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Panorama Proteste gegen das Schienenprojekt in Stuttgart
Nachrichten Panorama Proteste gegen das Schienenprojekt in Stuttgart
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11:05 21.05.2010
Von Gunnar Menkens
Dieses Modell zeigt den geplanten unterirdischen Hauptbahnhof des Bahnprojekts "Stuttgart 21". Quelle: dpa (Archiv)
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Manchmal übertreiben sie ein wenig mit ihrem friedlichen Protest. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster ein Brandstifter wie Nero, Kaiser von Rom? Und sind hier am Hauptbahnhof tatsächlich 5000 Demonstranten versammelt, wie eine emphatische junge Frau vorn auf der Bühne einfach mal behauptet?

Da schütteln sogar Sympathisanten die Köpfe und teilen durch zwei. Aber so genau kommt es nicht drauf an, angefangen haben ja die anderen mit dem maßlosen Plan, Milliarden Euro für einen neuen unterirdischen Bahnhof zu verbuddeln. Der Widerstand kommt in Hut und Mantel und ist meist älteren Semesters, wenngleich etliche junge Menschen in der Menge stehen. Hier wehrt sich Bürgertum, die Mitte der Gesellschaft, um bei passender Gelegenheit, eben wird Schuster zum Rücktritt aufgefordert, das Motto der Bewegung zu skandieren: „O-ben blei-ben! O-ben blei-ben!“

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Mit diesem Leitsatz stellen sich seit einem halben Jahr einige tausend Stuttgarter jeden Montag um sechs Uhr dem größten deutschen Verkehrsprojekt entgegen. Stuttgart 21 oder, wie Marketingstrategen der Bahn pathetisch formulieren: „Das neue Herz Europas“. Gedankenspiele und sich stetig ändernde Absichten mussten Bürger lange Jahre nicht recht ernst nehmen, so großartig, so teuer, so kompliziert und so futuristisch raumpatrouillenhaft erschienen die Modelle. Jetzt, mehr als zwanzig Jahre nach ersten Überlegungen, sind die wichtigsten Verträge unterzeichnet. Im April schuf Bahnchef Rüdiger Grube symbolisch Fakten, indem er unter Zuhilfenahme prominenter Mitstreiter auf dem Gleisgelände hinter einem Prellbock eine kleine Baustelle feierlich eröffnete.

Bahn, Bund, Land und Stadt bringen, dies ist der aktuelle Stand, sagenhafte sechs Milliarden Euro auf. Aus dem traditionellen Kopfbahnhof wird ein Durchgangsbahnhof, zwölf Meter unter der Erde. Auf seinem begehbaren Dach entsteht ein neuer Stadtplatz, dessen optische Zierde bis zu sechs Meter hohe gläserne Augen sind, damit Tageslicht in Tunnelbahnsteige dringt. Im Preis inbegriffen sind 60 Kilometer neue Gleise, 18 Brücken, 16 Tunnel, drei neue Bahnhöfe und eine zügige Strecke nach Ulm. Die Fahrtzeiten verkürzen sich zum Teil deutlich, das Netz wird leistungsfähiger. Städtebaulicher Clou: Wo jetzt noch Schienen liegen, entsteht in der im Tal eingekesselten Innenstadt Platz für 30 000 Wohn- und Arbeitsplätze und auf 20 Hektar ein neuer Park. Insgesamt wird eine Fläche so groß wie 140 Fußballfelder frei. Tausende Menschen kommen in Lohn und Brot.

Dies ist der Plan, wären da nicht ungezählte Stuttgarter, die von der Bahn nicht auf diese Weise beglückt werden wollen und fataler Nebenwirkungen gewiss sind. Im Zentrum der Stadt klafft mindestens zehn Jahre lang eine staubige Dauerbaustelle von enormer Größe und Lautstärke. Milliarden Euro fehlen kleineren Nahverkehrsprojekten. Zwei Seitenflügel des unter Denkmalschutz stehenden Hauptbahnhofs, emporgestiegen zum Wahrzeichen der Stadt, müssen abgerissen werden. Der Schlossgarten gegenüber wird auf einer Breite von 80 Metern zerstört, 300 imposante Bäume fallen Kettensägen zum Opfer.

