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Panorama Mehr als 700 Tote nach Jahrhundertbeben - Deutsche Helfer unterwegs
Nachrichten Panorama Mehr als 700 Tote nach Jahrhundertbeben - Deutsche Helfer unterwegs
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19:56 28.02.2010
Polizisten in Concepción rund 500 Kilometer südlich von Santiago de Chile bei Rettungsarbeiten Quelle: dpa
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Die Zahl der Todesopfer nach dem schweren Erdbeben in Chile ist nach offiziellen Angaben auf 708 gestiegen. Das teilte Staatspräsidentin Michelle Bachelet am Sonntag in der Hauptstadt Santiago de Chile mit. Die massiven Erdstöße erreichten die Stärke 8,8 und lösten eine Flutwelle aus. Für nahezu die gesamte Pazifik-Region wurde Tsunami-Alarm gegeben, die Wassermassen trafen die chilenischen Küste und zerstörten einige Orte. In Hawaii, Japan und Russland blieben die befürchteten Riesenwellen aber aus.

Das Ausmaß der Katastrophe werde frühestens in drei Tagen feststehen, sagte Carmen Fernández, Direktorin des Notstandsbüros im Innenministerium. Die Lage in dem immer wieder von Erdbeben heimgesuchten südamerikanischen Land war von zunehmender Verzweiflung und Chaos gekennzeichnet. Die stark beschädigte Infrastruktur erschwerte die Hilfsbemühungen.

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Vor allem in den am stärksten betroffenen Regionen von Maule und Bíobío galten zahlreiche Menschen noch als verschollen. Die genaue Zahl der Obdachlosen war zunächst unbekannt. Chiles Präsidentin Michelle Bachelet hatte am Vortag von 1,5 Millionen zerstörten oder beschädigten Wohnungen gesprochen. Die Politikerin versuchte, ihren geplagten Landsleuten Mut zu machen: „Wie bei früheren Katastrophen werden wir auch diese Probe bestehen“, sagte sie bei einer Fernsehansprache. Nach ihren Angaben waren zwei Millionen Menschen direkt von dem Beben betroffen. Über deutsche Opfer lagen dem Auswärtigen Amt in Berlin keine Informationen vor.

In der besonders betroffenen Stadt Concepción lieferten sich die Rettungsmannschaften einen Wettlauf mit der Zeit. Dort war bei dem Beben ein Wohnhaus mit 14 Stockwerken in zwei Teile zerbrochen. Nach einem Bericht der Zeitung „La Tercera“ wurden bis zum späten Abend etwa 30 Menschen lebend aus den Trümmern befreit, 60 Menschen seien noch in dem Komplex gefangen, der jederzeit einstürzen könnte. Das Epizentrum des Bebens lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte etwa 92 Kilometer nordwestlich von Concepción. Die mächtigen Erdstöße am Samstag um 3.34 Uhr Ortszeit hatten die Menschen im Schlaf überrascht.

Fernández versicherte, es werde alles unternommen, um die Lage der Menschen zu erleichtern. Vielerorts gab es weder Wasser noch Gas oder Strom. Die Telefonverbindungen über das Festnetz und über Handy-Netze waren entweder unterbrochen oder stark überlastet. Der erheblich beschädigte internationale Flughafen von Santiago blieb geschlossen. Allerdings seien beide Landebahnen soweit intakt.

Die Sicherheitskräfte waren zunächst völlig überfordert. In Concepción plünderten hunderte Menschen einen Supermarkt. „Wir haben keine Milch, nichts für die Kinder“, jammerte eine weinende Frau, während sie vor der aufgebrochenen Laderampe eines Supermarktes ein Zehnerpaket H-Milch umklammerte. Die erst spät eintreffenden Sicherheitskräfte bekamen die Lage nicht in den Griff. „Die Situation war von Anfang an völlig chaotisch. Wir tun, was wir können“, sagte der Polizist Jorge Córdova.

Auch aus anderen Ortschaften in den von dem Beben und der folgenden Flutwelle schwer zerstörten Regionen Bío Bío und Maule klagten die Menschen über ausbleibende Hilfen. Fast alle Geschäfte in der Katastrophenregion etwa 500 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago waren geschlossen. Andere boten ihre Produkte zu stark überhöhten Preisen an.

Ein Erdbeben der Stärke 8,8 gilt als Großbeben. Damit war das Beben nach Einschätzung von Experten bis zu hundertmal heftiger als die Erdstöße der Stärke 7,0, die am 12. Januar Haiti erschüttert hatten. Das heftigste je auf der Erde gemessene Beben hatte eine Stärke von 9,5 und ereignete sich 1960 ebenfalls in Chile.

Während die befürchteten Riesenwellen über den Pazifik ausblieben, verschlimmerten die Wassermassen in Chile das Elend noch weiter. „Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals“, sagte eine Einwohnerin von Iloca im Süden des Landes. In der Stadt Talcahuano wurden selbst größere Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt, im Hafen lagen riesige Seecontainer wie Streichhölzer durcheinander.

