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Panorama Erneute Unruhen in Ferguson
Nachrichten Panorama Erneute Unruhen in Ferguson
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19:27 25.11.2014
Von Stefan Koch
Diese Nacht ist eine Folge jener Unruhen. Damals, am 9. August, hatte ein weißer Polizist ­einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen, und Ferguson erlebte nie dagewesene tage der Gewalt und Zerstörung.
Diese Nacht ist eine Folge jener Unruhen. Damals, am 9. August, hatte ein weißer Polizist ­einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen, und Ferguson erlebte nie dagewesene tage der Gewalt und Zerstörung. Quelle: rtr
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Ferguson

Schüsse hallen durch die Nacht. Rauchschwaden ziehen über die Häuser der Florissant Road. Der beißende Gestank ist unerträglich, Mülltonnen sind in Flammen aufgegangen. In den Fensterscheiben spiegelt sich das flackernde blaue und rote Licht der Polizeifahrzeuge, die in der Ferne stehen. Der kleine Vorort Ferguson bei St. Louis erlebt die schlimmste Nacht seit den Unruhen vom August.

Diese Nacht ist eine Folge jener Unruhen. Damals, am 9. August, hatte ein weißer Polizist ­einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen, und Ferguson erlebte nie dagewesene tage der Gewalt und Zerstörung. Am Montag nun hat eine Geschworenenjury entschieden: Der Polizist hat sich nicht schuldig gemacht. Es wird keine Anklage geben. Und Ferguson brennt wieder.

Es sind meist kleine Grüppchen von drei, vier Jugendlichen, die nach vorn preschen. Es fliegen Steine, brennende Molotowcocktails, Fensterscheiben bersten. Mehrere Dutzend Beamte haben sich rund um das zentrale Polizeigebäude in der Florissant Road postiert, halten sich betont zurück. „Stellung halten, nicht eingreifen“, heißt die Vorgabe.

Und doch: Stunden nach der Bekanntgabe der Entscheidung der Grand Jury schlägt der friedliche Protest in Gewalt um. Anders als im August setzt die Polizei alles daran, die Situation nicht noch weiter aufzuheizen. Selbst als schräg gegenüber der Polizeistation ein kleiner Friseurladen zuerst geplündert und dann in Brand gesetzt wird, verharren die Uniformierten auf ihren Posten. Robust treten nur die Feuerwehrleute auf, die sich scheinbar unbeeindruckt den Weg zu den Brandstellen bahnen. „Die rollen ihre Schläuche aus, als ginge sie der ganze Zorn nichts an“, sagt Charles Rogers, der das Geschehen von seinem Wohnzimmer aus beobachtete. Erstaunlicherweise hätten die gewaltbereiten Protestler einen weiten Bogen um die großen Löschfahrzeuge geschlagen. Rogers zählt zu den wenigen Anwohnern, die in dieser Nacht nicht zu Verwandten in St. Louis oder in Hotels ausgewichen sind, um der Gewalt zu entgehen.

Die zupackenden Feuerwehrmänner können die traurige Bilanz der gewalttätigen Nacht allerdings kaum aufbessern: Zwei Dutzend Häuser sind den Flammen zum Opfer gefallen, zwei Streifenwagen wurden zu Schrott geschlagen und 80 Demonstranten festgenommen. Nach Angaben der Polizei sind etwa 150 Schüsse aufseiten der Demonstranten gezählt worden - während die Polizisten nicht einen Schuss abgegeben haben.

Trotz aller Zerstörung hat sich am Ende die betonte Zurückhaltung der Polizei offensichtlich ausgezahlt. Sie hat dazu beigetragen, dass die Gewaltorgie abebbte und die umkämpfte Straße wie in einen Tiefschlaf fiel. Am Dienstag lag eine gespenstische Ruhe über dem Chaos. Von einer gelungenen Aktion der Behörden kann aber kaum die Rede sein. Es war wohl mehr Glück. „So einen extremen Gewaltausbruch haben wir nicht vorausgesehen“, gesteht Polizeichef Jon Belmar am Tag danach ein.

