Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Michelle Obama bläst zum Kampf gegen Fettleibigkeit
Nachrichten Panorama Michelle Obama bläst zum Kampf gegen Fettleibigkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:30 24.02.2010
Früchtemilchshake ohne Zucker: Michelle Obama auf Werbetour in einem Lebensmittelladen in Philadelphia. Quelle: ap
Anzeige

Washington. Broccoli und Mineralwasser statt Pommes und Cola? Auf diese von Michelle Obama anvisierte Gesundheitsreform sollten sich sogar die Amerikaner einigen können. „Let’s move“, also „Los geht’s“, heißt die Kampagne, die amerikanischen Kindern und Jugendlichen gesündere Essensgewohnheiten beibringen und sie zu mehr sportlicher Bewegung animieren soll. Dafür hat Ehemann Barack Obama eine Milliarde Dollar im US-Gesundheitshaushalt lockergemacht. Kinder und Jugendliche sollen genauer erfahren, warum jeder dritte von ihnen inzwischen übergewichtig ist.

Frühstücksflocken, Chips und Limonade sollen vom Menüplan möglichst verschwinden. Auch ihre eigene Familie, so erzählt Michele Obama, habe früher oft gesündigt: „Es gab diese Abende, wo jeder müde und hungrig war, und wir uns Fast-Food im Vorbeifahren direkt ins Auto geholt haben, weil es eben schnell und billig war.“

Anzeige

Republikaner und Demokraten, Ärzte und Nahrungsmittelhersteller sind ins Weiße Haus gekommen und haben versprochen, die First Lady zu unterstützen. Coca-Cola und Pepsi werden künftig Kalorienangaben auf ihre Flaschen schreiben. Die Schoko-Industrie wirbt damit, dass sie statt Monsterriegeln nun kleinere Einzelhäppchen in die Tüten füllt. Und auch die Großlieferanten, die Tausende von amerikanischen Schulküchen versorgen, haben versprochen, mehr Frische zu liefern.

Die Nahrungsmittelindustrie zeigt sich nicht ohne Grund kooperativ: Sie fürchtet, dass die Politik irgendwann einmal härter durchgreift. Bundesstaaten wie Arkansas oder Virginia erheben bereits eine Sondersteuer auf Süßgetränke. Doch was eine Reporterin der „Washington Post“ bei einer einwöchigen Erkundungstour in einer angeblich auf bessere Ernährung setzenden Schulküche der US-Hauptstadt erlebte, war ernüchternd. Die Schule hatte zwar seit 2006 den Verkauf von Limonaden verboten – aber stattdessen griffen die Kinder zu gesüßten Milchgetränken, die genauso viele Kalorien enthielten. Und was der Schullieferant als „frisch gekocht“ anpries, war nur eine Variante des altvertrauten Essens aus der Fabrik. „Die Mahlzeiten enthielten Ingredienzien aus dem Handbuch eines Lebensmittelchemikers“, schrieb die Reporterin. Ein Rührei glänzte mit modifizierter Maisstärke, Xanthan, flüssigem Paprikaextrakt, Zitronensäure, lipolysiertem Butteröl und mittellangen Triglyzeriden – was auch immer das ist. Beim Gemüse erlebte sie traurige Szenen: „Nach dem Kochen war der Broccoli fad und trist. Nach einer Stunde hatte er sich vollkommen aufgelöst und klammerte sich nur noch in kleinen Stücken an den Blumenkohl und die Karotten.“

Selbst hinter den von der Industrie angekündigten kleineren Schokoriegeln scheint eine clevere Marketingstrategie zu stehen. „Ich denke, mit dieser Verteilmethode wird es mehr Gelegenheiten geben, das Produkt zu verwenden“, sagt Jody Cook, eine Sprecherin des Schokoladenherstellers Hershey ganz offen. Im Klartext: Die kleinen Leckerli werden öfter unter Freunden weitergereicht. Damit sind die Kalorien zwar auf mehr Kinder verteilt, aber nicht aus der Welt.

Für Thomas Frieden, Direktor der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC, sind das allesamt bloß politisch kalkulierte Beruhigungspillen: „Die Nahrungsmittelhersteller erinnern einen an die Tabakkonzerne“, sagt er. „Sie säen Zweifel, wo es keinen vernünftigen Zweifel gibt. Sie bezahlen Lobbyisten, benutzen sogenannte Experten, behaupten, dass neue Produkte sicherer seien, und argumentieren damit, dass sie überhaupt nicht um Kinder werben.“

Andreas Geldner