Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Privatmuseum: Die Grundmanns sammeln Autos
Nachrichten Panorama Privatmuseum: Die Grundmanns sammeln Autos
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:44 26.12.2010
Von Christian Holzgreve
Privatmuseum mit Charme und Käfern: Christian Grundmann mit einem viertürigen Rometsch-Taxi. Quelle: Nico Herzog
Anzeige

Frostig liegt es in diesen Tagen da. Ein bisschen Gewerbegebiet, ein bisschen Fußgängerzone. Hessisch Oldendorf, das Städtchen im Weserbergland, wirkt in der Winterkälte unbeteiligt an dem, was in einer schmucken Gewerbehalle vor sich geht. Denn hier wurde in monatelanger Arbeit nach allen Regeln der Karosseriebaukunst gerichtet, was es eigentlich gar nicht mehr geben sollte: ein VW-Käfer aus dem Baujahr 1938 – der zweitälteste bekannte Wagen dieses Typs weltweit.

Jahrzehntelang galten frühe Autos dieses Typs, die KdF-Prototypen-Wagen („Kraft durch Freude“) aus dem Reich von Hitlers Nationalsozialisten, als verschollen. Doch dann kamen die Grundmanns. Und jetzt steht er in Hessisch Oldendorf. Die Karosserie, die noch lackiert werden muss, wartet auf die „Hochzeit“ mit dem restaurierten Chassis. Dann wird Fahrgestellnummer 6 wieder laufen. Und die weltweite Internetgemeinde der Käfer-Enthusiasten wird jauchzen vor Entzücken. Mehr als eine Million Mal wurde auf der Internetseite thesamba.com die Story von der Entdeckung bis zur Restauration des VW 38 schon angeklickt. Und Christian Grundmann ist mächtig stolz. „Als die anderen 2009 noch über den Fund diskutiert haben, bin ich schon nach Litauen geflogen, wo das Auto stand.“ Grundmann bekam den Wagen nicht etwa für kleines Geld – in Litauen wusste man, dass das ein ganz alter Käfer war, wenn auch übel mitgenommen. Grundmann musste im Tausch einen Top-Käfer aus der eigenen Sammlung herausgeben. Und er tat es nicht leichten Herzens. „Aber man will seine Sammlung ja immer weiter verbessern.“

Anzeige

Wahr ist: Die Grundmanns plagt das Krankheitsbild des Auto-Enthusiasten. Sie sind Sammler und Jäger, Vater Traugott ebenso wie Sohn Christian. Und was sie im Verlauf der vergangenen 30 Jahre an VW-Geschichte zusammengetragen haben, beeindruckt die Firmenzentrale in Wolfsburg ebenso wie die Porsche-Mannen in Stuttgart. Es kommt vor, dass die Grundmanns VW in Wolfsburg Autos zu Ausstellungszwecken zur Verfügung stellen. Etwa 70 Autos und VW-Busse stehen in Grundmanns Privatmuseum, die Hälfte davon ist fahrbereit. Millionen Euro ist die Sammlung inzwischen wert.

Doch darum geht es gar nicht in erster Linie. Es geht um alte Autos, ums Finden, Tauschen und Sammeln. Und ums Staunen, was Karosserie-Couturiers wie Hebmüller oder Rometsch auf VW-Käfer-Basis basteln. Wunderschöne Cabriolets oder grazile Coupés. Wen wundert’s, dass in Hessisch Oldendorf die weltweit größte Sammlung an Rometsch-Autos steht. „Als der Berliner Betrieb im Jahr 2000 schloss, haben wir die ganze Firma aufgekauft“, sagt Christian Grundmann. Bis hin zu Möbeln, Archivmaterial und Holzlehren.

Heute stehen die Schönheiten in schimmerndem Lack eingerahmt von Dioramen und der Ausstattung eines American Diner in einer Abteilung des Museums. Und wer zweifelt, dass das stilecht sein kann, sollte wissen: Hollywoodgrößen wie Audrey Hepburn oder Gregory Peck besaßen einst Rometsch-Autos. Warum diese Preziosen also nicht vis-à-vis eines Diners platzieren, der im West-Berlin der fünfziger und sechziger Jahre gestanden haben könnte? In den Wurlitzer-Automaten könnten die amerikanischen GIs in der geteilten Stadt noch eine Mark eingeworfen haben, um Elvis Presley abzuspielen. Oder sie hörten den luftgekühlten Boxersound eines Rometsch draußen vor der Tür.

