Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Melanie R. suchte Freundin und fand ihren Mörder
Nachrichten Panorama Melanie R. suchte Freundin und fand ihren Mörder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:18 01.11.2010
Bei "Goolive" als Frau aufgetreten, bei Facebook unter männlicher Identität: Benjamin F., der geständige Täter. Quelle: Screenshot
Anzeige

Melanie R.s Mörder gab sich als Frau aus und führte den Namen Sarah. Wie jetzt bekannt wurde, handelt es sich bei dem Beschuldigten um den 27 Jahre alten Benjamin F., der wie sein Opfer aus Peine stammt und allem Anschein nach allein mit seinem Hund in einem grauen Wohnblock im Ortsteil Telgte lebte und als selbstständiger Vermögensberater tätig war.

Der Mann, der die Tat bereits gestanden hat, beschrieb Melanie am Dienstagabend vergangener Woche per SMS exakt den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Gegen 22 Uhr stand die 23-jährige Floristin dann erstmals ihrer Internetbekanntschaft gegenüber – und stellte fest, dass sie getäuscht worden war. Sarah erwies sich als Mann: 1,93 Meter groß, schlank, muskulös, mit dunklen, kurz geschnittenen Haaren. Als sie ihrem Ärger Luft machte, stach Benjamin F. mit einem Messer auf sie ein. Am Ende durchschnitt der Fremde aus dem Internet der jungen Frau die Kehle.

Anzeige

Was zwischendurch geschah, ist nur den Aussagen des Täters zu entnehmen, die von der Staatsanwaltschaft Hildesheim aus ermittlungstaktischen Gründen in ziemlich allgemeiner Form geschildert werden. Danach ist es zu einem Streit gekommen, der in der Bluttat gipfelte. Dass Benjamin F. die junge Frau sexuell missbrauchte oder zu vergewaltigen versuchte, gilt derzeit als eher unwahrscheinlich. „Es gibt bisher keinen Hinweis auf ein Sexualdelikt“, sagt der Hildesheimer Oberstaatsanwalt Bernd Seemann. Die Staatsanwaltschaft geht jedoch davon aus, dass der Beschuldigte sein Opfer arglistig in eine Falle gelockt hat und ermittelt wegen Mordes. Vorbestraft ist Benjamin F. offenbar nicht, Bekannte berichten aber, dass er schon einmal wegen sexuellen Missbrauchs in Verdacht geraten war. „Der versucht schon seit Jahren, Jugendliche mit Alkohol und Drogen gefügig zu machen“, sagt ein junger Peiner. Doch Beweise gibt es dafür nicht.

Manches deutet darauf hin, dass Benjamin F. die junge Frau in seine Wohnung gelotst und dort auch erstochen hat. Doch sicher ist bisher nur, dass F. die Leiche von Melanie R. in einem rund 30 Kilometer entfernten Waldstück zwischen Rolfsbüttel und Rötgesbüttel im Kreis Gifhorn verscharrte.

Melanies Handy hatte die Polizei auf die Spur des Mannes gebracht. Ein Spaziergänger fand das Mobiltelefon an einem Feldweg am Mittellandkanal in Peine. Aufgrund der letzten SMS-Aufzeichnungen mit der Wegbeschreibung hatte die Polizei die Mobilfunknummer des Beschuldigten ermittelt.

Warum Melanie den Kontakt zu einer Frau suchte, die sich in ihrem Internetprofil als bisexuell ausgab, ist bisher unklar. Die Floristin hatte einen festen Freund. Den Inhalt der ausgetauschten Internetbotschaften umreißt Oberstaatsanwalt Seemann als „lauter unbedeutendes Zeug“.

