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Panorama Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca verspricht Neuigkeiten
Nachrichten Panorama Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca verspricht Neuigkeiten
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20:24 17.01.2010
Mehmet Ali Agca Quelle: afp
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Am Montag nun soll Agca aus dem Gefägnis entlassen werden. Doch die Hintergründe seines Attentats sind nie aufgekärt worden.

Agca war damals 23 Jahre alt, gehörte der Terrorgruppe „Graue Wölfe“ an und hatte bereits den linksgerichteten Chefredakteur einer türkischen Zeitung ermordet. 1979 war Agca dafür verurteilt worden; Freunde aber öffneten ihm nach wenigen Wochen die Gefängnistore zur Flucht. Danach wird die Geschichte unübersichtlich. Agca selbst prahlte noch vor fünf Jahren damit, er habe „fünfzig falsche Versionen“ über die Hintergründe der Papstattentats verbreitet; von Montag an will er „weitere Neuigkeiten“ enthüllen und seine Geschichte verkaufen; es winkten ihm, lässt er versichern, „Millionenverträge“.

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Hatt Agca in eigener Regie gehandelt? War er ein militanter Islamist? Als er 1979 wegen des Journalistenmords vor Gericht stand, wetterte er gegen den Vatikan, diesen „Müll der Geschichte und Hort des Teufels“. Er, Agca, werde „vollbringen, was Luther und Calvin nicht geschafft haben: einen Kulturkrieg gegen den Vatikan, die Abschaffung des Papsttums.“ Später sagte er, er habe Johannes Paul II. als den „führenden aller Kreuzritter beseitigen“ wollen.

Agca war damals nicht allein. Die Waffe für seinen Anschlag überreichte ihm ein Landsmann in der Schweiz; von den drei Schüssen auf dem Petersplatz sollen nur zwei aus dieser Pistole stammen; auf den Fotos wollen Ermittler zwei weitere Personen identifiziert haben: zum einen den Türken Oral C., ebenfalls ein „Grauer Wolf“, der aber später aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde, zum anderen, mit künstlichem Schnurrbart und dunkler Brille getarnt, einen Bulgaren.

Dieser Sergej Antonov leitete damals formell das Büro der „Balkan Air“ in Rom; er galt aber als Mann des kommunistischen Geheimdienstes seiner Heimat. Seine – von ihm immer bestrittene – Anwesenheit auf dem Petersplatz, gleich hinter Agca, gilt den italienischen Ermittlern als wichtigstes Indiz dafür, dass sie mit ihrer „bulgarischen, in Wahrheit aber sowjetischen Spur“ auf der richtigen Fährte sind.

Es gibt allerdings einen wichtigen Zeugen dagegen. Der frühere Stasi-Chef Markus Wolf sagte 1999 dem italienischen Magazin „L’espresso“: „Zum Papstattentat nur so viel: die sogenannte bulgarische Spur ist eine Ente.“ Wie auch immer – die Theorie geht so: Die sowjetischen Machthaber um Staats- und Parteichef Leonid Breschnew ahnten schnell, dass er im Oktober 1978 zum Papst gewählte, junge, energische, kluge Pole Karol Wojtyla die wohl größte politische Gefahr für sie darstellte. 1979 hatte Johannes Paul II. bei seiner ersten Papstreise in die Heimat die Massen mobilisiert; 1980 war in Danzig die Gewerkschaft Solidarnosc entstanden; sie sah ihren Rückhalt vor allem in jenem starken Landsmann im Vatikan. Diesen wegzukriegen – sei es, um den Aufstand die moralische Stütze zu nehmen, sei es, um Polen des internationalen Schutzes zu berauben, um die Panzer auffahren zu lassen – könnte durchaus im Interesse des Kreml gelegen haben.

Breschnew soll seinen Militärgeheimdienst eingeschaltet, dieser wiederum der bulgarischen „Bruderorganisation“ den Auftrag weitergereicht haben. Dann galt es nur noch, zur Spurenverwischung, einen professionellen Killer aus einem unverdächtigen Land zu gewinnen.

Agca war tatsächlich in Bulgarien – in den zwei Jahren, die er zwischen seiner Flucht aus dem türkischen Gefängnis und dem Papstattentat auf anscheinend recht wirrer Reise durch Europa und Nordafrika verbrachte. Und der italienische Richter Ilario Martella, der seinerzeit die Hintergründe aufzuklären versuchte, erzählte folgendes immer als Schlüsselerlebnis: Agca, habe auszupacken begonnen; doch dann schaffte es ein zum „Verhör“ angereister, angeblicher bulgarischer Richter, mit ihm einmal allein in der Zelle zu sein. „Danach hat Agca nichts Verlässliches mehr erzählt, nur noch gesagt, er sei der wiedergeborene Jesus oder ein Werk der göttlichen Vorsehung.“

Auch Johannes Paul II. sah die Vorsehung im Spiel – für sein Überleben allerdings. „Eine Hand hat geschossen“, sagte er, „eine andere Hand hat die Kugel gelenkt“. Er sagte aber auch noch zwei andere Sachen: dass er eine bulgarische Verwicklung dem „guten bulgarischen Volk“ nicht zutraue; dass Agca aber nicht in eigenem Namen, sondern „als Auftragskiller“ unterwegs gewesen sei. Im Dezember 1983 saß Johannes Paul II. im römischen Gefängnis Rebibbia mit seinem Attentäter für zwanzig Minuten zusammen, ganz allein. Was dabei gesprochen wurde, das würde man nur allzu gerne wissen.

von Paul Kreiner