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Panorama Politik will Partydroge eindämmen
Nachrichten Panorama Politik will Partydroge eindämmen
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10:59 15.08.2012
Foto: Im Kampf gegen die Partydroge „Crystal“ sieht die Politik Handlungsbedarf.
Im Kampf gegen die Partydroge „Crystal“ sieht die Politik Handlungsbedarf. Quelle: dpa
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Berlin

An Cannabis hatte sich der junge Mann aus Sachsen gewöhnt. Kiffen gehörte zum Alltag. Da geriet er an „Crystal“ – mit zehn Euro war er dabei. Die Wirkung schien phänomenal. Müdigkeit und Hunger waren wie weggeblasen. Er stand unter Strom, fühlte sich voller Energie. Doch schnell merkte er, dass er nicht davon loskam, aggressiv war, sich für immer weniger sonst interessierte. Sein Leidensweg begann.
Schlimme Suchtkarrieren mit „Crystal“ sind laut Experten keine Seltenheit, auch wenn der Fall nach Beschreibungen von Therapeuten konstruiert ist. Neu ist sie längst nicht mehr, doch die Droge ist derzeit offensichtlich wieder auf dem Vormarsch. Jetzt wollen Opposition und Regierung den Kampf gegen eines der bedrohlichsten Rauschgifte auf dem Markt verschärfen.

Betroffen sind vor allem Bayern, Sachsen, Mitteldeutschland. „Was die Kollegen aus diesen Regionen berichten, ist besorgniserregend“, sagt der Leiter des Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters in Hamburg, Rainer Thomasius. Das kristalline Methamphetamin kommt überwiegend aus tschechischen Drogenküchen.

Schneller als bei den meisten anderen Drogen werden Konsumenten süchtig. Auszehrung, sich zersetzende Schleimhäute, Zahnschäden, nachlassende Gedächtnisleistung, Psychosen bis hin zu paranoider Schizophrenie können die Folgen der Partydroge sein.

Es sind zwar nur vergleichsweise kleine Zahlen bekannter Fälle. Was Suchtexperten wie der bayerischen SPD-Abgeordneten Angelika Graf aber Sorgen macht, ist der Anstieg. Laut Drogenbericht 2012 wuchs die Zahl der gemeldeten Sicherstellungen der Droge zuletzt auf rund 2100 – ein Plus von 164 Prozent.

„Man muss davon ausgehen, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt“, sagt Graf. „Die Schilderungen in den betroffenen Bezirken werden immer dramatischer.“ Direkt nach der Sommerpause will die SPD die Bundesregierung per Antrag im Bundestag zu einem Bündel von sieben Schritten drängen - von mehr Prävention bis zu einem europaweiten Vorgehen gegen die Produktion. „Die Drogenszene verlagert sich zunehmend von Holland nach Tschechien“, warnt Grafs Fraktionskollegin Marianne Schieder.

Zuständig für die Grenzen ist der Zoll, zuständig für den Zoll ist das Bundesfinanzministerium – und so traf sich in dieser Woche der deutsche Finanzstaatssekretär Hartmut Koschyk mit dem Prager Finanzminister Miroslav Kalousek. Bewaffnete Zöllner beider Länder sollen im Grenzbereich auf Drogenstreife gehen. In der SPD ist man skeptisch, ob das zu durchgreifenden Erfolgen führt. Bisher tue die Bundesregierung jedenfalls zu wenig. Laut bayerischem Landeskriminalamt gab es zuletzt einen Zuwachs bei den Erstkonsumenten von Crystal von 232 Prozent. In Tschechien könne man sich in „Vietnamesen-Märkten“ problemlos eindecken.

„Synthetische Drogen wie Methamphetamine ersetzen weltweit vor allem bei jungen Menschen zunehmend klassische Drogen wie Heroin und Kokain“, warnt Graf. Was wäre, wenn nichts passiert? „Wenn sich die ansteigenden Zahlen so fortsetzen, hat dies dramatische Konsequenzen für das Leben der zumeist jungen Menschen.“

Suchtexperte Thomasius begrüßt, wenn die Politik an die Handelswege heran will. Doch kann das alles sein? „Mischkonsum wird immer mehr zur Regel“, sagt er. „Vor allem bei Konsumenten mit der Hauptdiagnose Cannabis- oder Kokainabhängigkeit wird der Metamphetamingebrauch zum zusätzlichen Problem.“ Bei den Betroffenen kommt meist einiges zusammen - wenig Bildungschancen etwa, ein drogenkonsumierender Freundeskreis, Verhaltensauffälligkeiten. Das Suchtrisiko ist in aller Regel bereits in der Kindheit angelegt.

dpa

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