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Panorama Nach Amokfahrt: Ein Land steht unter Schock
Nachrichten Panorama Nach Amokfahrt: Ein Land steht unter Schock
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20:34 01.05.2009
Entsetzt blicken Máxima und Thronfolger Prinz Willem-Alexander auf das Geschehen. Quelle: Patrick Van Katwijk/afp
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Doch es dieses Jahr sollte keine Party geben.

Stattdessen werden die Menschen beim Nationalfeiertag vor Großbildleinwänden und Fernsehgeräten Zeugen einer schrecklichen Tat. Die Bilder kommen aus Apeldoorn, wo Königin Beatrix, Kronprinz Willem-Alexander, Prinzessin Máxima und viele andere Mitglieder der königlichen Familie Oranje-Nassau zusammen mit zahlreichen Niederländern den ,,Koninginnnedag‘‘ feiern. Die Bilder sind erst fröhlich, wie in jedem Jahr. Dann plötzlich rast ein schwarzer Suzuki Swift mit hoher Geschwindigkeit durch die Zuschauermenge. Menschen werden durch die Luft geschleudert, Kinder werden überfahren, Schreie ertönen, dann ein Knall. Der Suzuki prallt gegen ein Denkmal. Sein Ziel, den offenen Bus, in dem fast die gesamte königliche Familie der Niederlande sitzt, verfehlt er nur knapp – etwa um zehn, zwölf Meter. Das Attentat auf Ihre Majestät die Königin misslingt. Der Attentäter, der 38-jährige Karst T., ist schwer verletzt. Während ihn Feuerwehrleute aus dem Wrack seines Autos bergen, sagt er noch, dass er es auf Königin Beatrix und ihre Familie abgesehen hatte. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag stirbt der Attentäter in einem Krankenhaus. Sein Motiv für den Anschlag auf Königin Beatrix bleibt unklar.

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Die Königsfamilie, die eilends von vielen Sicherheitsbeamten in ein nahegelegenes Schloss gebracht wird, ist geschockt und mit ihr das ganze Land. Niemandem ist es mehr nach Feiern zumute. So wie der Haager Gitarrist Ronny legen viele Musiker im Land ihre Instrumente weg. Die Flaggen wehen auf Halbmast, während Königin Beatrix alle weiteren Festlichkeiten absagt. Am Abend hält sie ein kurze Fernsehansprache, die sie mit einem tiefen Seufzer beginnt. Dann die Worte: ,,Was als ein prächtiger Tag begann, endete in einem schrecklichen Drama. Wir sind alle entsetzt und tief schockiert. Wir sind sprachlos, dass so etwas Schreckliches geschehen konnte. Meine Familie, ich und alle Menschen in unserem Land sind mit unseren Herzen bei den Opfern, ihren Familien und ihren Freunden.‘‘

Die schreckliche Bilanz des Amok-Fahrers von Apeldoorn: sechs Tote, 13 Verletzte, fünf davon schwer. Der Schock der niederländischen Öffentlichkeit über das Attentat sitzt tief. ,,Wieder ist eine unserer Illusionen zerplatzt,‘‘ schreibt die Amsterdamer Zeitung ,,Volkskrant.‘‘ ,,Nach den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh hat unser Land seinen authentischen und unschuldigen Charakter endgültig verloren.‘‘ Eine unabhängige Untersuchung soll nun klären, wie es zu der Bluttat kommen konnte.

Karst T. war, bevor er sein Attentat auf Königin Beatrix und deren Familie plante und ausführte, offenbar ein ganz normaler Mann. Er wird als ,,graue Maus‘‘ beschrieben, schüchtern sei er gewesen, berichten seine Nachbarn. ,,Er fiel nie auf, zahlte seine Miete immer pünktlich. Er war ein vorbildlicher Mieter‘‘, sagt sein Vermieter Stem Bosman über den Attentäter, der bei ihm in Huissen ein Apartment gemietet hatte. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn Karst T. hatte gekündigt. Er musste seine Wohnung aufgeben, weil er die monatliche Miete von 580 Euro kalt nicht mehr bezahlen konnte. Am 1. Mai hätte er ausziehen sollen. Karst T., der zeitweilig als Baggerfahrer und als Sicherheitsmitarbeiter bei einem Bewachungsunternehmen gearbeitet hatte, war seit Kurzem arbeitslos. Er schmiedete einen mörderischen Plan und wählte als Ziel die königliche Familie. Er hatte die Route des Busses, in dem Königin Beatrix saß und durch Apeldoorn fuhr, genau studiert. Hätte er nach seiner Amokfahrt durch die Zuschauermenge und die Absperrungen die Spur halten können, dann hätte er den königlichen Bus tatsächlich genau an der Stelle gerammt, an der Königin Beatrix saß.

,,Die Königin und ihre Familie haben viel Glück gehabt. Ihnen wurde schnell klar, dass das ein gegen sie gerichteter Anschlag war,‘‘ sagt ein prominenter Niederländer, der mit Beatrix im Bus saß. So emotional wie bei ihrer Fernsehansprache hat man die 71-jährige Königin Beatrix noch nie gesehen.Der Anschlag auf die Königin der Niederlande wird für die Monarchie im Oranjestaat wohl nicht folgenlos bleiben. Vielleicht wird er sogar eine Debatte über die konstitutionelle Monarchie auslösen, bei der auch die Frage gestellt wird, ob Königin Beatrix und ihr designierter Nachfolger und ältester Sohn, Kronprinz Willem-Alexander (42), ihre Machtfülle behalten können. Königin Beatrix ist qua Verfassung Mitglied der Haager Regierung. Sie übt hinter den Kulissen großen politischen Einfluss aus, ohne dass ihre Macht demokratisch legitimiert ist.

Nationale Töne dürften bei den Wählern nach dem Anschlag auf die Königin besonders gut ankommen. Verstummen dagegen dürfte die in den vergangenen Wochen heftig geführte Debatte über die Frage, wann Königin Beatrix abdankt. Das wird sie nach dem Anschlag nicht so schnell tun. Denn das würde aussehen wie ein Eingeständnis von Schwäche.
von Helmut Hetzel