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Panorama Ottfried Fischer siegt vor Gericht
Nachrichten Panorama Ottfried Fischer siegt vor Gericht
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21:03 25.10.2010
Der Schauspieler Ottfried Fischer sitzt am Montag im Münchener Gerichtssaal.
Der Schauspieler Ottfried Fischer sitzt am Montag im Münchener Gerichtssaal. Quelle: dpa
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Immer wieder lässt Ottfried Fischer seinen Blick über die drei Männer und zwei Frauen schweifen, die ihm gegenüber auf der Anklagebank sitzen. Jeweils ganz außen sitzen die zwei Männer, auf die Fischer die größte Wut hegt: Ganz rechts die Milieugröße Mike P., der befohlen hat, heimlich ein Sexvideo mit Fischer und zwei Prostituierten zu drehen. Ganz links der Journalist Wolf-Ulrich Sch., der Fischer mit Hinweis auf das Video zu einem Exklusivinterview für die „Bild“-Zeitung genötigt haben soll. Obwohl es um peinliche Details seines Intimlebens geht, hat Fischer den Prozess mit ihnen gewollt – und siegt am Ende, alle fünf werden verurteilt.

Die Affäre, um die es geht, war für Fischers Karriere bedrohlich. Kurz nachdem vor gut einem Jahr bekannt wurde, dass der Künstler offenbar Kontakte zu verschiedenen Prostituierten pflegte, schmiss nach 23 Jahren sein damaliger Agent hin. Als neue Agentin gewann Fischer bald darauf Brigitte Maydt. Und die begann ihre Arbeit gleich ähnlich ungeschminkt. „Wenn du nein sagst, dann ist deine Karriere zu Ende“, habe ihm Maydt zu einem Interview-Wunsch der „Bild“-Zeitung eröffnet: Seine Rolle als „Pfarrer Braun“, seine Auftritte als Kabarettist, lukrative Werbeauftritte, all das sah habe er davonschwimmen sehen, sagte Fischer.

Im vergangenen Herbst breitete der Schauspieler dann in der „Bild“-Zeitung mit selbstkritischen Worten seine Version einer Affäre aus, die die Anklage deutlich sachlicher formulierte: Eine ehemalige Bekannte Fischers, die inzwischen in die Türkei geflohen ist und sich dort vor der Polizei versteckt hält, versuchte ihn demnach im Juni und Juli vergangenen Jahres mit falschen Kreditkartenabrechnungen um 74.366 Euro zu betrügen.

Als Fischer sich das Geld zurückholen wollte, weil für die Zärtlichkeiten der Anklage zufolge gar kein Dirnenlohn vereinbart war, ordnete P., wie er im Prozess einräumte, als Beweis für die Kreditkartenfirma einen weiteren Besuch von zwei Prostituierten bei Fischer an, die dann heimlich das Sexvideo drehten. P. verkaufte es zudem später für 3500 Euro an „Bild“. Dies sei aber nur eine Anzahlung gewesen – versprochen worden seien ihm bis zu 100.000 Euro. Sch. bestätigte im Prozess zwar, dem Hauptangeklagten 3500 Euro gezahlt zu haben. Für weitere Zahlungen habe es aber nie Zusagen gegeben.

Nachdem am Montag die zwei Männer und zwei Frauen aus dem Rotlicht-Milieu gestanden hatten, den Film angefertigt zu haben, erhielten sie lediglich niedrige Geldstrafen zwischen 600 und 12.000 Euro. Bei dem Journalisten gestaltete sich der Fall schwieriger. Dessen Verteidiger forderten Freispruch, der Staatsanwalt acht Monate auf Bewährung wegen Nötigung. Der Journalist erhielt mit 180 Tagessätzen zu 80 Euro die höchste Geldstrafe. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, würde er damit als vorbestraft gelten. Zwar hatte Fischers Agentin selbst ausgesagt, sie habe sich nie durch den Journalisten unter Druck gesetzt gefühlt. „Ich bin definitiv nicht unter Druck gesetzt worden. Sowohl ich als auch Herr Fischer hätten zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit gehabt, nein zu sagen“, sagte Brigitte Maydt in ihrer Zeugenbefragung. Der Richter vermutete dahinter aber auch das Interesse der Agentin, weiter mit der „Bild“ gut zusammenarbeiten zu wollen.

Der Richter hielt dem Journalisten dagegen vor, eine Grenze überschritten zu haben. Er habe Fischer zwar nicht ausdrücklich bedroht. Aber in dem Moment, in dem er bei dessen PR-Agentin auf das Video hingewiesen habe, habe er stillschweigend mit der Veröffentlichung gedroht. Denn die PR-Agentin sei seit Langem im Geschäft, sie habe genau gewusst, wie der Hase läuft und deshalb das Interview arrangiert.

Der Springer-Verlag hatte die Klage im Vorfeld als Angriff auf die Pressefreiheit zurückgewiesen. Die Verteidiger des Journalisten ließen zunächst offen, ob sie gegen das Urteil angehen – falls nicht, hätte Fischer die von ihm erhoffte abschreckende Wirkung vollends erreicht.

Ralf Isermann

Nicola Zellmer 30.09.2010
25.10.2010