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Panorama Rechtsmediziner bleibt Antwort im Fall Kachelmann schuldig
Nachrichten Panorama Rechtsmediziner bleibt Antwort im Fall Kachelmann schuldig
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18:54 01.02.2011
Rechtsmediziner Rainer Mattern: „Ich kann weder nachweisen, dass der Angeklagte der Nebenklägerin die Verletzungen beigebracht hat, noch kann ich nachweisen, dass sich die Nebenklägerin die Verletzungen selbst beigebracht hat“.
Rechtsmediziner Rainer Mattern: „Ich kann weder nachweisen, dass der Angeklagte der Nebenklägerin die Verletzungen beigebracht hat, noch kann ich nachweisen, dass sich die Nebenklägerin die Verletzungen selbst beigebracht hat“. Quelle: dpa
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Sogar seine eigene Frau nutzte der Rechtsmediziner als Versuchsobjekt: Mit seinem Knie versuchte er, ihre Oberschenkel auseinander zu drücken, um zu sehen, ob es dabei zu Blutergüssen kommt. „Ich habe da schon mit Kraft draufgestoßen - das hat ihr weh getan“, sagt Rainer Mattern vor dem Landgericht Mannheim. Doch in der entscheidenden Frage brachte der Sachverständige das Gericht im Prozess gegen Jörg Kachelmann nicht weiter: Hat der Wettermoderator seine ehemalige Geliebte vergewaltigt und dabei verletzt - oder hat sich die 37-Jährige ihre Blessuren selbst zugefügt?

„Ich kann weder nachweisen, dass der Angeklagte der Nebenklägerin die Verletzungen beigebracht hat, noch kann ich nachweisen, dass sich die Nebenklägerin die Verletzungen selbst beigebracht hat“, sagt der Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts an der Universität Heidelberg.

Gleich am 9. Februar 2010, dem Tag nach der angeblichen Vergewaltigung, untersuchte Mattern die ehemalige Geliebte - meist Simone W. genannt - zum ersten Mal. „Sie war offensichtlich stark betroffen, sehr wortkarg, dem Weinen nahe“, erzählt Mattern. Zwei Tage später untersuchte er das mutmaßliche Opfer nochmals, um die Entwicklung der Hämatome zu untersuchen.

Schließlich bestellte er sie Ende vergangenen Jahres noch zwei weitere Male ein, um weitere Fotos zu machen und Messungen zu unternehmen. „Weil ich das Gefühl hatte, auch im Laufe des Prozesses, ich muss mir das alles noch mal genau anschauen“, sagt Mattern. Doch das Ergebnis bleibt unklar.

Die Fotos, die Mattern im Gerichtssaal auf eine Leinwand projiziert, zeigen unter anderem rote Striemen am Kehlkopf und Hals von Simone W.. Kachelmann soll ihr die Klinge eines Küchenmessers an den Hals gedrückt haben, während er sie vergewaltigte. Die Verletzung könnte mit dem Rücken der 7,7 Zentimeter langen Klinge erzeugt worden sein, sagt Mattern - es könnte sich aber auch um „atypische Kratzverletzungen“ handeln.

Bei einem der späteren Termine habe er Simone W. dazu gebracht, sich das Messer zu Demonstrationszwecken an den Hals halten zu lassen, erzählt Mattern. Sie sei jedoch in Tränen ausgebrochen und habe angefangen zu zittern. „Ich hatte das Gefühl, ich sollte da nicht weitermachen.“ Schließlich drückte sich eine Mitarbeiterin seines Instituts die Klinge an den Hals, so hart es für sie erträglich war. Die Folge: Rote Striemen, die allerdings am nächsten Morgen so gut wie verschwunden waren, während Simone W.s Verletzungen noch zwei Tage später deutlich zu sehen waren.

Auf anderen Bildern sind die Oberschenkel des mutmaßlichen Opfers zu sehen. Mattern hält es für möglich, dass die Blutergüsse von Knien stammen - will jedoch auch nicht ausschließen, dass Simone W. sich die Verletzungen selbst mit Faustschlägen zugefügt hat. „Man muss aber gewaltig zuschlagen“, sagt Mattern. Der Versuch mit seiner Frau blieb übrigens ohne eindeutiges Ergebnis: „Es gab Gewebsverhärtungen, aber ein Hämatom kam nicht raus.“

Schließlich hatte Simone W. deutliche Kratzer am Arm und auf dem Bauch, die, so Mattern, von dem Küchenmesser stammen könnten, aber nicht müssen. Er habe das Messer einer ihm bekannten Chirurgin gegeben - und die habe sich ganz spontan mit der Messerspitze einen ähnlichen Ritzer zugefügt.

Ausführlich setzt sich Mattern auch mit den Einwänden der von Kachelmann benannten Gutachter auseinander. „Es ist sicher nicht verkehrt, dass hier noch weitere Rechtsmediziner sitzen“, sagt er. „In Heidelberg passiert nicht so viel, ich will nicht behaupten, dass ich derjenige wäre, der am meisten Erfahrung hat.“ Dabei ist Mattern mit 65 Jahren kein unerfahrener Rechtsmediziner. Eine Verletzungsmuster wie bei Simone W. habe er allerdings noch nicht gesehen; vor allem habe ihn gewundert, dass es keine Abwehrverletzungen an den Armen gebe.

Am Ende bleibt Mattern nur ein hilfloses Fazit: „Ich kann nicht beweisen, dass der Angeklagte diese Verletzungen erzeugt hat, halte es aber traumato-mechanisch für möglich.“ Das gleiche gelte jedoch für das mutmaßliche Opfer: „Man kann alle diese Dinge, wenn man entschlossen genug ist, sich selbst zufügen.“

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

dpa