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Panorama Mit 300 Schuss Munition ins Krankenhaus
Nachrichten Panorama Mit 300 Schuss Munition ins Krankenhaus
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16:27 22.09.2010
Eine Sonnenblume liegt vor dem Haus, in dem Sabine R. ihren Ehemann und ihren Sohn getötet hat und von dem aus sie sich auf den Weg ins nahegelegene Krankenhaus machte. Quelle: ap
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Es war noch mal ein ruhiger, schöner Spätsommertag in Lörrach am Hochrhein. Bis um 18 Uhr. Dann erschüttert plötzlich eine ohrenbetäubende Detonation das Haus Nummer 22 in der Markus-Pflüger-Straße in den Grundfesten. Aus dem ersten Stock schießen hohe Flammen, das Gebäude wird aufgerissen, die hintere Seite zum Innenhof hin fehlt völlig, eine Tür fliegt dreißig Meter weit, Rauch quillt aus der offenen Flanke. Die Bewohner geraten in Angst und Schrecken, können nicht begreifen, was sie da so jäh aus der Sonntagsruhe gerissen hat.

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Die Fassungslosigkeit legt sich auch nicht, als sie später erfahren, dass eine Mitbewohnerin für die Explosion verantwortlich ist.

Warum? Sie erschoss ihren Mann, tötete ihren fünfjährigen Sohn, steckte ihre Wohnung und damit das ganze Haus in Brand, stürmte, wild um sich schießend, zum benachbarten Krankenhaus, stach auf einen Pfleger ein, feuerte mindestens zehn Schüsse auf ein Patientenzimmer ab und lieferte sich einen Schusswechsel mit herbeigeeilten Polizisten, bis sie schließlich selbst tödlich getroffen im Krankenhausflur zusammenbrach. Vier Menschen starben, 18 wurden verletzt. Auch einen Tag nach dem Amoklauf im südbadischen Lörrach ist immer noch unklar, was die 41 Jahre alte Rechtsanwältin Sabine R. zu diesem Gewaltausbruch getrieben hat.

Nach ersten Ermittlungen und vier Pressekonferenzen von Polizei und Staatsanwaltschaft gewinnt das Bild der Amokläuferin nur sehr langsam an Konturen. Danach wirkte die Anwältin auf Nachbarn und Bekannte psychisch angespannt und stritt sich oft mit ihrem Mann, einem 44-jährigen Schreiner, von dem sie getrennt lebte. Beim Streit ging es vor allem um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn. Der Junge lebte während der Woche bei seinem Vater und verbrachte die Wochenenden bei seiner Mutter.

So war es auch am vergangenen Wochenende. Die Tragödie nahm offenbar ihren Ausgang, als der Vater das Kind bei der Mutter abholen wollte. Sabine R. erschoss ihren Mann mit der kleinkalibrigen Sportpistole Walter Long Rifle 22, für die sie als Mitglied eines Schützenvereins einen Waffenschein besaß. Wie ihr Sohn starb, ist offen. Der Junge weise „Anzeichen von stumpfer Gewalt“ auf, sagt der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Uwe Schlosser. Vieles spreche dafür, dass ihn die Mutter getötet habe. Hat sie ihren Sohn erschlagen? Es ist kaum eine andere Erklärung denkbar.

Sabine R. hatte sich erst vor Kurzem als Rechtsanwältin selbstständig gemacht. Am 11. Dezember 2009 hatte die Juristin ihre Zulassung erhalten, nach Jahren in der Privatwirtschaft. „Sie war unauffällig, eher eine graue Maus“, sagt der Immobilienmakler, der ihr die Räumlichkeiten vermittelte.

Nach den Schüssen und mutmaßlichen Schlägen verteilte Sabine R. nach den Worten des Staatsanwalts „breitflächig“ Brandbeschleuniger in ihrer Wohnung und ließ das Mietshaus, in dem sie gleichzeitig lebte und als Anwältin arbeitete, in Flammen aufgehen. 15 Bewohner erlitten Rauchgasvergiftungen. Die Wucht der Explosion war so heftig, dass eine ganze Hauswand herausgesprengt wurde. Während das Feuer um sich greift, stürmt Sabine R. zum benachbarten St.-Elisabethen-Krankenhaus, in dem sie wahllos auf Passanten schießt. Die beiden Männer im Eingangsbereich des Krankenhauses haben noch Glück. Einer wird am Kopf verletzt, der andere erleidet einen Streifschuss am Rücken. Der Pfleger, den sie kurz darauf auf dem Flur der Geburtshilfe trifft, hat weniger Glück. Sabine R. sticht auf ihn mit einer Art Fahrtenmesser ein, feuert mehrere Schüsse auf den 56-Jährigen ab. Der Mann stirbt, ehe Hilfe zur Stelle ist.

