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Panorama „Perry Rhodan“-Reihe wird 50 Jahre alt
Nachrichten Panorama „Perry Rhodan“-Reihe wird 50 Jahre alt
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19:43 06.09.2011
Sternenreiche kommen und gehen, Perry Rhodan bleibt – immerhin hat er eine Lebenserwartung von 20.000 Jahren. Quelle: dpa
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Nicht schlecht getroffen die Voraussage. Am 20.Juli 1969 landeten die Amerikaner Neil Armstrong und Edwin Eugene Aldrin als erste Menschen auf dem Mond. In einer Anderswelt sollte die Mondlandung zwar erst 1971 stattfinden, aber wenn man von 1961 aus in die Zukunft blickt, spielen die beiden Jahre wirklich keine große Rolle. Öffentlich wurde die Voraussage der Mondlandung am 8. September vor 50 Jahren, als das erste Heft der Science-Fiction-Reihe „Perry Rhodan“ erschien. Was ihr eigenes Produkt anging, waren die Macher freilich weniger prophetisch: 30 bis 50 Hefte, so hatte man es sich gedacht, sollten erscheinen, bis heute sind es (bei Pabel-Moewig) mehr als 2600 Hefte geworden – mit einer Gesamtauflage von mehr als einer Milliarde Exemplaren. „Perry Rhodan“ ist damit die erfolgreichste Heftromanreihe der Welt – und auch die meistgelesene Hervorbringung der deutschen Nachkriegsliteratur.

Die Folgegeschichte der Mondlandung des US-Majors Perry Rhodan entwickelte sich freilich anders als in unserem Universum. Auf dem Mond stößt Perry Rhodan auf ein Raumschiff der außerirdischen Arkoniden, später wird er mit dem Arkoniden Atlan Freundschaft schließen (diesem war von 1969 bis 2006 auch eine Heftserie gewidmet). Mithilfe der arkonidischen Technik eint Perry Rhodan die Menschheit und lässt sie in das Weltall aufbrechen, wo fremde Rassen unzählige Planeten bevölkern.

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Dies ist der Beginn einer Menschheitsgeschichte der Zukunft, die mittlerweile im 6. Jahrtausend angelangt ist. Gekennzeichnet ist sie von einem Kampf der Mächte der Ordnung gegen die Mächte des Chaos (was nicht mit Gut und Böse zu verwechseln ist), in dem stellare Reiche erstehen und wieder vergehen. Mittendrin findet sich Perry Rhodan, dem von der Superintelligenz ES eine Lebensdauer von 20 000 Jahren verliehen worden ist. Er altert also nur sehr, sehr langsam.

Die „Väter“ von Perry Rhodan dagegen sind längst gestorben: Clark Darlton (alias Walter Ernsting), Karl-Herbert Scheer, Kurt Mahr (alias Klaus Mahn) oder Willi Voltz. Perry Rhodan lebt natürlich immer noch, aber er hat sich im Laufe der 50 Jahre doch verändert. Als Scheer noch das Sagen hatte, war Perry Rhodan ein Landser, den es in das Weltall verschlagen hatte, wo er gewaltige Schlachten schlug. Das kam nicht von ungefähr: Scheers Spitzname in der Szene war „Handgranaten-Herbert“.

Hier spiegelte sich auch der Kalte Krieg wider. Als Scheer in den siebziger Jahren die Federführung an Voltz abgegeben hatte, begann sich Perry Rhodan für die Geheimnisse des Kosmos, das Leben im All und die geistige Entwicklung der Menschheit zu interessieren – mit deutlicher Kritik an den Zuständen der Gegenwart. Gleichzeitig breitete sich in den Heftfolgen eine gewisse mystische Philosophie aus. Ein Literaturkritiker wie Denis Scheck lobte „Perry Rhodan“ sogar als einen „hochkomplexen Romankosmos“ und wartet mit einem gewagten Vergleich auf: „Es ist so trivial wie ,Die Odyssee‘.“

Gelesen werden die Hefte, erklärt der Verlag, zu gut 80 Prozent von Männern, „die meist technisch orientierte Berufe ausüben, einen gehobenen Schulabschluss haben und durchschnittlich zwischen 42 und 45 Jahre alt sind“.
Perry Rhodan ist aber auch der Herr eines verzweigten Medienuniversums, das Neueinsteiger in die Verzweiflung treiben muss. Es gibt oder gab neben den Heften noch Bücher, Comics, E-Books, Hörbücher, Hör- und Computerspiele. Übersetzt werden die Romane in verschiedene europäische Sprachen und ins Japanische.

Geschaffen und gelenkt werden kann dieses Universum natürlich nicht nur von einem Einzigen. Es gibt ein Autorenkollektiv, das den Verlauf der weiteren Handlung vorschlägt, ein Exposé-Autor fasst die Vorschläge zusammen und erteilt die Schreibaufträge.

Dabei wird an den diversen Fortsetzungen parallel gearbeitet. Am Schluss achtet ein Koordinator darauf, dass es nicht zu Widersprüchen kommt. Und werden diese einmal nicht bemerkt, bemerken sie die Leser. Dann kann die große Fangemeinde Perry Rhodans aber sehr sauer reagieren.

Ekkehard Böhm