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Panorama Mord nach 16 Jahren aufgeklärt
Nachrichten Panorama Mord nach 16 Jahren aufgeklärt
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21:58 22.04.2012
Von Heinrich Thies
Die Polizei schloss die Akten – doch ein hartnäckiger Zeitungsreporter ermittelte auf eigene Faust.
Die Polizei schloss die Akten – doch ein hartnäckiger Zeitungsreporter ermittelte auf eigene Faust. Quelle: Kris Finn (Symbolbild)
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Bonn

Die Polizei hatte den Vermisstenfall längst ad acta gelegt. Zur späten, überraschenden Aufklärung des Falles kam es durch die Recherchen des Chefreporters des „Bonner Generalanzeigers“, Wolfang Kaes.

Es begann im Dezember 2011 mit einer amtlichen Bekanntmachung des Amtsgerichts Rheinbach, die durch Zufall auf dem Schreibtisch des Journalisten gelandet war. Gertrud Ulmen, seit März 1996 vermisst, wurde von Amts wegen aufgefordert, sich bis zum 28. Februar 2012 im ersten Stock, Zimmer 207, einzufinden. Erscheine sie nicht, werde sie für tot erklärt. Ein Routineaufgebot, wie es das Gesetz bei Verschollenen vorschreibt.

Doch Kaes ließ die Notiz keine Ruhe. Denn zufällig stammte die Vermisste aus seinem Heimatort – aus Mayen, einer 18.000-Einwohner-Stadt in der Eifel. Der Fall hatte keinerlei Aufsehen erregt. Als Kaes bei der örtlichen Polizei nachfragte, waren die Beamten „im ersten Moment ganz perplex“, wussten nicht einmal, ob überhaupt jemals ermittelt worden war, berichtet der Journalist. „Da war mir klar: Da stimmt was nicht.“

Daraufhin nimmt Kaes Kontakt zu Angehörigen, Freunden und Nachbarn auf. Dabei wird ihm klar: „Diese Frau war nicht der Typ, der sich von heute auf morgen auf und davon macht und ihren schwerkranken Vater ohne Abschiedsgruß zurücklässt.“ Alle Freunde und Verwandten waren wie vor den Kopf gestoßen, als der Ehemann wenige Tage nach dem Verschwinden seiner Frau behauptete, Getrud habe gerade angerufen. Sie habe sich in einen portugiesischen Geschäftsmann verliebt und wolle mit diesem künftig im Ausland leben. Später ist von Australien die Rede. Das passt zwar eigentlich nicht zu der bodenständigen Frau, doch die Polizei sieht keinerlei Handlungsbedarf. „Ihre Schwester ist eine erwachsene Frau“, wird den beharrlich nachbohrenden Geschwistern gesagt. „Die kann gehen, wohin sie will.“ Besonders beunruhigt ist die 83-jährige Mutter der Verschwundenen. Sie zündet jeden Tag eine Kerze vor dem Foto ihrer Tochter an.

Merkwürdig abweisend reagiert der Ehemann auf die Nachforschungen des Journalisten. Kein Wunder: Sechs Monate nach dem Verschwinden seiner Frau reichte er die Scheidung ein, heiratete erneut und wurde erstmals Vater. Auch diese Ehe scheiterte. Die Exfrau wird dem Journalisten später berichten, die Schränke seien bei ihrem Einzug voll gewesen. So gut wie nichts habe Gertrud Ulmen mitgenommen. Im Zuge seiner Recherchen erfährt Kaes, dass im Sommer 1996 im Wald von Bad Honnef eine Frauenleiche gefunden worden ist. Die Polizei hatte damals daraufhin den Ehemann befragt. Doch der sagte, die Konfektionsgröße stimme nicht, die Zähne seien zu ungepflegt. Die Beamten gaben sich damit zufrieden. Erst als Wolfgang Kaes 16 Jahre später im „Bonner Generalanzeiger“ über den mysteriösen Fall berichtet, nimmt die Polizei die Ermittlungen wieder auf. Dabei stellt sich durch einen DNA-Abgleich heraus: Die Tote ist Gertrud Ulmen. Wenig später wird der Ehemann erneut vernommen, verwickelt sich in Widersprüche – und gesteht. Nach einem Streit habe er seine Frau mit einem Kissen erstickt, den Leichnam ins Auto gepackt und im Wald verscharrt, sagt der 56-jährige Physiotherapeut. Die Polizei hat sich inzwischen bei der Familie für die Ermittlungspanne entschuldigt.

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