„Das Wasser hat alles, aber auch alles fortgerissen“, sagte ein Überlebender aus dem kleinen Küstenort Boyecura. Die Marine räumte inzwischen ein, dass ihr ein schwerer Fehler unterlaufen sei, weil sie zunächst eine Flutwelle ausgeschlossen hatte. Die meisten Menschen in den Küstenorten hatten sich dennoch rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

Auf der chilenischen Insel Robinson Crusoe, rund 670 Kilometer westlich von Südamerika, wurden fast alle Gebäude zerstört. Dort starben mindestens fünf Menschen in den Wassermassen, elf wurden noch vermisst. Das Tsunami-Warnzentrum auf Hawaii hatte alle Warnungen vor Riesenwellen für den pazifischen Raum schon am Samstagabend zurückgenommen. Russland hob am Sonntag den Tsunami-Alarm für seine Pazifikküste ebenfalls auf, für die Küste Japans wurde er herabgestuft. An der japanischen Nordküste wurden bis Sonntagnachmittag (Ortszeit) Flutwellen von 1,45 Metern Höhe beobachtet, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete.

Nach dem Mega-Beben wurden mehr als 70 Nachbeben mit einer Stärke von mindestens 4,9 registriert, berichtete die US-Geologiebehörde USGS. Auch der Norden Pakistans wurde am Sonntag von einem Erdbeben der Stärke 6,2 erschüttert. In Argentinien hatte die Erde ebenfalls gebebt, die südjapanische Inselprovinz Okinawa war ebenfalls am frühen Samstag von einem Erdbeben der Stärke 6,9 heimgesucht worden - es verlief jedoch glimpflich. Meldungen über Tote oder Schäden gab es zunächst nicht.

Die Europäische Union, die Vereinten Nationen, die USA und mehrere Nachbarländer boten dem südamerikanischen Land Hilfe an. „Die UN, insbesondere der Nothilfekoordinator, stehen bereit“, sagte Generalsekretär Ban Ki Moon in New York. „Wir bieten schnelle Unterstützung, wenn das chilenische Volk und die Regierung das wünschen.“ Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach den Opfern sein Mitgefühl aus.

Helfer aus Deutschland unterwegs nach Chile

Nach dem schweren Erdbeben in Chile sind erste Hilfsmannschaften aus Deutschland unterwegs ins Katastrophengebiet. Das Technische Hilfswerk (THW) und die Hilfsorganisation Humedica entsandten am Wochenende Ärzte und andere Helfer in das südamerikanische Land. Einige deutsche Erdbebenhelfer sind sogar im nonstop-Einsatz: So brach der Humedica-Geschäftsführer Wolfgang Groß nach dem Erdbeben am Samstagmorgen direkt von seinem bisherigen Einsatzort Haiti in Richtung Chile auf.

Am Samstagabend flogen vier THW-Helfer in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires, um von dort weiter in die betroffene Region im Süden Chiles zu reisen. Unter den Einsatzkräften sind nach Angaben des THW vom Sonntag zwei Fachleute einer Spezialeinheit, die auf Bergungseinsätze im Ausland spezialisiert ist und innerhalb weniger Stunden mit Ortungs- und Bergungsarbeiten beginnen kann.

Außerdem flogen ein Rettungssanitäter und ein Koordinationsexperte des THW, der die Lage gemeinsam mit Mitarbeitern der Deutschen Botschaft verfolgen soll, in die Region. „Ob wir weitere Hilfskräfte schicken, hängt davon ab, ob es ein Hilfegesuch der chilenischen Regierung gibt“, sagte ein Sprecher.

Humedica-Helfer flogen am Sonntagmorgen von München aus nach Südamerika ab. Darunter sind ein Arzt aus Tübingen und eine Ärztin aus Nesselwang im Allgäu, die beide erst vor wenigen Tagen von einem Einsatz in Haiti zurückgekehrt waren.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) stellte sich ebenfalls auf einen Einsatz ein. „Unsere Einsatzkräfte in Nicaragua und Honduras stehen bereit, um erste Hilfsmaßnahmen einzuleiten“, erklärte die Leiterin der ASB-Auslandshilfe in Köln, Edith Wallmeier, am Sonntag.

Auch das Hilfswerk World Vision bereitete sich auf einen umfangreichen Einsatz im Katastrophengebiet vor. Derzeit würden Flüge mit dringend benötigten Hilfsgütern organisiert, teilte die Organisation am Sonntag mit. So solle rasch ein Flug von Bolivien aus starten. An Bord sind Decken, Plastikplanen, Wasserbehälter, Koch- und Hygiene-Artikel. Ein erfahrenes Mitarbeiterteam werde sich in Kürze auf den Weg machen, um Opfern des Bebens zu helfen, hieß es. World Vision arbeitet nach eigenen Angaben seit 30 Jahren mit etwa 100 Mitarbeitern in Chile.

Das SOS-Kinderdorf Chile bereitete ein Soforthilfeprogramm für Kinder und obdachlos gewordene arme Familien in der betroffenen Region vor. So sollten unbegleitete, verlassene Kinder in den SOS- Kinderdörfern aufgenommen und dort zunächst vorübergehend betreut werden, hieß es.

dpa

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