragen hatte. Quelle: dpa
Anzeige
Lüttich

Nordine A. hatte am Dienstag einen Gerichtstermin wegen einer Vergewaltigungsanzeige. Doch statt ins Gericht zu gehen, tötete er im Herzen der Innenstadt mit Granaten und Schüssen zwei Teenager und anschließend sich selbst. Ein Baby erlag in der Nacht seinen Verletzungen. Kurz zuvor hatte der 33-Jährige in seiner Garage am Rande des Stadtzentrums eine Frau erschossen, wie am Mittwoch bekannt wurde. Bei ihr soll es sich um die Reinigungskraft eines Nachbarn handeln.

Eine 75-jährige Rentnerin erlag am Donnerstag ihren Verletzungen. Am Mittwoch hatte sie noch im Koma gelegen „Sie hat aber keine Überlebenschancen“, sagte eine Sprecherin des Gouverneurs von Lüttich. Auch ein 20-Jähriger kämpfe noch ums Überleben. Insgesamt wurden 125 Menschen verletzt.

Der Täter, ein gebürtiger Marokkaner, hortete mehr als 9500 Waffen zu Hause und war seit Jahren polizeibekannt. Im Jahr 2008 hatte ein Lütticher Gericht ihn bereits wegen Waffenbesitzes und Anbaus von 2900 Cannabis-Pflanzen verurteilt. 42 Monate hätte er für die Mitgliedschaft einer kriminellen Vereinigung hinter Gitter wandern sollen, berichtete die Onlineseite des Fernsehsenders RTBF. Weitere 16 Monate bekam er laut Nachrichtenagentur Belga für Waffenbesitz.

Doch der spätere Amokläufer nahm den Richterspruch nicht hin. Ein Berufungsgericht entschied im März 2009, das Urteil sei so nicht gültig, weil sich das Waffengesetz geändert habe. Damit blieb eine Haftstrafe von 42 Monaten. Im Oktober 2010 kam Nordine A. auf Bewährung frei, nachdem er zwei Drittel seiner Haftstrafe verbüßt habe. Psychologische Gutachten hätten ergeben, dass es kein größeres Rückfallrisiko gebe. Die Bewährungshelfer nahmen Nordine A.s Wohnung, wo er die Waffen hortete und Cannabis angebaut hatte, nach seiner Freilassung nie in Augenschein.

Staatsanwältin Danielle Reynders wies Kritik an der Justiz zurück: „In sämtlichen Gerichtsverfahren gegen ihn haben wir nicht ein Mal Unregelmäßigkeiten festgestellt.“ Die belgische Regierung will nun ihren Kampf gegen illegale Waffen verstärken und die Überwachung von Rückfalltätern verbessern. Auch habe man beschlossen, härter gegen den Handel mit illegalen Waffen vorzugehen.

Inzwischen steht fest, dass Nordine A. nach dem Amoklauf Selbstmord beging. „Was ihn tötete, war ein Schuss in die Stirn“, sagte Reynders. Er habe keinerlei Abschiedsbotschaft hinterlassen, in der er sich erklärt habe. In seinem Rucksack wurden nach der Tat noch zahlreiche Handgranaten und Magazine für seine Schusswaffe gefunden.

War der Amoklauf ein Kurzschluss, der durch die neue Vorladung ausgelöst wurde? Das schließt Justizministerin Joelle Milquet nicht aus. „Möglicherweise hat er wegen des Gerichtstermins gefürchtet, erneut in Gefängnis zu müssen“, sagte sie der Zeitung „Le Soir“.
Tausende Menschen gedachten am Mittwoch in einer Schweigeminute der Opfer. Nach dem König wollten auch Prinz Philippe und Prinzessin Mathilde den Ort der Tragödie besuchen, um mit Verletzten und Angehörigen der Opfer zu sprechen. Für die kommenden Tage ist eine nationale Gedenkzeremonie geplant.

Michael Stürzenhofecker und Mirjam Hecking

Mehr zum Thema

Nach dem Anschlag in Lüttich steigt die Zahl der Todesopfer auf mindestens fünf. Der Täter war den Behörden als gewalttätig bekannt und saß wegen Waffenbesitzes bereits im Gefängnis. Viele fragen sich deshalb: Hätte die Tat verhindert werden können?

14.12.2011

Ein Waffennarr hat am Dienstag in der Lütticher Altstadt wahllos um sich geschossen. Der 33-Jährige tötete dabei drei Menschen und sich selbst und verletzte über 120 weitere Passanten.

13.12.2011

Die Menschen besuchten im Zentrum von Lüttich den Weihnachtsmarkt. Da detonierten an einer Bushaltestelle in der Nähe Handgranaten, Schüsse fielen. Ein Attentäter richtete ein Blutbad an. Menschen rannten in Panik um ihr Leben.

13.12.2011