In diesem Schlossgarten, eine blühende Landschaft im Mai, sitzt an einem Biergartentisch der Schriftsteller Heinrich Steinfest. Ein freundlicher Mann, mehrmals ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis, ganz in Schwarz gekleidet, 50 Jahre alt und im Verständnis etlicher Umbauplaner einer der Alten, die der Zukunft im Weg stehen. Vor zwölf Jahren zog er von Wien nach Stuttgart, die Schwaben empfand er als schulterzuckend uninteressiert an Belangen ihrer Stadt. Jetzt stellt der Zugereiste einen Wandel fest, weil Debatten um das Bahnprojekt Misstrauen säten. „Die Leute haben den Eindruck, dass aus Recht Unrecht wurde. Sie erkennen die Schönheit und Würde ihrer Stadt und verspüren das Bedürfnis, sie zu verteidigen.“

Stuttgart 21 passt für Steinfest nicht zu Stuttgart. Sein Größenwahn widerspreche dem noblen Charakter der Stadt und ihrer landschaftlich geprägten Raffinesse. „An den Hebeln der Macht sitzen Leute, die ein gestörtes Verhältnis zur Stadt haben“, sagt Steinfest im Wiener Dialekt, „sie glauben, sie sei Provinz und wollen aus Stuttgart in zwanghaft-dilettantischer Weise eine Metropole machen.“ Das aber sei sie nicht, zumindest nicht im Sinne einer „Legobauweise“. Dem Autoren, dessen Figuren oft Bezüge zur Stadt haben, gibt die Geschichte des Bahnprojekts jetzt Stoff für einen neuen Roman. Steinfest spricht von „mafiösen Strukturen“.Harmlos hört sich das auf wienerisch an, es beschreibt jedoch den bedingungslosen Willen von Politik, Wirtschaft, Banken und Bahn, durchzubauen. Die Wirklichkeit liefert dabei wohl zu plumpe Vorlagen. Wer würde zu erdichten wagen, dass einer der größten Befürworter Stuttgarter Tunnelbauten, der frühere Ministerpräsident Lothar Späth, gleichzeitig Aufsichtsratschef eines Unternehmens ist, das Tunnelbohrmaschinen herstellt?

Legitim, natürlich, in Stuttgart haben dennoch Zehntausende das Gefühl, entrückte Potentaten zwängen ihnen nach Art von Schurkenstaaten ein unnützes Prestigeprojekt auf. Um jeden Preis. 1995 sollte Stuttgart 21 noch 2,5 Milliarden Euro kosten. Ein Gutachten hielt fest, dass die Bahn Zahlen schönte. Der Bundesrechnungshof konstatierte Ende 2008, dass zu sowieso gestiegenen Baukosten 1,2 Milliarden Euro addiert werden müssten. Im Gedächtnis bleibt, dass Oberbürgermeister Wolfgang Schuster einen Bürgerentscheid in Aussicht stellte, sollte sich Stuttgarts Anteil auf eine dreistellige Millionensumme erhöhen, und nun um dieses Versprechen herumlaviert. Bürger glauben Gutachtern nicht, die für Ein- und Aussteigen in ICEs zwei Minuten ansetzen. Es macht sie stutzig, dass eingespart werden soll, was eben noch unerlässlich schien, die Stärke von Tunnelwänden etwa. Stuttgarter melden sich als „Parkwächter“, um den Schlossgarten zu retten und sich notfalls an Bäume zu ketten. Und sie fragen, ob man in Zeiten extremer öffentlicher Schulden sechs Milliarden Euro hergeben darf. Dass es bei der Summe bleibt, glaubt niemand: Ein gegnerisches Gutachten rechnet schon mit beinahe neun Milliarden.

