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Panorama Protest gegen Hähnchenställe und Schlachthof wird zum Alltag
Nachrichten Panorama Protest gegen Hähnchenställe und Schlachthof wird zum Alltag
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12:52 16.10.2010
Von Gabriele Schulte
Jeden Montag trifft sich die Bürgerinitiative Wietze nachmittags an der B 214 zur Mahnwache, unter anderem für den Vorsitzenden Norbert Juretzko (links) ein fester Termin im Kalender. Quelle: Martin Steiner
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Autofahrer, die sich Wietze von Westen her nähern, kneifen die Augen zusammen, geblendet von Flutlicht, das eine Großbaustelle am Ortsrand überstrahlt. Der Blick fällt dann auf einen Maschendrahtzaun, um den Wachpersonal streift. Gleich neben dem 21-Hektar-Gelände, vor kurzem noch Acker, haben sich am Verkehrskreisel wie jeden Montag Männer und Frauen aus Wietze und umliegenden Dörfern versammelt. Rund 30 harren auch diesmal stundenlang aus, obwohl die feuchte Kälte sie frösteln lässt. Ein Plakat verrät ihr Anliegen: „Kein Schlachthof! Keine Mastställe!“

Viele, die auf der Bundesstraße 214 an der Ortseinfahrt abbremsen, wissen Bescheid. Die 8000-Einwohner-Gemeinde ist in ganz Deutschland bekannt geworden, seit der Rat dem Bau von Europas größtem Geflügelschlachthof zustimmte. „Emsland Frischgeflügel“ aus Haren will hier, nahe der Autobahn 7, von März 2011 an zusätzlich Hähnchen schlachten – anfangs im Einschichtbetrieb, später bei voller Auslastung bis zu 2,6 Millionen pro Woche. Firmenchef Franz-Josef Rothkötter hat 1000 Arbeitsplätze in Aussicht gestellt. Die Gegner beeindruckt das nicht. Sie befürchten Verkehrslärm, Stallgestank, Luft- und Grundwasserverseuchung, Tierquälerei.

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Die 2009 nach einer Bürgerversammlung gegründete Initiative „Für den Erhalt unseres Aller-Leine-Tals“ hat ihren umständlichen Namen mittlerweile auf BI Wietze verkürzt und ist auf über 1000 Mitglieder aus ganz Deutschland gewachsen. Damit ist sie die größte von 50 Widerstandsgruppen gegen Massentierhaltung in Niedersachsen, von denen die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft berichtet. Ob Salzgitter, Cuxhaven oder Wunstorf – landauf, landab versuchen Bürger mit Argumenten wie in Wietze die in weitem Umkreis um den Schlachthof vorgesehenen bis zu 400 Broilermastställe zu verhindern.

Vielerorts in den von Ackerbau geprägten Regionen hat das Thema Unruhe hervorgerufen. Angesehene Landwirte wurden plötzlich zu Feindbildern, die wie bei Peine mit Laternenumzügen zum Hof vor dem Stallbau gewarnt wurden. Junge Tierschützer aus ganz Deutschland bezogen Widerstandscamps wie in Buchholz/Nordheide oder monatelang in Wietze, wo die Polizei sie im August vom Feld räumte. In Sprötze bei Harburg ging gar ein noch leerer Stallbau in Flammen auf.

Auch Wietze ist ein anderer Ort als vor einem Jahr. Da hatte der Gemeinderat noch selbstzufrieden Einigkeit demonstriert. Stolz verkündete Bürgermeister Wolfgang Klußmann (CDU) die geplante Ansiedlung im lange wie sauer Bier angebotenen Gewerbegebiet als „Sechser im Lotto“, im Rat stimmten nur der Grüne und der Linke dagegen. Beim von Dorfbewohnern verlangten Informationsabend schlug den Befürwortern dann in der überfüllten Schulturnhalle aber Widerstand entgegen. Auch der aus Haren angereiste freundliche Franz-Josef Rothkötter vermochte die Skeptiker nicht zu beruhigen. Der Bürgermeister hat den Spruch vom Lottogewinn unter dem Eindruck eines aus nur formalen Gründen gescheiterten Bürgerbegehrens gegen den Schlachthof zurückgezogen, wobei er sich für die zunächst 250 Schlachthof-Arbeitsplätze weiterhin einsetzt.