Umso lautstärker fallen am Tag nach der umstrittenen Entscheidung die Debatten aus. Browns Mutter Lesley McSpadden steht weinend vor mehreren Fernsehkameras und fordert Gerechtigkeit für ihren Sohn. Trotz ihres schweren Schicksals aber ruft sie zu Besonnenheit auf: „Wir müssen unsere Frustration in eine vernünftige Bahn lenken und das System reparieren.“

Es ist für viele Amerikaner nicht nachzuvollziehen, warum Darren Wilson auf freiem Fuß bleibt. Wilson ist der Polizist, der den unbewaffneten, des Diebstahls verdächtigen Michael Brown erschossen hat. Er beruft sich auf Notwehr und behauptet, von dem 1,90 Meter großen und 136 Kilo schweren 18-Jährigen angegriffen worden zu sein. Tatsächlich soll es laut Untersuchungsbericht eine Rangelei zwischen den beiden Männern gegeben haben, bevor die tödlichen Schüsse fielen. Brown soll auf den Polizisten eingeschlagen haben, als der noch in seinem Streifenwagen saß.

In der US-Kleinstadt Ferguson ist es bei Protestkundgebungen gegen die Jury-Entscheidung nach den tödlichen Schüssen auf einen schwarzen Jugendlichen zu schweren Gewaltausbrüchen gekommen.

Dem 28-jährigen Beamten wiederum unterlaufen gleich mehrere Pannen: Seine Überwachungskamera funktioniert nicht, da die Batterien nicht aufgeladen sind. Auch der Elektroschocker soll nicht einsatzfähig gewesen sein. Wilson zückt schließlich seine Pistole - doch auch die Waffe klemmt mehrmals, bevor sich der erste Schuss löst.

Über die unzähligen Details dieses wirren Zwischenfalls berieten die zwölf Geschworenen der Grand Jury über mehrere Wochen. Mehr als 60 Zeugen wurden vernommen und mehrere Tausend Seiten an Dokumenten zusammengetragen. Nach einer ungewöhnlich langen Beratungszeit kamen die Geschworenen schließlich mehrheitlich zu dem Ergebnis, dass sich der Beamte bei dem tödlichen Vorfall an die gesetzlichen Vorgaben gehalten hat. Ganz gleich, ob Browns Familie eine Zivilklage erhebt, soll es kein Strafverfahren gegen den Todesschützen geben.

Ein Beschluss, den viele Amerikaner für eine geradezu unglaubliche Ungerechtigkeit halten. Mehrere Hundert Demonstranten versammeln sich am Dienstag vor dem Weißen Haus in Washington und skandieren „Gerechtigkeit für Michael“, manche rufen gar „Mörder!“. Unabhängig von dem Zwischenfall in Ferguson prangern sie den alltäglichen Rassismus in den USA an. So sorgen Studien für Aufsehen, wonach Afroamerikaner wesentlich häufiger als Weiße im Straßenverkehr kontrolliert und durchsucht werden. Obwohl das sogenannte Racial Profiling in den USA gesetzlich verboten ist, ist es noch immer an der Tagesordnung.

Zu den nachdenklichen Stimmen in diesen aufgeregten Tagen gehört die von Muriel Bowser. Die 42-jährige Afroamerikanerin hatte Anfang November die Bürgermeisterwahlen in der Hauptstadt Washington gewonnen, sie sieht den tragischen Vorfall in Ferguson eher vor dem Hintergrund der strukturellen Probleme: „Die Gesellschaft bleibt zerrissen, solange Kinder aus Not leidenden Familien keine Chance zum Aufstieg haben.“ Ferguson zähle zu den ärmsten Gemeinden im Bundesstaat Missouri. Und solange die Ausstattung der Schulen von den Einkommensverhältnissen der Nachbarschaft abhängig sei, werde sich daran so schnell auch nichts ändern. Der tödliche Zwischenfall und die gewalttätigen Proteste stünden in engem Zusammenhang mit den sozialen Spannungen.

Nicht nur Muriel Bowser weiß: Der Fall Michael Brown mag strafrechtlich beendet sein. Aber es wird noch viele Michael Browns geben.

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