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Panorama Der Zorn des Milliardärs Donald Trump
Nachrichten Panorama Der Zorn des Milliardärs Donald Trump
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21:06 18.11.2015
Von Imre Grimm
Mobilisierung mit Tweets: Auf Twitter hat Donald Trump mittlerweile 4,8 Millionen Follower. Quelle: EPA/MAX WHITTAKER / POOL/dpa
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Washington

Woher kommt bloß diese Wut? Dieser weiß glühende Zorn? Was ist es, das den republikanischen US-Präsidentschaftsbewerber-Bewerber Donald Trump (69) bei Twitter klingen lässt wie einen vom Leben enttäuschten Stammtischbruder, der um sich beißt, um nicht selbst gebissen zu werden?

Trumps aggressive Ausfälle

Linksliberale US-Kritiker mutmaßen oft, es sei die Angst der weißen, alten Alphamänner um die Deutungshoheit in einer sie irritierenden Welt, in der vermeintlich Schwulen, Latinos, Vegetariern, Pazifisten und Feministinnen die Zukunft gehört.

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Möglicherweise aber folgt Trump mit seinen aggressiven Ausfällen bei Twitter schlicht den Mechanismen einer modernen Mediokratie, in der das nackte Entertainment, der Unterhaltungswert an sich, alle anderen Qualifikationen überlagert. In der die wichtigste Anforderung an einen Bewerber um ein öffentliches Amt lautet: Du sollst nicht langweilen.

Wahlkampf ohne Filter

Sicher ist: Donald Trump verlässt sich in seinem Wahlkampf um die Kandidatur für das Weiße Haus ausschließlich auf zwei Instrumente: auf Donald Trump und auf Twitter. Mehr als 4,8 Millionen Menschen folgen ihm inzwischen. In knapp sieben Jahren hat er 30.000 Tweets abgesetzt. Er provoziert, triezt, schäumt und wütet wie kein Bewerber vor ihm – ohne Filter, ohne die deeskalierende Wirkung einer PR-Agentur im Hintergrund.

Beispiele: Rand Paul, seinen Mitbewerber um die Präsidentschaftskandidatur, nannte er "ein verwöhntes Gör ohne funktionierendes Gehirn". Über die Medienunternehmerin Arianna Huffington schrieb er, sie sei "innerlich und äußerlich unattraktiv. Ich kann gut verstehen, warum ihr Mann sie für einen anderen Mann verlassen hat". Allen „Verlierern und Trump-Hassern“ versicherte er: "Tut mir leid, aber mein IQ ist einer der höchsten."

Übers Ziel hinaus

Gelegentlich merkt selbst er, dass die Vernunft seinen twitternden Fingern hinterherhinkt: Einen bösen Tweet über Hillary Clinton löschte er wieder ("Wenn sie ihren Mann nicht befriedigen kann, wie sollte sie da Amerika befriedigen?"), ebenso ein Bild, das seinen Kontrahenten Jeb Bush neben einer Hakenkreuzflagge zeigt.

Nachdem sein parteiinterner Konkurrent Ben Carson in Iowa vorne lag, schrieb er, dass "genmanipuliertes Saatgut" im Mais die Wähler in Iowa wohl verblödet habe. Später gab er einer "jungen Praktikantin" die Schuld an diesem Tweet.

Was kommt noch?

In seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf demonstrierte Barack Obama 2008 einer damals noch staunenden Öffentlichkeit, wie man sich mittels sozialer Medien ein mächtiges Unterstützer- und Spenderheer heranzieht. Trump braucht kein Geld. Er ist Milliardär. Auf Fersehspots – bisher das Mittel der Wahl für US-Politiker – verzichtete er lange.

"Aber er weiß genau, wie er seine Truppen um sich schart", sagt der erfahrene US-Wahlkampfberater Joe Trippi. Allgemeine Lehrmeinung ist, dass Dampfplauderei zwar die Bekanntheit, nicht aber die Aussichten verbessert, wenn es um echte Wählerstimmen geht. Trumps anhaltender Höhenflug jedoch straft die Gesetze des amerikanischen Wahlkampfes bisher Lügen. Ist die Twitter-Offensive nur die erste Zündstufe in seinem Plan? Kommt da noch etwas?

Direkte Botschaften

"Social Media verstärkt den Trend, dass die Leute sich ihre eigene Realität konstruieren", sagt der frühere "Washington Post"-Korrespondent Ken Bode. Zudem erhöht jede Kontroverse den Bekanntheitsgrad. Trump selbst genießt die Unabhängigkeit von Politjournalisten, Analysten, Meinungsmachern. Ohne lästige Nachfragerei kann er zielgruppenkonforme Botschaften direkt an seine Fans senden. "Es ist, als würde man seine eigene Zeitung besitzen", twitterte er einst stolz. Da hatte er erst zwei Millionen Follower.

Rupert Murdoch kann da nur kichern. Er besitzt 194 Zeitungen. Dennoch nutzt auch er – ohne persönliches Interesse an einem politischen Amt – Twitter so exzessiv, als befände er sich im Dauerwahlkampf. Obama warf er zuletzt vor, "kein richtiger schwarzer Präsident" zu sein. Aufschrei im Netz.

"Tweef" amüsiert das Netz

Auch Murdoch ist glühender Republikaner, auch er ist ein shit­stormgestählter Provokateur – doch selbst Murdoch ging mancher Trump-Tweet zu weit. "Wann wird er aufhören, seine Freunde und das ganze Land zu blamieren?", schrieb er mit Bezug auf Trumps Anti-Latino-Ausfälle. Der "Tweef" ("Twitter-Streit") amüsierte das halbe Netz.

Im noch jungen US-Wahlkampf zeigt sich: Die grobschlächtige digitale Kommunikationskultur strahlt ab auf die reale Politik – je extremer die Positionen, je zugespitzter die Thesen, desto größer die Chance auf Gehör und schneeballartige Verbreitung. Selbst seine Gegner nützen dem twitternden Trump. Für sie ist er wie ein politischer Autounfall, bei dem man nicht wegsehen kann. Man hasst den Mann nach Kräften – und spricht ununterbrochen über nichts anderes.

18.11.2015
18.11.2015
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