„Der Landrat hat sich nie entschuldigt“, sagt Uschi Helmers von der BI Wietze. Wegziehen sei im Übrigen kaum möglich, weil die Wietzer Immobilien im Moment gar nichts wert seien. Die 61-Jährige hadert auch mit ihrer eigenen Partei. „Ich bin enttäuscht, wie unentschieden die SPD sich äußert“, sagt sie während der Mahnwache bei einem Becher kochend heißem Tee im Stehen. Enttäuscht sind die Rentnerin und ihre Mitstreiter auch von einem Teil der Mitbewohner in Wietze: „Die wollen sich am liebsten ganz raushalten.“ Viele hätten gezögert, ihren Namen auf die Listen des Bürgerbegehrens zu setzen, obwohl sie den Schlachthof nicht wollten. Lehrerin Maren Baumann-Reich erzählt: „Beim Einkaufen wurde ich wieder auf meinen Button an der Jacke angesprochen. Die Leute wollen immer noch wissen, was da von Rothkötter genau geplant ist.“ Selbst bei Schulfesten drängt sich das Thema nach vorn.

Manchmal treffen die Fronten sehr klar aufeinander, wie kürzlich, als sich bei der Frage der Gefahren fürs Grundwasser zwei Männer bei einer NDR-Aufnahme verbal in die Haare kriegten. „Dein Wasser“, „mein Wasser“, schrien sie sich entgegen. Oder wenn in der Lokalzeitung ein Elektromeister aus dem Ort der Bürgerinitiative vorwirft, sie habe trotz Einladung weder Schlachthof noch Mastställe im Emsland besichtigt.

Teilnehmer der Mahnwache weisen darauf hin, sie hätten keine offizielle Einladung bekommen, „die Tierquälerei und das massenhafte ,Kopf-Ab!‘“ aber wollten sie ohnehin lieber nicht sehen. Die Arbeit in der Bürgerinitiative, mit Aktionsgruppe, Mediengruppe und wöchentlichem Informationsstand in Celle habe ihrer aller Leben gehörig verändert. Viele Wietzer, Alteingesessene wie Zugezogene, haben von Mai bis August die Feldbesetzer mit tierfreiem Essen versorgt und mit den Veganern diskutiert, andere sind durch Lektüre zahlreicher Studien zu Experten in Sachen Massentierhaltung geworden. „Ich esse kein Fleisch und keinen Fisch mehr“, erzählt Gunnar Moll, ein pensionierter Lehrer aus Wietze. BI-Sprecherin Gabi Ruschmeier ergänzt, kein Mitglied kaufe noch „solches Fleisch“, wie es die Geflügel-Großbetriebe erzeugen.

Vieles macht ihnen Mut bei ihrem anstrengenden Kampf: Noch haben sich bei Weitem nicht so viele Landwirte zum Einstieg in die Hähnchenmast entschlossen, wie sich Rothkötter und andere Schlachtbetriebe erhoffen, im Kreis Celle offiziell nur drei oder vier. Bei Lüneburg zog ein Landwirt seine Pläne zurück, nachdem sich die rot-grüne Mehrheit im Kreistag gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft ausgesprochen hatte. Und selbst im von Mastställen überzogenen Emsland hat das Blatt sich gerade gewendet. Wegen baurechtlicher Bedenken hat Landrat Hermann Bröring (CDU) alle weiteren Bauanträge auf Eis gelegt.

Die Wietzer Schlachthofgegner setzen zurzeit auf eine Studie aus Amerika, wonach aus Geflügeltransportern gefährliche Bakterien entweichen. Das Ergebnis haben sie an Politiker, Schulen und Kindergärten geschickt. Über ihr Bürgerbegehren wird das Verwaltungsgericht Lüneburg erst nächstes Jahr entscheiden. Dass der Schlachthof dann schon steht, hält BI-Vorsitzender Norbert Juretzko für kein großes Problem. Der müsse dann eben abgerissen werden. „Rothkötter baut auf eigenes Risiko.“

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