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Panorama Davide Martello, der Friedensengel mit Flügel
Nachrichten Panorama Davide Martello, der Friedensengel mit Flügel
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00:18 19.11.2015
Nach den Terroranschlägen am Freitag fuhr der Pianist Davide Martello mit seinem Klavier sofort nach Paris und vor dem Musikclub "Bataclan" das Lied "Imagine". Quelle: Uwe Anspach/dpa
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Paris

Ein paar Tastengriffe, einige wenige leise Töne – Davide Martello gelingt es, die Welt in nur wenigen Sekunden ein kleines bisschen friedlicher wirken zu lassen. Der 34-Jährige ist kein großer Konzertpianist. Er bezeichnet sich selbst als Straßenmusiker aus Leidenschaft – und in gewisser Weise ist er auch Friedensbotschafter, wenn er mit seinem Flügel durch die Welt reist und an jenen unwirtlichen Orten, die zu Schauplätzen des Schreckens wurden, mit seine Hymnen Gänsehautmomente erzeugt.

Davide Mortello brach spontan auf

Am Sonnabend spielte er in Paris in unmittelbarer Nähe zur Konzerthalle Bataclan, in der Terroristen mindestens 90 junge Menschen in den Tod gerissen hatten. Ein Erlebnis, das den Friedensengel mit dem Flügel an die emotionalen Grenzen brachte – und darüber hinaus. "Paris verharrte in einem unglaublichen Schockzustand. So etwas habe ich nie zuvor erlebt."

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Es war eine spontane Entscheidung aus dem Bauch heraus an jenem Freitag, als Davide Mortello im Irish-Pub von Konstanz das Spiel der Deutschen gegen Frankreich verfolgte und dort den Terror auf der Großleinwand erlebte, der die Welt so sprachlos zurücklässt.

Der Künstler aus dem baden-württembergischen Lörrach kennt die Krisenherde dieser Welt. Er brach seine Friseurlehre ab, entschied sich für ein Wirken als Straßenmusiker, spielte mit seinem Instrument seither in Istanbul auf dem Taksim-Platz, er war in der Ukraine, beruhigte sogar Hooligans bei Demonstrationen in Köln und Hannover. Aber Paris? Paris – das ist eine ganz neue Herausforderung für den jungen Lockenschopf.

"Lasst uns zusammenhalten"

"Ich war nach den Angriffen auf Charlie Hebdo dort – aber erst eine Woche später. Ich habe extra ein wenig gewartet, um nicht so ein Aufsehen zu erregen", sagt Martello. Dieses Mal aber wollte er nach dem schrecklichen Massaker nicht so viel Zeit verstreichen lassen, lud seinen Flügel auf den Anhänger und fuhr los in Richtung Frankreich. "Ich folgte meinem Herzen", erzählt er. "Lasst uns zusammenhalten für eine freie und friedvolle Welt." Ein wichtiger Appell in Zeiten, in denen die gesamte Weltordnung ins Wanken gerät.

Direkt vor die Konzerthalle ließen ihn die Polizisten allerdings nicht vor – er sollte nicht die Spurensicherung behindern. Noch immer fuhren Leichenwagen vor, transportierten die Opfer ab, die in der Nacht zuvor von den IS-Terroristen ermordet worden waren. In der "Stadt der Liebe" herrschte Ausnahmezustand.

Von Wut und Trauer übermannt

Kurzerhand baute der 34-Jährige seinen schwarzen Flügel wenige Meter entfernt in dem 11. Arrondissement auf. Auf den Deckel malte er das Peace-Zeichen. Eine Friedensbotschaft ohne Worte in einem Pariser Vergnügungsviertel – bekannt und beliebt für sein Leben, seine Jugend, seine Weltoffenheit.

Jetzt ist das Viertel von Wut und Trauer übermannt. "Alles, was ich bisher gesehen habe, das war dagegen harmlos", erzählt der junge Mann noch immer völlig aufgewühlt. "Es gab Tote. Dort zu spielen, das ist einfach komplett anders."

Drei Minuten Ablenkung vom Terror

Die Bilder brannten sich ins Gedächtnis des Straßenmusikers aus dem behüteten Schwabenland. Die Bilder von den Einschusslöchern in den Fassaden. Die Bilder vom Blut auf den Straßen. "Es herrschte ein riesiges Chaos. Ich habe versucht, mich nur auf mein Spiel zu konzentrieren, die Emotionen waren so aufgeladen."

Für seinen Auftritt wählte Martello "Imagine" von John Lennon. Eine Friedenshymne, die er in der Türkei, in Afghanistan und überall sonst auf dem Globus blind beherrscht, seine ganz persönliche, musikalische Botschaft an die Welt. Um ihn herum wurde es still. Ehrfürchtig lauschten die Pariser den sanften Klängen, einige fanden Trost, einige Mut, andere waren einfach nur dankbar für die drei Minuten Ablenkung von Tod, Terror und Zukunftsangst.

Von Carsten Bergmann

Auf Youtube veröffentlichten mehrere Nutzer ein Video davon, wie Davide Martello vor dem Bataclan in Paris spielt:

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