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Panorama Moorleiche war ein Junge
Nachrichten Panorama Moorleiche war ein Junge
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15:32 23.06.2009
Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, zeigt Knochen einer Moorleiche.
Klaus Püschel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fand heraus, dass es sich bei der 1939 in Oldenburg gefundenen Moorleiche um einen Jungen handelt. Quelle: David Hecker/ddp
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„Der Junge war Rechtshänder und stark gehbehindert“, sagte Klaus Püschel vom Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf am Dienstag bei der Vorstellung der neuen Erkenntnisse. Die 1939 gefundene Moorleiche war bisher als Frau im Alter zwischen 20 und 40 Jahren im Museum archiviert worden.

Eine Pollenanalyse belegt nach Museumsangaben ein Alter der Leiche von zwischen 800 und 1000 Jahren. „Bis auf eine innere Knochenverletzung im rechten Unterschenkel weist die Moorleiche keine zu Lebzeiten entstandene Verletzung auf“, sagte Püschel. Das Skelett sei mit den neuesten Methoden der Kontaktdiographie, der Computertomographie und der hochauflösenden dreidimensionalen Mikrocomputertomographie untersucht worden. Die Untersuchungen seien ohne Materialentnahme durchgeführt worden, betonte Püschel.

Herausgekommen seien „hochinteressante“ Befunde. „Anhand der Knochendichte und der Struktur der Knochen haben wir eine sogenannte Immobilisations-Osteoporose festgestellt“, erklärte der Direktor des rechtsmedizinischen Instituts. „Der Junge humpelte.“ Zusammen mit einer Verformung des linken Hüftkopfes sei die Gehbehinderung vermutlich „immer schlimmer“ geworden.

Woran das Kind gestorben und wie es ins Moor gekommen ist, darüber könne nur spekuliert werden. Ich denke, es handelt sich bei der Leiche um einen stark körperbehinderten Jungen“, sagte Püschel. „Er ist aber offenbar lange Zeit gut versorgt worden.“ Möglicherweise sei der Junge aufgrund seiner Behinderung dann irgendwann lebendig im Moor begraben worden. „Vielleicht ist er aber auch eines natürlichen Todes gestorben und im Moor abgelegt worden“, sagte Püschel.

Dass die als „Dame aus der Esterweger Dose“ archivierte Moorleiche jetzt untersucht wurde, ist nach Angaben von Museumsdirektor Mamoun Fansa einer Leihanfrage zu verdanken. „Wir wollten diesen Altfund mit neuen Untersuchungsergebnissen auf die Reise schicken“, erzählte Fansa. Die Moorleiche solle im Frühjahr kommenden Jahres im Rahmen eines internationalen Ausstellungsprojekts auf Wanderschaft durch die USA gehen.

Von den neuesten Ergebnissen sei er selbst “überrascht“, sagte Fansa. Bisher sei das Museum davon ausgegangen, dass es sich bei der 1939 bei Torfarbeiten im Moor Esterweger Dose in der Nähe von Cloppenburg gefundenen Leiche um eine etwa 1,50 Meter große Frau im Alter zwischen 20 und 40 Jahren handelte. Das hätten anthropologische Untersuchungen am Skelett damals ergeben, sagte Fansa. Dies wurde jetzt 70 Jahre später revidiert.

Ab Mittwoch soll die Moorleiche für zwei Wochen im Museum ausgestellt werden. Danach warten weitere Untersuchungen. Sie sollen beispielsweise über die Ernährungsgewohnheiten des Jungen Aufschluss geben. Insgesamt beherbergt das Landesmuseum Natur und Mensch sechs Moorleichen sowie das Haarteil (mit Kopfhaut) eines weiteren Verstorbenen.

ddp