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Panorama MHH baut Kinderchirurgie im Jemen auf
Nachrichten Panorama MHH baut Kinderchirurgie im Jemen auf
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22:32 08.06.2010
Von Nicola Zellmer
Nur die Blicke lassen die Sorge ahnen: 
Eine Mutter betreut ihren Säugling in der Al-Sabeen-Klinik. Quelle: HAZ
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Seine kleine Schwester hatte keine Chance. Ausgerechnet während Ali al-Gamrah 1977 in Deutschland sein Medizinstudium abschloss, starb im Heimatdorf des gebürtigen Jemeniten das 14-jährige Mädchen – an einer Entzündung des Blinddarms. Der kleine wurmförmige Darmanhang wird in der entwickelten Welt mit einer nur wenige Minuten dauernden Routineoperation entfernt. Komplikationen gibt es fast nie. Im unterentwickelten Jemen indes gab es niemanden, der die Schwester des Mediziners hätte retten können.

Inzwischen hat sich die Medizin dort weiterentwickelt – auch durch die Initiative Ali al-Gamrahs. Noch immer fehlen freilich gerade für die Jüngsten qualifizierte Kinderchirurgen und öffentliche Krankenhäuser mit Spezialabteilungen, in denen angeborene Fehlbildungen oder Notfälle wie eine Blinddarmentzündung zuverlässig behandelt werden können. Um das zu ändern, hat al-Gamrah 2005 gemeinsam mit dem Kinderchirurgen Prof. Claus Petersen von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) das deutsch-jemenitische Projekt „Kinderchirurgie im Jemen“ ins Leben gerufen. Es soll eine öffentliche Klinik für Kinderchirurgie und eine qualifizierte Ausbildung an der Medizinfakultät der Universität Sanaa schaffen.

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Der medizinische Mangel in seinem Heimatland bedrückt Ali al-Gamrah bis heute. „Bei meiner Ausbildung in Deutschland habe ich gesehen, wie effektiv Operationen den Kindern helfen können“, sagt der Chirurg. Sogar bei winzigen Neugeborenen sind die Ärzte fast immer erfolgreich. „Im Jemen ist das anders“, sagt al-Gamrah nachdenklich. „Hier sterben 20 Prozent der Säuglinge und Neugeborenen nach der Operation.“

Nach seiner Rückkehr in den Jemen arbeitete der Allgemeinchirurg als staatlicher Krankenhausarzt. Eine Kinderchirurgie, wie sie in Deutschland selbstverständlich ist, suchte er im Jemen vergebens. Vielmehr werden die Kinder einfach ebenso wie die Erwachsenen behandelt.

„Im Al-Thaura-Hospital habe ich das erste Krankenzimmer für die Kinderchirurgie eröffnet“, erzählt Ali al-Gamrah. Später wechselte er an das ebenfalls staatliche Al-Sabeen-Hospital in Sanaa. In diesem größten Mutter-Kind-Krankenhaus des Landes, wo jährlich mehr als 40 000 Frauen und Kinder behandelt werden, gründete er 1989 die erste Kinderchirurgie des Landes. Bis heute gilt diese Abteilung – abgesehen von den Privatkliniken, die sich nur wohlhabende Jemeniten leisten können – als beste Adresse für Kinderchirurgie. Unter anderem, weil es dort zumindest einen in diesem Fach spezialisierten Mediziner gibt, den in der Ukraine ausgebildeten Abdul-Wahab Abdullah Mahmod Nasser.

Trotzdem kann auch im Al-Sabeen nicht allen Patienten geholfen werden. Ali al-Gamrah, der inzwischen eine eigene kleine Privatklinik in Sanaa betreibt, arbeitet immer noch eng mit dem öffentlichen Krankenhaus zusammen, hilft mit Verbrauchsmaterial aus oder operiert komplizierte Fälle. Auch viele von den Familien, die mit ihren kranken Kindern ins Al-Sabeen gekommen sind, kennen den freundlichen Doktor mit dem silbergrauen Schnauzer.

Auf den einfachen Gitterbetten in den Krankenzimmern sitzen in traditionelles Schwarz gehüllte Mütter stunden- oder tagelang schweigend bei ihren kranken Töchtern und Söhnen. Viele von den Kleinen, die länger auf der Station bleiben, haben schwerste Behinderungen. In diesen Fällen sind zumindest die Behandlungskosten durch eine internationale Hilfsorganisation abgedeckt. Doch die meisten sind zu spät gekommen. Wie die sechsjährige Adebeh, die einen grotesken Wasserkopf hat. Oder der gleichaltrige Awak, dessen Bauch seit Jahren durch eine angeborene Darmmissbildung aufgebläht ist. Über ihre Gefühle sprechen die Mütter nicht. Und der Besucher sieht hinter dem Gesichtsschleier nur die Augen, die viel Leid und ein wenig Hoffnung ahnen lassen.