Der Architekt Peter Dübbers, weiße Haare, Nickelbrille, 71 Jahre alt und Enkel des Bahnhofsbauers Paul Bonatz, hat lange gezögert, eher er gegen den beabsichtigten Abriss der langgestreckten Seitenflügel vor Gericht zog. Er sieht seine Urheberrechte verletzt. Gestern aber, vor empörten Mitstreitern im überfüllten Saal des Stuttgarter Landgerichts, entschieden Juristen anders. Die Bahn darf abreißen, weil ihr Interesse an einem modernisierten Hauptbahnhof höher zu bewerten sei als Erhaltungsinteressen. Dübbers ästhetische Einwände – er sorgt sich um das Gesamtensemble des Baus – blieben unberücksichtigt. Die Richter räumen intensive Eingriffe in ein einzigartiges Werk der Baukunst ein, sehen Dübbers Urheberrechte allerdings eingeschränkt, weil sie in 16 Jahren ablaufen. Der Enkel trauert. „Der Abriss der Flügel ist eine Verstümmelung.“

Die Macher haben nun ein weiteres gutes Argument für ihren Milliardenbau, sie können erneut auf seine Rechtmäßigkeit verweisen. Der Stadtrat stimmte zu, der Bundestag, der Landtag – alles Repräsentanten des Volks. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg wies eine Klage der Gegner ab und bezweifelte, ob deren angeblich preiswerteres Alternativkonzept, es will den Kopfbahnhof retten und dennoch Kapazitäten erweitern, überhaupt als Alternative zu betrachten sei. „Niemand würde das finanzieren“, sagt Wolfgang Drexler, Kommunikationschef des Projekts und SPD-Landtags-Vizepräsident. Er sieht die Investitionen als einmalige Chance für Stuttgart und Baden-Württemberg. Aus den Verträgen gebe es kein Zurück.

Politiker und Bahnvorstände könnten den andauernden Protest leicht aussitzen. Wenn 2000 Bürger regelmäßig bei Wind und Wetter protestieren, demonstrieren auch jeden Montag Hunderttausende Menschen nicht. Aber die Zeichen in Stuttgart sind andere. Die jüngste Umfrage der Stadt brachte zutage, dass 47 Prozent der Einwohner gegen das Projekt sind und nur 29 Prozent dafür. 67 000 Bürger setzten ihren Namen unter eine Unterschriftenliste gegen das gigantomanische Projekt. Bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr wurden die Grünen stärkste Fraktion, weil sie Stuttgart 21 bekämpfen.

Sind die Stuttgarter auch bereit, anders zu kämpfen als mit Kundgebungen? Offenbar ist das so. Einige üben bereits Sitzblockaden. Im September will die Bahn den ersten Bahnhofsflügel abreißen. „Das lassen wir uns nicht gefallen“, sagt mit routinierter Entschlossenheit der Bildhauer Gangolf Stocker, einer der Köpfe des Protestes und mit 65 Jahren auch so ein alter Mann. Betagte Damen wollen sich vor Bäume setzen, wenn nachts Männer mit Sägen anrücken. Und dass Passanten einen Bahnhof ohne Bahnsteigkarte besetzen könnten, empfiehlt ein Demonstrationsplakat. Heinrich Steinfest ist zum Anketten entschlossen. „Oben bleiben“: Das soll nicht allein für Bahnhof und Bäume gelten, die Protestbewegung meint mit ihrem Slogan auch sich selbst.

Die Bahn verliert angesichts aufgehäufter Milliardenbeträge den Blick für Peinlichkeiten. Im Stuttgarter Bahnhof verkauft der Konzern einen Bausatz des Bonatz-Baus, für 7,95 Euro und inklusive Seitenflügel, deren Abriss Bahnchef Grube eben vor Gericht durchsetzte. Der Karton bewirbt „Ein Meisterwerk der Architektur“. Kläger Dübbers lacht darüber, es klingt nicht belustigt und nicht verbittert. Es klingt resigniert.