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Panorama Michael Jackson: Der König ist tot, es lebe das Geschäft
Nachrichten Panorama Michael Jackson: Der König ist tot, es lebe das Geschäft
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19:52 24.06.2010
Auf dem Forest-Lawn-Friedhof bei Los Angeles hat der „King of Pop“ seine letzte Ruhe gefunden.
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Wenn sich heute die gusseisernen Tore auf dem exklusiven Forest-Lawn-Memorial-Friedhof von Glendale öffnen, herrschen strenge Regeln. Ein Jahr nach dem Tod ihres Idols dürfen Michael Jacksons Fans zum Holly Terrace Mausoleum pilgern, der Grabstätte des „King of Pop“, aber mehr als Blumen dürfen sie nicht dabei haben. Kerzen, Kameras oder Ballons, Radios und sonstiger Lärm sind nicht erlaubt. Man mag es nicht schrill und exzentrisch auf dem Edelfriedhof vor den Toren von Los Angeles, auf dem Hollywoodgrößen wie Humphrey Bogart und Errol Flynn ihre letzte Ruhe fanden.

Auch die Nachlassverwalter Michael Jacksons haben dem Popstar seit seinem Ableben am 25. Juni 2009 unter kräftiger Beihilfe der Familie ein völlig neues Image verpasst. Schrill und exzentrisch war einmal. Das Bild vom zunehmend bizarren „Wacko Jacko“ der letzten Lebensjahre mit seinen irritierenden Macken und Seltsamkeiten ist ebenso verblasst wie die Erinnerung an immer neue Anwürfe wegen angeblicher Intimkontakte mit kleinen Jungs.

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Stattdessen ist Michael Jackson, seit er vor einem Jahr nach Verabreichung diverser Medikamente erst bewusstlos in seiner Villa in den Holmby Hills gefunden, dann viel zu spät in ein Krankenhaus gebracht wurde, zu einer Art tragischem Helden mutiert – und zu einer schier unerschöpflichen Geldquelle. Zu Lebzeiten hatten viele über den Comebackversuch des alternden Stars gespottet, der mit einer Londoner Konzertserie im Sommer 2009 auch dem finanziellen Ruin entgehen wollte. Heute ist Jackson der bestverdienende tote Künstler aller Zeiten. Rund eine Milliarde Dollar sollen die Verwalter des Jackson-Estate, der Künstleranwalt John Branca und der Promoter John McClain, mit seinem Erbe in den vergangenen zwölf Monaten verdient haben – mehr Geld, als Jackson in 45 Bühnenjahren einspielte.

Michael Jackson ist tot. Im Alter von 50 Jahren ist die Musiklegende einem Herzstillstand erlegen.

Schon in der Woche nach seinem plötzlichen Tod stürmte die eilig auf den Markt geworfene CD-Sammlung „The Collection“ an die Spitze der US-Charts. Mitschnitte von Jacksons Bühnenproben für die geplante „This Is It“-Tour wurden später zum erfolgreichsten Konzertfilm der Geschichte. 72 Millionen Dollar spielte der Film allein in nordamerikanischen Kinos ein, auf 390 Millionen Dollar beliefen sich die Einnahmen weltweit. Mit dem Unterhaltungskonzern Sony schlossen die geschäftstüchtigen Nachlassverwalter einen 250-Millionen-Dollar-Deal: Geplant ist die Herausgabe von zehn Alben, darunter mit bislang nicht veröffentlichtem Material. Selbst Michael-Jackson-Klingeltöne, für zwei Dollar das Stück zu haben, spülten Millionen in die Kassen. Die bei seinem Tod auf 400 Millionen Dollar geschätzten Schulden dürften einem stattlichen Vermögen der Erben Platz gemacht haben.

Möglich wurde das auch, weil Jacksons Image einen dramatischen Wandel durchlief. Der Tod hat das alte Misstrauen weggeblasen. Aus dem vermeintlichen Kinderschänder Michael Jackson wurde das Opfer. Sarah Churchwell, Autorin einer Marilyn-Monroe-Biografie, verglich die sich postum wandelnde Sicht auf den Popstar mit jenem Mitleid, das einst der schönen Hollywoodikone nach ihrem Tod entgegenschlug. Anders als die ebenfalls früh gestorbenen Elvis Presley oder James Dean würden Monroe und Jackson als sensible, vereinsamte, schutzlose Wesen betrachtet. Als Menschen, die dem gnadenlosen Druck des Ruhms nicht gewachsen waren, die ausgenutzt wurden und „den Manipulationen anderer zur Beute fielen“.

Dieser Imagewandel zum tragischen Helden begann schon mit Jacksons Tod an einer Überdosis des Narkotikums Propofol. Spekulationen, ob der ihm vom Londoner Konzertveranstalter für die Proben zur Seite gestellte Mediziner Conrad Murray den gesundheitlich angeschlagenen Sänger für die Auftritte im Auftrag seiner Geldgeber fit spritzen sollte, sind nie verstummt. Auch Mitglieder des Jackson-Clans hatten entsprechende Vorwürfe erhoben. Vor Gericht muss sich Murray demnächst wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Im Film „This Is It“ war dann wieder der hart arbeitende Künstler Michael Jackson zu sehen, den man fast schon vergessen hatte. Der Perfektionist, der es einst vom Kinderstar der Jackson Five zur weltweiten Popikone der achtziger Jahre gebracht hatte. Schließlich ließen auch die – von der mit dem Sorgerecht beauftragten Großmutter Katherine strategisch geplanten – Auftritte seiner Kinder in der Öffentlichkeit eine gänzlich unbekannte Seite Jacksons ahnen: die des liebevollen, alleinerziehenden Vaters. „Die Jacksons sind PR-Meister“, erklärte dazu die Journalistin Diane Dimond.

Für seine Fans war der Moonwalker schon zu Lebzeiten unsterblich. Ob aber ihre Verehrung für Michael Jackson dauerhaft in einen lukrativen Kult umschlägt, wie er seit Jahrzehnten um Amerikas bislang erfolgreichsten untoten Toten Elvis Presley zelebriert wird, muss sich zeigen. Sicher ist nur: Am Elvis-Grab auf dem verkitschten Graceland-Anwesen in Memphis geht es deutlich ungezwungener zu als auf dem spaßfreien Forest-Lawn-Memorial-Friedhof.

Dietmar Ostermann