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Panorama Mordfall Bögerl: Heidenheim zwischen Trauer und Schuldfragen
Nachrichten Panorama Mordfall Bögerl: Heidenheim zwischen Trauer und Schuldfragen
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20:02 09.06.2010
In der Bonifatiuskirche in Heidenheim ist ein Porträt von Maria Bögerl mit einem Trauerflor geschmückt. Quelle: dpa
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Sie hatten schon vor Öffnung der Kirchentüren Abschied an dem mit Rosen geschmückten Sarg genommen, ohne von Neugierigen beobachtet, ohne angesprochen zu werden.

Als am Nachmittag der Gottesdienst begann, als ein Freund der Familie in seiner Predigt sagte, in Heidenheim sei „nichts mehr so, wie es einmal war“, hatten rund 900 Trauergäste die Kirchenbänke gefüllt. Schon am Vormittag war in der Bonifatiuskirche im Stadtteil Schnaitheim, in dem die Bögerls wohnen, ein Requiem für die Getötete abgehalten worden. Die Familie des Opfers fehlte dabei, doch die ausliegenden Kondolzenbücher füllte sich rasch mit bewegenden Adressen der Teilnahme.

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Unterdessen wehrt sich die Polizei gegen den Vorwurf, sie selbst könnte Mitverantwortung an der verspäteten Geldübergabe und damit an der Ermordung Maria Bögerls tragen. „Wir werden hier als die Trottel hingestellt“, schimpfte gestern ein Sprecher.

Am vergangenen Freitagabend hatte der Heidenheimer Polizeichef Volker Lück vor Journalisten erstmals einräumen müssen, das Lösegeld für Maria Bögerl in Höhe von 300.000 Euro sei vom Ehemann der Entführten rund eine halbe Stunde zu spät an den Übergabeort gebracht worden. Die „enge zeitliche Vorgabe“ des Täters habe es unmöglich gemacht, das Geld rechtzeitig in der geforderten Stückelung bereitzustellen.

Der „stern“ berichtete jedoch am Dienstag auf seiner Internetseite, dass die Ermittler bei Entführungen qua Vorschrift angehalten seien, Lösegeld über eine Bank in Frankfurt zu beschaffen, und im Fall Bögerl an dieser „bürokratischen Hürde“ gescheitert seien. Weiter heißt es dort, Ehemann Thomas Bögerl habe sich geweigert, zumindest mit einer Teilsumme des Lösegeldes in Höhe von 300.000 Euro und einer Nachricht an den Entführer rechtzeitig zum vereinbarten Übergabeort zu fahren.

Die Behörde sah sich zu einer gemeinsam mit der zuständigen Staatsanwaltschaft verfassten Stellungnahme veranlasst: „Der Ehemann von Frau Bögerl hat sofort – ohne dass eine entsprechende Bitte seitens der Polizei an ihn herangetragen worden wäre – erklärt, die geforderte Lösegeldsumme entsprechend den Tätervorgaben bereitstellen zu können“, heißt es darin. Und weiter: „Deshalb hat die Polizei nicht versucht, das Lösegeld selbst zu besorgen. Dies war eine Entscheidung bereits in der ersten Phase des Einsatzes. Eine Abstimmung mit vorgesetzten Behörden in Stuttgart hat dazu nicht stattgefunden.“

Die „Stuttgarter Nachrichten“ wiederum zitierten am Dienstag nicht näher benannte Ermittlerkreise, wonach Thomas Bögerl am Entführungstag darauf bestanden habe, das Geld für seine Frau selbst über seine Kreissparkasse zu beschaffen. Doch dann habe es der Ehemann doch nicht rechtzeitig geschafft. Gegenüber der Zeitung wies der Bankenchef im selben Artikel den Vorwurf zurück. Zitat: „Ich habe nie darauf bestanden, das Lösegeld selbst zu besorgen. Der Betrag wurde besorgt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.“

Die Polizei und der Witwer widersprechen sich also in der Darstellung der hektischen Geschehnisse vom 12. Mai. Der Bankenchef lässt sich inzwischen von einem Anwalt beraten.

Unterdessen sucht die Polizei weiter nach dem Mörder von Maria Bögerl. Keine heiße Spur, hieß es auch gestern wieder seitens der Heidenheimer Ermittler. Zum zweiten Mal setzten sie am Abend auf einen Beitrag in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Der unbekannte Mann mit dem Zopf, von dem seit Tagen ein Phantombild verbreitet wird und der am 12. Mai in der Nähe des Wohnhauses der Familie Bögerl gesehen wurde, ist immer noch nicht gefunden. Als Zeuge wird er gesucht. Dass er auch mit dem Mord zu tun haben könnte, schließt jedoch niemand mehr aus.

Rüdiger Bäßler

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