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Panorama Obdachloser zündet seinen Kumpan an
Nachrichten Panorama Obdachloser zündet seinen Kumpan an
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22:32 01.12.2010
Von Heinrich Thies
Im Vorgarten der Obdachlosenunterkunft wurde Andreas Schulte angezündet. Quelle: Uwe Dillenberg
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Verkohlte Kleiderfetzen und eine Gürtelschnalle – das ist alles, was von Andreas Schulte zurückgeblieben ist. Die Brandreste liegen noch im Vorgarten der Obdachlosenunterkunft von Schmarbeck-Grube, einem Ortsteil der Gemeinde Faßberg im Norden des Landkreises Celle. Gegen 21.30 Uhr stand hier am vergangenen Donnerstag einer der Bewohner in Flammen, nachdem ihn zuvor ein Mitbewohner im Suff mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet hatte.

Nachbar Thomas Otto ist immer noch aufgebracht, wenn er erzählt, wie sich die Tragödie zugetragen hat. Anfangs habe er nur gehört, wie sich die beiden Männer grölend betrunken und hämmernde Musik gehört hätten, erzählt er. Irgendwann am Abend aber habe Carsten S. dann an seine Tür geklopft. „Otti, mach auf“, habe der 39-Jährige gerufen und lauthals lachend hinzugefügt: „Guck mal da, Schulte brennt.“ So schnell wie möglich sei er daraufhin nach draußen gestürmt, habe dem brennenden Mitbewohner einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen und den Rettungsdienst alarmiert. Doch die Rettung kam zu spät. Andreas Schulte starb wenig später im Krankenhaus.

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Ein Obdachloser ist im niedersächsischen Faßberg bei Celle auf dem Grundstück einer Obdachlosenunterkunft angezündet worden. Er starb später an seinen schweren Verletzungen. Ein Tatverdächtiger wurde bereits festgenommen.

Der mutmaßliche Täter sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Celle ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung. Nach den vorläufigen Erkenntnissen der Polizei hat der Obdachlose seinen Kumpan zuerst misshandelt und dann in Brand gesetzt. Es war nicht das erste Mal, dass Carsten S. ausgerastet ist. „Der ist hier schon mit der Axt rumgerannt und hat geschrien, dass er uns alle umbringen will“, erzählt Nachbar Thomas Otto. „Drei Fensterscheiben hat er mir eingeschlagen.“ Als er sich bei der Gemeinde, der Trägerin der Obdachlosenunterkunft, darüber beklagt habe, habe die sich darauf beschränkt, die zerstörten Scheiben durch Plexiglas zu ersetzen. „Die haben das einfach laufen lassen“, klagt Otto. „Dabei ist der hier schon in einer Tour Amok gelaufen. In Socken ist der draußen rumgerannt und hat vor aller Augen auf die Straße gepinkelt.“

All dies hat auch Ulrich Klein miterlebt, der ebenfalls als Obdachloser in dem grauen Flachbau am Rande des Truppenübungsplatzes lebt: „Das kann doch nicht angehen, dass so ein Mensch frei rumläuft.“

Der Leiter des Faßberger Ordnungsamts, Andreas Schulze, bestätigt, dass der gelernte Bäcker auch andere Nachbarn belästigt hat. „Der stand schon ziemlich weit neben sich.“ Die Gemeinde habe schließlich die Polizei eingeschaltet und sich bemüht, mithilfe eines Betreuers, den das Amtsgericht Celle für den Obdachlosen eingesetzt hatte, auf den Mann einzuwirken. Vergebens. „Wir konnten wegen öffentlichen Urinierens nur ein Verwarngeld gegen ihn verhängen.“

Carsten S. war im März 2010 nach diversen Alkoholexzessen von seinen Eltern im Faßberger Ortsteil Müden auf die Straße gesetzt worden – unter anderem hatte er auf dem Wohnzimmertisch ein Feuer entzündet. Da der Mann daraufhin obdachlos war und eine Entziehungskur ablehnte, brachte ihn die Gemeinde in ihrer Schlichtunterkunft unter, in der sein späteres Opfer seit vielen Jahren lebte – ebenfalls schwer alkoholabhängig.

Gewalt und Alkohol belasten auch das Leben in anderen Obdachlosenunterkünften. Manche Nichtsesshafte ziehen es daher vor, auf der Straße zu übernachten. Trotz bitterer Kälte. Nach dem Feuertod des Mitbewohners will auch Ulrich Klein nicht mehr länger in dem Flachbau von Schmarbeck leben. „Ich zieh’ aus, ich halte das nicht mehr aus.“