Der Mord an Melanie ist nicht der erste Mord dieser Art in Deutschland. Erst im März 2009 wurde vom Landgericht Essen der Hamburger Hilfsarbeiter Christian G. wegen der Ermordung von zwei Internetbekanntschaften zu lebenslanger Haft verurteilt. Der 27-Jährige hatte im Sommer 2008 zuerst in Stade die 26-jährige Yessica K. und später im nordrheinwestfälischen Marl die 39 Jahre alte Regina B. umgebracht. Die Parallelen zu dem Mord in Peine sind frappierend: In allen drei Fällen lernte der Täter sein Opfer im Chatroom kennen und tötete es beim ersten Zusammentreffen. Wie im Peiner Fall gab auch Christian G. an, nach einem Streit die Nerven verloren zu haben. Wie Benjamin F. stach auch der Hamburger mit einem Messer auf die Frauen ein. Die Gerichtsmediziner zählten 26 Stiche.

Vorausgegangen waren Liebesschwüre: „Finde dich sehr net und sehr sinpatisch und nidlich“, schrieb G. seinem späteren Opfer aus Marl. „Sonnscheinregi“ und „Riddick300“ hatten da erstmals Fotos ausgetauscht. „Du siest auf den fotto süß lieb nett kefelt mir“, antwortete Regina B. alias „Sonnscheinregi“. „Und du bist zingel?“, hatte sie ihn gefragt. Es ging alles sehr schnell. Wenige Tage später war Regina B. alias „Sonnscheinregi“ tot.

„Ich habe die Augen von Jesus gesehen“, gab der Hamburger später an. Er wurde nicht als psychisch krank, sondern als voll schuldfähig eingestuft. Schnell wurde vor Gericht deutlich, dass Christian G. ein Mann war, der sich aus seiner tristen Welt als Hilfsarbeiter in einer Hamburger Vorstadt in die weite Welt des Internets geflüchtet hatte. Mehr als 300 Bekanntschaften hatte er auf diese Weise geschlossen – und schließlich gezielt nach Opfern Ausschau gehalten.

Dieses Muster zeigt sich auch bei anderen Verbrechen nach Internet-Kontakten. „Die Gefahr liegt darin, dass es eine Vielzahl von Internet-Nutzern gibt, die den Chatroom nutzen, um sich planmäßig Vertrauen zu erschleichen und eine vorgebliche Nähe herzustellen, eine vorgetäuschte Intimität“, sagt Falco Schleier vom Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. „Dabei arbeiten diese Leute mit einer falschen Identität, erfundenem Lebenslauf und unwahren Geschichten.“

Ein fast klassischer Fall aus dem Alltag der Fahnder: Ein erwachsener Pädophiler gibt sich in unterschiedlichen Chatforen als Mädchen aus, um Kontakt zu potenziellen Opfern zu knüpfen. Dabei gibt der Mann in seiner Mädchenrolle vor, von einer Karriere als Model zu träumen und teilt schließlich mit, dass es ihm gelungen ist, einen vielversprechenden Agenten kennenzulernen. Am Ende vermittelt die falsche Internetfreundin ein Treffen mit dem angeblichen Agenten, bei dem es sich in Wahrheit um den Pädophilen selbst handelt

„Man sollte immer davon ausgehen, dass hinter einer Internetbekanntschaft ein komplett fremder Mensch steht, solange man sich nicht im realen Leben kennengelernt hat“, sagt LKA-Sprecher Schleier. Daher sei dringend davon abzuraten, dem Chatpartner die eigene Telefonnummer, Anschrift oder Adresse der Schule zu geben oder gar ein Foto zu übermitteln. „Schon beim Spitznamen sollte man darauf achten, dass man nicht zu viel über sich preisgibt“, sagt Schleier. Beliebt sei zum Beispiel bei jungen Leuten, an den „Nickname“ das Geburtsdatum anzuhängen. „Das kann gefährlich werden.“

Äußerst gefährlich kann vor allem das erste Treffen sein, wie die Mordfälle zeigen. Der LKA-Experte rät, zuvor ein Telefongespräch mit dem Chatpartner zu führen und als Treffpunkt auf jeden Fall einen belebten Ort zu wählen – und zwar bei Tageslicht. Sehr zu empfehlen sei zudem, die Eltern oder eine gute Freundin über das geplante Rendezvous zu informieren. Nicht selten begeben sich jedoch junge Leute gerade auf Kontaktsuche im Internet, weil es ihnen an echten Freunden oder Freundinnen fehlt.