Ein Rundgang mit Ali al-Gamrah zeigt, dass auch die Kinderchirurgie im Al-Sabeen in vielen Punkten ein Notbehelf bleibt. Die „Intensivstation“ besteht aus einem schmalen Zimmer mit vier klapprigen Gitterbetten. Ein Beatmungsgerät, Monitore oder eine Herz-Kreislauf-Überwachung gibt es nicht. Auch im Operationssaal muss immer wieder improvisiert werden. Das Nahtmaterial ist streng auf einen Faden je Eingriff rationiert, der elektrische Strom fällt mehrmals am Tag ohne Vorwarnung aus, und statt einer maschinell gesteuerten Beatmung bekommen die frisch Operierten Frischluft über einen Schlauch, der mit einem Plastikkissen verbunden ist. Das Kissen muss die OP-Schwester mit der Hand zusammendrücken – ähnlich wie man eine Luftmatratze aufpumpt.

Auch der MHH-Professor Claus Petersen kennt die Situation im Jemen. 2005 hatte Ali al-Gamrah den hannoverschen Kinderchirurgen erstmals eingeladen, um ihm vor Ort zu zeigen, wie dringend im Jemen – wo die Hälfte der Bevölkerung unter 14 Jahren alt ist – eine qualifizierte Kinderchirurgie gebraucht wird. „Bei meinem ersten Besuch im Jemen haben wir alle öffentlichen Krankenhäuser abgeklappert“, erinnert sich Petersen. „Der Eindruck war erschreckend.“ In der Regel gebe es weder ausgebildete Kinderchirurgen noch spezielle Instrumente für die zarten Organe von Säuglingen und Kleinkindern. „Wenn ein Allgemeinchirurg ein Neugeborenes mit Erwachseneninstrumenten operiert, ist das so, als wollte man mit grobem Werkzeug ein Seidenkleid nähen“, sagt Petersen.

Seit fünf Jahren engagieren sich al-Gamrah und Petersen gemeinsam in dem Kinderchirurgie-Projekt. „In dieser Zeit sind wir weit gekommen“, sagen sie. So hat die Stadt Sanaa inzwischen einen ursprünglich für ein Verbrennungszentrum gedachten Rohbau auf dem Al-Sabeen-Gelände als Gebäude für die neue kinderchirurgische Klinik fertiggestellt. Das dreistöckige Gebäude auf dem Klinikkomplex bietet rund 2400 Quadratmeter Platz für drei Operationssäle, Behandlungsräume, einen Endoskopiebereich, Ultraschall- und Röntgenräume, ein Labor, eine Ambulanz und eine Neugeborenenstation. Die Räume sind seit Kurzem bezugsfertig. Sogar Lampen, Wasch­becken und Steckdosen gibt es schon.

„Was fehlt, ist die Ausstattung“, sagt ­al-Gamrah. Nötig sind dafür 1,5 Millionen Euro. Die Aussicht auf Unterstützung aus Entwicklungshilfeprogrammen ist gering, denn die sind oft nur auf Aufklärung und Geburtenkontrolle ausgerichtet. Und bei reichen arabischen Nachbarn wie Saudi-Arabien gilt der Jemen als so korrupt, dass jede Münze zweimal umgedreht wird, bevor die Scheichs für ein Projekt Bargeld bewilligen.

„Als zweitbeste Möglichkeit werden wir nun erstklassige Gebrauchtgeräte sammeln und in den Jemen verschicken“, haben die beiden Ärzte vereinbart. Bei mehreren Medizintechnikfirmen hat Petersen schon angeklopft und konnte zumindest zwei Druckluftnarkosegeräte akquirieren. Aus der MHH kommen Beatmungsgeräte, Betten für die Patienten, Schränke und Rollwagen. „Wenn wir genug Geräte zusammenbekommen, können wir noch in diesem Jahr einen Container nach Sanaa schicken“, hofft Petersen. „Und das sind dann gute Geräte aus Deutschland“, freut sich al-Gamrah. „Keine Billigmaschinen aus Asien, die nach ein paar Monaten kaputtgehen.“