So ist das noch heute, die Grundmanns können einfach mal einen tollen Käfer anwerfen. Oder einen VW-Bus. Vielleicht den Samba-Bus aus den USA, der als Übertragungswagen fürs Fernsehen noch immer voll ausgestattet ist? Oder einfach mit einem Porsche 956, dem Carrera 2 mit seinem Königswellen-Motor zum Beispiel, einfach so aus dem Museum rollen. Denn Vater und Sohn können selbst entscheiden, ob ihre Sammlung auch dem Publikum zugänglich sein soll. „Wenn ich Lust habe, mache ich auf“, sagt Christian Grundmann. Für eine Truppe von ADAC-Gutachtern zum Beispiel, einem Vespa-Klub oder auch einer Besuchergruppe aus dem Altenheim.

Wichtig ist auch: Die Grundmanns sind nicht allein mit ihrem Spleen. Ein großes Netzwerk aus Freunden und Bekannten in der Szene haben sie in den vergangenen Jahrzehnten gesponnen, immer wieder sind Freunde aus verschiedenen Ländern in Hessisch Oldendorf zu Gast. Bei den Restaurierungen sind zudem Spezialisten wie Sattler, Lackierer und Motorenbauer gefragt. Arroganz wollen sich die Grundmanns dabei nicht leisten. „In jede Restaurierung geht viel Arbeit rein, auch wenn es ein ,normaler‘ Käfer ist. Jeder hat doch sein eigenes Sammelgebiet, aber alle sind gleich in diesem verrückten Hobby“, sagt Christian Grundmann.

Nicht jeder, weiß der Junior, könne auch so schnell handeln wie er, wenn ein neues altes Auto ins Visier gerät. „Ich bekomme hier in unserem Betrieb sofort Urlaub, mein Vater ist mein Chef, das können andere ja gar nicht“, sagt der 37-Jährige. Tatsächlich führen die Grundmanns einen Dachdeckerbetrieb, Traugott Grundmann stieg 1980 in den Familienbetrieb ein, später folgte Sohn Christian als Dachdecker- und Klempnermeister.

Genau genommen entstand die Leidenschaft für alte Autos in den USA. Traugott Grundmann restaurierte britische Roadster, um Entspannung vom Fliegerstress zu suchen – er bildete als Fluglehrer deutsche Piloten auf einer amerikanischen Airbase auf dem Kampfjet Phantom aus. Dann entdeckte er die alten Käfer für sich, die in Amerikas Wüsten herumstanden. Zurück in Deutschland quittierte Traugott Grundmann das Beamtendasein und stieg in den Dachdeckerbetrieb seines Schwiegervaters ein. Seither geht es bei den Grundmanns um Käfer, sehr schöne und sehr alte Käfer.

Bescheiden angefangen haben die Grundmanns wie so viele Enthusiasten: „Als Gymnasiast in Hameln hatte ich ein 1949er-Cabriolet“, sagt Traugott Grundmann, „das habe ich für 400 Mark gekauft. Und weil ich kein Geld hatte, musste ich es selbst reparieren. So hat das alles begonnen.“ Heute liege der Reiz darin, alte Käfer wieder auf die Straße zu bringen: „Mein Spaß ist es, wenn wir ein Auto restaurieren: Je seltener der Wagen ist und je kaputter – desto besser.“ Jedes Auto, sagt Vater Grundmann, habe seine eigene Geschichte. Und eines, sagt Traugott Grundmann, sei ihm ohnehin nicht zu nehmen. „Die Entspannung, wenn ich hier eine halbe Stunde hineingehe. Dann ist jeder Ärger verflogen.“

Die Grundmanns haben in ihrem Privatmuseum auch eine Militärecke eingerichtet, die die Zeit des Nationalsozialismus widerspiegelt. Wehrmachts-Kübelwagen, Uralt-Käfer und demnächst auch noch ein Schwimmwagen, den Sohn Christian am Fuß des Obersalzberges kaufte, komplettieren die Sammlung. Der Schwimmwagen, der seit 1946 in einer Hand in Privatbesitz war, ließ sich nicht einfach einkaufen. Christian Grundmann gab im Tausch ein Hebmüller-Cabriolet aus der Sammlung weg, einen Wagen, den er eigenhändig restauriert hatte. Das war nicht einfach. „Ich habe Schmerzen dabei gehabt, aber der Eigentümer des Schwimmwagens auch.“ Sammeln, das lernt man bei den Grundmanns, kann sogar wehtun.

Am Ende freilich überwiegt die Freude über die eigene Sammlung – und die Zufriedenheit, schon große Käfertreffen nach Hessisch Oldendorf geholt zu haben. „Dieses Hobby verbindet Menschen“, sagt Traugott Grundmann. Und da hat er unbedingt recht.