„Freunde finden, Freunde werden, Freunde treffen“, lautet das Motto bei goolive, jener Online-Community aus Hannover, in der die fatale Beziehung zwischen Melanie R. und Benjamin F. ihren Ausgang nahm. René aus Sehnde-Höver, der wirkliche Freund der Getöteten, erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen den Internet-Anbieter – vor allem unter Hinweis darauf, dass sich der Täter unter falschem Namen anmelden konnte. Doch die Polizei weiß, dass sich so etwas gar nicht verhindern lässt und lobt im Gegenteil die gute Zusammenarbeit.

Für Freunde und Familienangehörige ist dies natürlich ein schwacher Trost. „Mein geliebter Engel ist tot“, schreibt Melanies Freund René. „Ich werde dich nie vergessen, mein Schatz, und du wirst immer bei mir sein.“ Eine Trauerbekundung im Internet.

Die Einwohner von Melanies Heimatort können heute gemeinsam trauern. In der evangelischen Kirche von Dungelbeck soll um 18 Uhr ein Gedenkgottesdienst stattfinden.

„Nicht zu viel über sich preisgeben“

Spuren im Netz und kaum Gewissheit

„Vergeben“, steht auf der öffentlich zugänglichen Internetseite von René S., dem Verlobten von Melanie R.. Und direkt darunter sieht man in diesem Profil des 27-Jährigen aus Sehnde-Höver, der sich im Internet „RemiTRC“ nennt, an wen er „vergeben“ ist: eben an Melanie – jene Frau aus Peine, die vergangene Woche getötet wurde. Auch der Täter dürfte diese Seite des Verlobten von Melanie bei dem sozialen Netzwerk „goolive“ aufgerufen haben. Denn unübersehbar haben „RemiTRC“ und „Mellow“, so nannte sich Melanie, in goolive „geheiratet“ – also sich öffentlich zu ihrer Beziehung bekannt. Zusätzlich zu vielen privaten gemeinsamen Fotos finden sich dort zwei symbolische goldene Eheringe und gegenseitige Hinweise aufeinander.

Mit einem Trick hatte der mutmaßliche Täter Benjamin F. die 23-Jährige kennengelernt: Er gab sich in eben jenem Internetnetzwerk als bisexuelle Frau mit dem Vornamen „Sarah“ aus und lockte Melanie damit zu einem Treffen in der realen Welt.

Goolive gehört zu jenen sozialen Netzwerken, in denen Teilnehmer ihre ganz realen Freundschaften und Bekanntschaften aus dem wahren Leben im Internet nachbilden – oder gänzlich neue in dem virtuellen Raum begründen. Das Unternehmen mit 20 Mitarbeitern und 220.000 Mitgliedern aus Hannover und Umgebung versteht sich als regionale Kontaktbörse. Das Angebot finanziert sich ausschließlich durch Werbung. Von einem Chat oder einem Forum zu sprechen, wäre zu kurz gegriffen: Ein kleines Universum an Kommunikationsmöglichkeiten tut sich bei goolive auf.

Nutzer verfügen über ein eigenes „Tagebuch“, Standard- und Detailangaben zur eigenen Person, man hat ein Gästebuch, in dem andere Botschaften hinterlassen können. Man kann einander virtuelle Geschenke machen. Und in einer virtuellen Währung namens gooCoins und gooDollars bezahlt man einen „Daumen nach unten“, einen „Liebesblick“ oder einen „Heulkrampf“. Der einstige „Chat“ als Livediskussion am Computer oder per Handy ist da nur eine Kommunikationsart unter ferner liefen, häufig nutzen die Teilnehmer gegenseitige zeitversetzte Einträge ins Gästebuch.

