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Panorama Prozess um Kevins Tod gegen Geldauflage eingestellt
Nachrichten Panorama Prozess um Kevins Tod gegen Geldauflage eingestellt
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16:42 25.08.2010
Im Oktober 2006 hatten Polizisten den Zweijährigen tot in einem Kühlschrank des Ziehvaters gefunden. Er war 2008 zu einer Haftstrafe und zur Einweisung in eine Entziehungsanstalt verurteilt worden.
Im Oktober 2006 hatten Polizisten den Zweijährigen tot in einem Kühlschrank des Ziehvaters gefunden. Er war 2008 zu einer Haftstrafe und zur Einweisung in eine Entziehungsanstalt verurteilt worden. Quelle: dpa
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Das Landgericht Bremen hat am Mittwoch den zweiten Prozess um den Tod des zweijährigen Kevin in Bremen eingestellt. Der für das Kind zuständige Amtsvormund muss eine Geldauflage von 5000 Euro an den Kinderschutzbund zahlen. Die Entscheidung sei aber kein Freispruch, betonte die Vorsitzende Richterin Barbara Lätzel. Der 67-Jährige habe sich der fahrlässigen Tötung hinreichend verdächtig gemacht. Er hätte den Jungen viel früher aus der Obhut seines drogensüchtigen Ziehvaters nehmen müssen.

Damit endet fast vier Jahre nach der Tragödie die juristische Aufarbeitung des Falls, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte. Im Oktober 2006 hatten Polizisten die in Müllsäcke eingewickelte Leiche im Kühlschrank des Ziehvaters gefunden. Der kleine Körper war mit blauen Flecken übersät, die Knochen zertrümmert. Im Juni 2008 verurteilte das Landgericht den damals 43-Jährigen zu zehn Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Der erste Prozess offenbarte die furchtbaren Qualen des Kleinkindes, das zeitweise nur noch Haut und Knochen war und vor Schmerzen weder sitzen noch laufen konnte, wie es später im Urteil hieß. Doch das Verfahren verdeutlichte auch die Versäumnisse der Behörden, die trotz zahlreicher Hinweise auf die Misshandlungen lange nicht eingriffen - und als sie es taten, war es zu spät. Dies stand nun im zweiten Prozess im Mittelpunkt.

Richterin Lätzel spricht am Mittwoch von einer „gravierenden Arbeitsüberlastung“. Der Amtsvormund habe damals 240 bis 270 Kinder betreuen müssen, nach Aussage von Experten seien 50 bis 60 angemessen. Dennoch hätte er Kevin spätestens im März 2006 aus der Wohnung des Ziehvaters holen müssen, nachdem der zuständige Sozialarbeiter ihm die schlimmen Zustände in einer E-Mail geschildert habe.

Ruhig und gefasst nimmt der pensionierte Mitarbeiter des Jugendamts die Entscheidung des Gerichts auf. Eigentlich hätte der Sozialarbeiter neben ihm auf der Anklagebank sitzen sollen. Weil der 58-Jährige aber schwer krank ist, stellte das Gericht das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit ein. Gegen ihn richteten sich jedoch die meisten Vorwürfe in der Anklage.

„Der Prozess hatte ein Legitimationsdefizit“, kritisiert der Anwalt des Vormunds, Eckart Behm. Sein Mandant hätte nicht an den Pranger gestellt werden dürfen.

Dass andere Fehler gemacht hätten, entlaste den 67-Jährigen nicht, meint dagegen Staatsanwältin Bettina Hohage. Der Vormund habe sich zu sehr auf die Einschätzung anderer verlassen und sich selbst nicht aufmerksam genug um den Jungen gekümmert. Deshalb habe er seine Sorgfaltspflicht verletzt. „Aus dem Grund trägt er eine Mitverantwortung am Tod seines Mündels.“

Für die Deutsche Kinderhilfe ist damit jedoch noch lange nicht aufgeklärt, wie es zu Kevins Tod kommen konnte. Die unzumutbaren Verhältnisse in der Bremer Sozialbehörde würden in keinem Urteil erwähnt. Auch die drängenden Fragen nach den tatsächlich Verantwortlichen blieben weiterhin offen, teilte der Verein mit. Die Einstellung des Verfahrens sei beschämend.

Und auch für den ehemaligen Vormund ist Kevins Schicksal damit nicht aufgearbeitet. „Das wird mich begleiten, bis an mein Lebensende.“

Die Bundesregierung nahm diesen und andere spektakuläre Fälle zum Anlass, strengere Vorgaben für die Jugendämter einzuführen. Am Mittwoch beschloss das Kabinett ein neues Gesetz, nach dem ein Vormund einmal im Monat persönlichen Kontakt zu dem von ihm betreuten Kind aufnehmen muss. Damit dies möglich ist, darf er höchstens 50 Kinder gleichzeitig betreuen.

dpa

Margit Kautenburger 25.08.2010
Stefan Stosch 24.08.2010