Sabine R. kannte den Pfleger nicht. Was bewog sie, in die gynäkologische Abteilung des Krankenhauses zu stürmen? „Im Jahre 2004 hatte sie eine Fehlgeburt in dieser Klinik“, teilt der Lörracher Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer mit. Liegt hier der Schlüssel für das Tatmotiv? Hat dieses sechs Jahre zurückliegende Erlebnis im Laufe der Zeit den wahnhaft wütenden Hass begründet? Der Oberstaatsanwalt gibt sich vorsichtig: „Ob das der Grund war, wissen wir nicht. Wir können nur mitteilen, dass es das Geschehnis in der Biografie der Frau gegeben hat.“

Der Leiter der Gynäkologie, Kurt Bischofsberger, wies unterdessen bereits ein Verschulden der Klinik an der Fehlgeburt kategorisch zurück. Sabine R. habe ihr Kind bereits in der 16. Woche verloren – und der getötete Pfleger habe damals zwar schon in der Abteilung gearbeitet, sei jedoch mit Sabine R. nicht befasst gewesen.

Die Wut der Amokläuferin ist auf jeden Fall so groß, dass Sabine R. mindestens zehn Schüsse auf ein Patientenzimmer abgibt, in dem sich sechs Menschen befinden. Dass sich die Zahl der Toten nicht noch weiter erhöht habe, sei nur „dem beherzten Eingreifen“ zweier Lörracher Polizeibeamten zu verdanken, die durch einen Notruf verständigt worden waren, teilte die Einsatzleitung der Polizei später mit.

Die Polizisten rufen Verstärkung. Gut ein Dutzend Beamte dringen schließlich auf die Gynäkologie vor, fordern Sabine R. auf, ihre Waffe niederzulegen und sich zu ergeben. Doch die Anwältin erwidert die Aufforderung, indem sie die Beamten beschießt. Die Beamten erwidern das Feuer. Sabine R. geht in Deckung, wechselt mehrmals das Magazin. In den umliegenden Zimmern verbarrikadieren sich Patienten und Bedienstete. Ein Beamter wird bei dem Schusswechsel am Bein getroffen, „ein glatter Durchschuss“, wie es heißt.

Schließlich bricht Sabine R. zusammen – getroffen von Polizeikugeln. Die Beamten, die diese tödlichen Schüsse abgaben, hätten „eindeutig aus Notwehr“ gehandelt, wird die Einsatzleitung später bei der Pressekonferenz im Rathaus von Lörrach mitteilen. Insgesamt 300 Schuss Munition hat die Anwältin laut Polizei mit ins Krankenhaus genommen. Vier Waffen durfte sie besitzen. Ganz legal.

Der Fall hat erneut eine Debatte um das Waffenrecht entfacht. „Das nach den erschütternden Schulmorden von Winnenden verschärfte Waffenrecht wird immer noch durch ein massives Vollzugsdefizit ausgebremst“, klagt zum Beispiel der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg. Der Erteilung von Waffenscheinen müssten „gründlichere Eignungsprüfungen“ vorausgehen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) lehnt dagegen eine „reflexartige Debatte“ über das Waffenrecht ab. Zunächst müssten alle Informationen in aller Ruhe analysiert werden.

Am Montagabend wurde bei einer Andacht in der Christuskirche von Lörrach der Opfer des Amoklaufs gedacht. Die Stadt ringt unterdessen damit, ob und wie eine zentrale Trauerfeier gestaltet werden könnte. Stadtsprecher Jochen Schicht erläuterte, dass man mit einer gemeinsamen Trauerfeier für alle Hinterbliebenen große Probleme habe. „Wir wissen nicht, ob die Familie des Pflegers mit den Angehörigen der Amokläuferin trauern möchte. Der Mann hatte ja mit dem Beziehungsdrama nichts zu tun.“

Heinrich Thies und Wolfgang Messner

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