Diese Dienste werden immer beliebter: Ähnlich wie bei den Diensten Knuddels, StudiVZ, Facebook oder SchülerVZ hat man als Teilnehmer auch bei Goolive eine eigene Seite, auf der man persönliche Dinge einträgt: „Meine sexuelle Orientierung: Heterosexuell“ heißt es da zum Beispiel, „185/79“ bei „Größe/Gewicht“ und vielleicht „9,32 Kilometer“ bei „Entfernung“ – der vom Computer errechneten Distanz zwischen zwei Teilnehmern. Keine der persönlichen Angaben muss stimmen, alles kann erfunden sein. „Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist“, lautet ein geflügeltes Wort, das bereits 1993 als Karikatur im US-Magazin „The New Yorker“ gezeigt wurde – und zwei Hunde beim Chatten zeigt. Eine digitale Identität im Netz anzulegen ist heute für jedermann leicht möglich – und die in vielen Allgemeinen Geschäftsbedingungen von den Diensten vorgesehene Pflicht zu wahren Angaben lässt sich problemlos umgehen.

Für René S. trägt diese Möglichkeit der Anonymisierung offenbar eine große Mitschuld an dem Verbrechen an seiner Verlobten. Er erhebt im Internet schwere Vorwürfe gegen den Betreiber des sozialen Netzwerks goolive. Die Firma müsse zur Rechenschaft gezogen werden, schreibt der junge Mann in einem Forum. Offenbar ist S. der Ansicht, dass goolive hätte verhindern müssen, dass Melanies Mörder Benjamin F. dort unter einer gefälschten Identität auftrat.

Robert Pomes, Geschäftsführer des hannoverschen Unternehmens, weist die Vorwürfe zurück: „Wir tun mehr als alle anderen sozialen Netzwerke für die Sicherheit unserer Mitglieder.“ Ein Fotobeweis soll unter anderem für richtige Angaben sorgen: „Lade doch ein Foto von Dir mit einem Zettel und Deinen Angaben in der Hand hoch, und dann kannst Du bei allen coolen Aktionen auf der Plattform mitmachen“, begrüßt eine goolive-Mitarbeiterin Neulinge auf der Plattform – doch lässt sich per Bildmanipulation eine falsche Identität anlegen. Anders als das Netzwerk Facebook erlaubt goolive es zudem grundsätzlich nicht, dass sich eine Person unter mehreren Namen anmeldet. Nach diesen Doppel- oder sogar Mehrfachaccounts suchen rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter des Unternehmens regelmäßig die Internetseite ab. „Haben sie eine verdächtige Seite entdeckt, melden sie diese den Systemadministratoren, von denen die Profile dann deaktiviert werden. Bei 500 bis 600 Neuanmeldungen pro Tag würden täglich 30 bis 50 Doppelaccounts entdeckt, erklärt Pomes.

Warum aber hat das Kontrollsystem im Fall Melanie R. versagt? Benjamin F. hatte sein falsches Frauenprofil erst am Sonntag um 2.29 Uhr hochgeladen. Am Dienstag hatte sich der mutmaßliche Mörder bereits mit seinem Opfer in der realen Welt getroffen. „Das ist eine zu kurze Zeitspanne, um von uns entdeckt zu werden“, sagt Robert Pomes. Der mutmaßliche Täter Benjamin F. war auch unter seinem richtigen Namen auf der Plattform aktiv. Sein eigenes Profil stammt vom 28. August 2009 – zwei Monate, nachdem Melanie R. sich in dem sozialen Netzwerk angemeldet hatte.

Im Gästebuch von Melanies Verlobtem hinterlassen nun viele goolive-Nutzer ihre Beileidsbekundungen – und es sind nicht allein gemeinsame Bekannte aus dem realen Leben, sondern auch viele virtuelle Bekannte. Das goolive-Profil von Melanie hingegen ist gesperrt. Ebenso war das des Täters gestern nicht mehr auffindbar. Jedoch finden sich an anderer Stelle im Netz seine Spuren, etwa bei den US-Diensten Facebook und Myspace. „Interessiert an: Frauen“, „Auf der Suche nach: Freundschaft, Dating, feste Beziehung, Kontakte knüpfen“, steht beispielsweise im Facebook-Profil von Benjamin F.

Heinrich Thies, Andre Ziegenmeyer, Marcus Schwarze, Tobias Morchner