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Panorama Mehrere Tote und viele Verletzte bei Zugunglück
Nachrichten Panorama Mehrere Tote und viele Verletzte bei Zugunglück
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20:53 30.01.2011
Die leichte Regionalbahn wurde vom schweren Güterzug auf eingleisiger Strecke mit hoher Geschwindigkeit aus dem Gleis gedrückt und auf ein Feld geschleudert. Quelle: dpa
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Die Wucht des Aufpralls ist unbeschreiblich: Noch kilometerweit entfernt hören die Menschen in der Nacht zum Sonntag einen unheimlichen Knall, als gegen 22.30 Uhr ein Güterzug und eine Regionalbahn in Hordorf bei Oschersleben (Sachsen-Anhalt) auf eingleisiger Strecke wohl mit Tempo 100 ungebremst zusammenstoßen. Mit katastrophalen Folgen: Mindestens zehn Menschen sterben, 23 werden verletzt, einige lebensbedrohlich. Bei etlichen ist am Sonntagnachmittag noch nicht klar, ob sie durchkommen werden. Viele junge Passagiere, so wird in Hordorf spekuliert, hatten einen Diskobesuch in Halberstadt geplant.

Bei Oschersleben in Sachsen-Anhalt sind ein Nahverkehrszug und ein Güterzug ungebremst ineinander gerast. Der Nahverkehrszug sprang aus den Schienen. Mindestens zehn Menschen sterben.

Den Helfern bietet sich ein Bild des Grauens: Der Güterzug hat den Harz-Elbe-Express (HEX) komplett von der eingleisigen Strecke gedrängt. Der Triebwagen – ein leichter Schienenbus – liegt völlig zertrümmert auf einem schneebedecktem Feld, der Güterzug steht dagegen wie unbeschadet auf dem Gleis. Viele Passagiere, die im vorderen Zugteil saßen, waren auf der Stelle tot. Neben den Zugtrümmern lagen Leichenteile, während der Güterzug auf dem Gleis stand. Dessen Lokführer erlitt einen Schock, seine Verletzungen waren nicht lebensbedrohlich. Zum Unfallhergang konnte er sich zunächst nicht äußern.

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Es ist bitterkalt und neblig, als die ersten Retter am Unglücksort eintreffen. Aus der gesamten Region Magdeburg kommen alle verfügbaren Rettungskräfte zum Einsatz. Fieberhaft kämpfen sie sich durch die Zugtrümmer, um Verletzte zu retten und die Toten zu bergen. Das Feld neben dem Gleis ist mit grellem Scheinwerferlicht ausgeleuchtet. Doch der Nebel ist so dicht, dass keine Rettungshubschrauber fliegen können. So müssen Verletzte mit Krankenwagen in die Krankenhäuser gebracht werden. Die Identifizierung der Toten ist schwierig, weil viele Passagiere keine Ausweispapiere dabei hatten. Unter den Toten sollen der Zugführer und eine Zugbegleiterin des Regionalzugs sein. Am Mittag waren erst zwei der zehn Todesopfer identifiziert.

Über die Unglücksursache herrschte auch am Sonntag noch Rätselraten. Eine technische Ursache wurde ebenso wenig ausgeschlossen wie ein Fehler eines Zugführers. Geprüft wurde, ob einer der beiden ein Haltesignal übersah und verbotenerweise auf den eingleisigen Streckenabschnitt einfuhr. Der Personenzug war planmäßig auf der Fahrt von Magdeburg nach Halberstadt, als es gegen 22.30 Uhr zu dem Unglück kam. Der mit Kalk beladene Güterzug mit rund 35 Waggons – insgesamt weit mehr als 1000 Tonnen schwer – war für die Salzgitter AG aus Peine unterwegs.

Zum Unglückszeitpunkt leuchtete das Signallicht nach ersten Ermittlungen für den Personenzug auf Grün, der in diesem Fall Vorfahrt hatte. „Das ist vordergründig interpretiert. Untersuchungen laufen erst – zu den Signalschaltungen, zur Technik der Züge“, sagte der Einsatzleiter der Bundespolizei, Ralph Krüger. Wegen der eisigen Minusgrade könne die Signalanlage allerdings auch defekt gewesen sein. Auch tagsüber erschwerte das schlechte Wetter den Einsatz der Rettungskräfte. Um Beweismaterial zu sichern und endgültige Klarheit über weitere Opfer unter den Trümmern zu bekommen, versuchte das Technische Hilfswerk am Abend, den auf der Seite liegenden Zug aufzurichten. Die Ermittler rechnen mit einer langwierigen Klärung der Unglücksursache. Auch die Fahrtenschreiber der Züge sollen analysiert werden. Die Rolle der Witterungsverhältnisse wird ebenso untersucht.

Bis 2 Uhr in der Nacht haben die Einsatzkräfte acht Leichen geborgen, sie liegen mit Folien bedeckt neben dem Zugwrack. Um den Überblick nicht zu verlieren, haben die Sanitäter Nummern aus Pappe auf die leblosen Körper gestellt. Zwei weitere Leichen werden etwas später im Wrack gefunden. Doch nicht nur wegen der großen psychischen Belastung müssen die Bergungskräfte an die Grenzen des Menschenmöglichen gehen: Die Leichen liegen inmitten der Wrackteile. Am Sonntagvormittag stand den mehr als 100 Einsatzkräften der Schock noch ins Gesicht geschrieben. Ob es noch weitere Opfer gibt, soll mithilfe von Spürhunden geklärt werden, die auf dem Unglücksgelände im Einsatz sind. Doch – wenn es denn eine gute Nachricht in dieser Nacht gibt – die Hunde schlagen nicht wieder an. Es ist ein schwacher Trost, doch der Einsatz von Polizei und Rettungskräften ist laut Einsatzstab gut gelaufen. „Das hat aus meiner Sicht hervorragend geklappt“, sagt der sichtlich bewegte Innen-Staatssekretär Rüdiger Erben, als er den Ort der Katastrophe inmitten der Nacht verlässt.

„Das geht mir unter die Haut“, sagt Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU), als er am Sonntagmorgen am Unglücksort eintrifft. Danach besucht der frühere Krankenhaus-Chefarzt Verletzte in den Kliniken, spendet Trost und dankt den Ärzten für ihren Einsatz. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Mitgefühl aus: „Mit Bestürzung habe ich von dem schweren Zugunglück in Hordorf erfahren. Meine Gedanken sind bei den trauernden Familien der Opfer.“

Thomas Struk und Alexander Dahl

Dieser Artikel wurde erneut aktualisiert.