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Panorama Pfarrer hat drei Jungen 280-mal missbraucht
Nachrichten Panorama Pfarrer hat drei Jungen 280-mal missbraucht
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13:51 13.01.2012
Von Wiebke Ramm
„Es ist die Nähe gewesen, es war nicht die Absicht, sich den Kindern sexuell zu nähern“ – der Angeklagte Andreas L. beim Prozessauftakt im Landgericht in Braunschweig. Quelle: dpa
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Braunschweig

Dass er Schuld auf sich geladen hat, ist an seiner Körperhaltung nicht abzulesen. Ob er seine Schuld begreift, lässt sich nach dem ersten Verhandlungstag in diesem Prozess schwer sagen.

Der katholische Pfarrer ist angeklagt, drei Jungen über Jahre sexuell missbraucht zu haben. 280 Fälle hat die Staatsanwältin in der Anklageschrift vermerkt. In 223 Fällen soll es sich dabei um schweren Missbrauch gehandelt haben. Das heißt, er hat die Kinder nicht nur gestreichelt. Seit Donnerstag muss er sich vor dem Landgericht Braunschweig verantworten. Der 46-Jährige hat alle Taten gestanden.

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Die Kinder kannte er aus seinem Kommunionsvorbereitungskursen in Salzgitter und Braunschweig. Im Jahr 2002 hat er sich während seiner Zeit als Kaplan in Braunschweig mit einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Sohn angefreundet. Im Dezember ist er als Pfarrer nach Salzgitter gewechselt. Vom Frühjahr 2004 an hat der damals Neunjährige an den Wochenenden schließlich häufig bei L. übernachtet. Die Mutter habe dem Geistlichen absolut vertraut, bestätigt L. Dass der Pfarrer mit dem Kind in einem Bett schlief, wusste sie nicht. Dass der Geistliche ihr Kind missbrauchte, erfuhr sie erst im Juni 2011. Sogar Reisen hat der Mann mit ihrem Jungen unternommen. Einmal waren sie in Disneyland in Paris, ein anderes Mal zum Skifahren in Österreich. Bei diesen Gelegenheiten und an den Wochenenden im Pfarrhaus verging sich der Pfarrer insgesamt Hunderte Male an dem Kind. Bis zum Jahr 2006 ging das so.

„Können Sie mal etwas zu Ihrer Veranlagung sagen?“, bittet der Vorsitzende Richter Manfred Teiwes den Pfarrer am Donnerstag. Andreas L. überlegt einen Moment, sagt schließlich: „Das war gar nicht meine Absicht.“ Es seien „schöne, unbeschwerte, lustige, entspannende, fröhliche Stunden“ gewesen, „die wir miteinander verbracht haben“. Er stockt, überlegt, wendet sich an seinen Verteidiger, fragt ihn, was noch die Frage des Richters gewesen sei. „Veranlagung“, sagt der Anwalt. „Es ist die Nähe gewesen, es war nicht die Absicht, sich den Kindern sexuell zu nähern“, sagt L. Wie es denn trotzdem dazu kommen konnte, hakt der Vorsitzende Richter nach. „Mir sind die Sicherungen rausgeflogen“, sagt der Pfarrer. Es ist eine der seltenen Formulierungen, in der L. am Donnerstag vor Gericht überhaupt von sich selbst spricht. Ansonsten sagt er Sätze wie: „Es ist nichts gemacht worden, was der Junge nicht wollte.“ Oder: Das Kind „hat den Kontakt zu mir gesucht“.

Staatsanwältin Ute Lindemann droht die Fassung zu verlieren: „Wie kommen Sie darauf, dass ein neunjähriger Junge will, dass man ihm am Penis rumfummelt?“ Andreas L. erwidert mit dieser Ruhe, die beinahe überheblich wirkt: „Das Ganze ist aus Nähe entstanden.“ Lindemann versucht es noch einmal. „Wie können Sie glauben, dass ein Kind sexuell befriedigt werden möchte. Warum spielt es nicht einfach Fußball.“ Wieder bleibt L. ganz ruhig: „Ich weiß nicht, warum es nicht Fußball spielt.“

Ob er sagen würde, dass er pädophil sei, fragt die Staatsanwältin. Es sei nicht seine Präferenz, erwidert L. Der Richter hatte zuvor festgestellt, dass L. in seiner Vernehmung angegeben hatte, sich zu Männern hingezogen zu fühlen. Der psychiatrische Gutachter wird später jedoch feststellen, dass der katholische Priester zwar immer mal Sex mit Männern hatte, sexuelle Kontakte über einen längeren Zeitraum mit derselben Person jedoch nur zu Kindern pflegte.

Die Übergriffe auf den Jungen endeten, als die Mutter 2006 beim Bistum Hildesheim ein Kontaktverbot erwirkte, weil ihr das distanzlose Verhalten des Pfarrers auffiel, und die teuren Geschenke: ein Fahrrad, ein Handy, ein Computer. 2010 erfuhr die Frau, dass der Geistliche mit ihrem Kind auch in einem Bett übernachtet hatte. Wieder wandte sie sich ans Bistum, das den Vorgang der Staatsanwaltschaft Hildesheim meldete. Für ein Ermittlungsverfahren reichte das damals nicht. 2011 fand der Junge schließlich den Mut, seiner Mutter von dem sexuellen Missbrauch zu erzählen. Sie zeigte daraufhin Pfarrer L. bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig an. Fünf Wochen später ist L. in seinem Pfarrhaus in Salzgitter festgenommen worden.

Andreas L. gestand, dass er nicht nur ihr Kind missbraucht hat, sondern sich 2006, während des Kontaktverbots zu ihrem Jungen, einer anderen Familie mit zwei Söhnen zuwandte. Auch diese damals neun und zwölf Jahre alten Jungen nahm er mit auf Urlaubsreisen ins In- und Ausland. Dort und in seiner Wohnung soll er sie ab 2007 sexuell missbraucht haben.

Eine Frage hat die Staatsanwältin noch: „Wie verträgt sich das alles eigentlich mit ihrem Selbstverständnis als Pfarrer und mit dem Zölibat?“ „Gar nicht“, sagt L.

Das Bistum hat ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. Die Glaubenskongregation in Rom wird nach dem strafrechtlichen Prozess entscheiden, wie sie den Pfarrer bestrafen wird.

Der Prozess in Braunschweig wird am 17. Januar fortgesetzt. Das Urteil wird für den dritten Verhandlungstag, am 19. Januar, erwartet. Ihn erwarten maximal sechseinhalb Jahre Gefängnis. Das ist der Deal, den das Gericht am Donnerstag mit der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft geschlossen hat, wenn Andreas L. umfassend und glaubhaft aussagt.