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Panorama Rettung der Bergleute in Chile verläuft reibungslos
Nachrichten Panorama Rettung der Bergleute in Chile verläuft reibungslos
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09:08 14.10.2010
Drama mit Happy End: In Feierstimmung ist auch Präsident Sebastián Piñera, der jeden Geretteten umarmt. Quelle: afp
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Noch bevor Mario Sepúlveda zu sehen war, war er schon zu hören. Auf den letzten Metern seiner Fahrt in die Freiheit stieß der Minero Freudenschreie aus. Und als die Rettungskapsel „Phönix 2“ dann kurz nach ein Uhr am Mittwochmorgen an die Oberfläche kam, legte sich auf das Gesicht des 41-Jährigen ein Lachen, das nicht mehr weichen wollte.

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Mario Sepúlveda ist vielleicht das Gesicht dieser außerordentlichen Geschichte einer Rettung, die irgendwo zwischen einer gigantischen Reality-Show und einer technischen Meisterleistung liegt.

Die Bergung der 33 verschütteten Kumpel aus ihrem Verlies tief unten in der chilenischen Mine San José verlief überraschend reibungslos. Um 0.11 Uhr atmete Florencio Ávalos als Erster wieder die frische, kalte Wüstenluft – nach 70 Tagen in Dunkelheit und feuchter Hitze. Danach wurde fast stündlich ein weiterer Kumpel ans Licht geholt. Im Lager Esperanza (Hoffnung) löst sich die aufgestaute Spannung in einer wahren Freudenexplosion. „Chi Chi Chi, Le Le Le, mineros de Chile“, skandieren die Menschen wie bei einem Fußballfest. Freudentränen fließen, Luftballons steigen in den chilenischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot in den Himmel über der Atacama-Wüste, Konfettibomben lassen einen bunten Papierregen auf die Wartenden niedergehen.

Eine knappe Stunde danach kam Sepúlveda als Zweiter an die Oberfläche, umarmte seine Frau ein Mal, drückte dann den Präsidenten Sebastián Piñera gleich dreimal ans Herz, verteilte Gesteinsbrocken und sprang mit seiner dunklen Sonnenbrille wie ein Rockstar umher. Diese müssen alle geretteten Bergleute tragen, um nach fast zehn Wochen unter Tage ihre Augen vor dem Licht zu schützen. Wer Sepúlveda gesehen hat, der musste sich fragen, wofür eigentlich die massiven medizinischen Vorkehrungen notwendig waren. Die ersten Minenarbeiter zeigen sich in erstaunlich guter Verfassung.

Wirkte Florencio Ávalos, der erste Gerettete, noch ein wenig benommen bei seiner Ankunft an der Erdoberfläche, strotzte Sepúlveda vor Freude und Kraft. Anschließend aber wurde auch er auf eine Trage gelegt und in ein Behelfslazarett gebracht. Dort werden die Mineros an einen Vitamintropf gehängt, werden kurz untersucht und können dann in weißen Containern mit abgedunkelten Fenstern einige Zeit mit ihren Angehörigen zusammen sein. Anschließend werden sie mit Hubschraubern in ein Krankenhaus ins nahe Copiapó geflogen zu einem ausführlichen Gesundheitscheck. Dort endet dann 48 Stunden später endgültig die Odyssee, wenn die Geretteten auf Herz und Nieren überprüft worden sind.

Die überdrehten Bilder von Sepúlveda sollten eine Botschaft senden in die Welt: „Wir haben überlebt, und wie!“ Und nebenbei passte der Auftritt des 41-Jährigen hervorragend in das Bild, das Staatschef Piñera mit dieser erfolgreichen Rettungsaktion vermitteln will von seinem Land: „Chile hat sich bewiesen. Die Rettung macht uns stolz“, sagte er.

Gesundheitsminister Jaime Mañalich sprach von einer „außerordentlich gut“ laufenden Rettung. Nach den ersten acht Auffahrten, die alle ohne Probleme gelangen, musste die Rettungskapsel „Phönix 2“ einer technischen Revision unterzogen werden. Anschließend wurden die Kranken und Schwächeren aus ihrem feuchten Verlies befreit.

Die Augen der ganzen Welt verfolgten in dieser bitterkalten Wüstennacht die spektakulärste und vielleicht am besten organisierte Rettungsaktion in der Geschichte des Bergbaus. Niemals zuvor waren Menschen so lange unter Tage eingeschlossen. Erstmals seit Tagen war der Himmel über der Atacama-Wüste sternenklar. Und selbst die bleiche Sichel des Mondes schaute zu, als die Mineros wieder ins Leben geholt wurden. Seit dem 5. August waren sie unter Tausenden Tonnen von Gestein lebendig begraben, nachdem bei einem Teileinsturz der Kupfer- und Goldmine San José die Eingänge verschüttet worden waren. In fast 700 Meter Tiefe saßen die Kumpel fest, mehr als zwei Wochen gab es von ihnen kein Lebenszeichen. Erst am 22. August erfuhr die Welt, dass sie überlebt hatten.

Mit der Bergung aller Mineros beginnt Phase II der Rettung. Bis jetzt haben die Männer als Maschinenführer, Elektriker und Bohrspezialisten rund 700 Euro im Monat verdient. Mittlerweile bieten Fernsehanstalten bis zu 4500 Euro für ein Exklusivinterview. Eine deutsche TV-Talkshow hat einem chilenischen Zeitungsbericht zufolge eine unbegrenzte Summe geboten, um die Männer am besten gleich aus der Rettungskapsel in ein Flugzeug nach Deutschland zu setzen.

Die Mineros, die unter Tage alle Nachrichten verfolgt haben, wissen längst, dass sie den Moment nutzen müssen, dass ihre Berühmtheit ein kurzes Verfallsdatum hat. Alejandro Pino, ein Journalist, der die Bergarbeiter in den vergangenen Tagen im Umgang mit den Medien beraten hat, hörte eine Frage besonders oft: „Wie gehen wir mit den vielen Anfragen um, bei denen uns hohe Summen geboten werden?“

Einen Vorgeschmack auf das, was die meist einfachen Familien in den kommenden Wochen und Monaten erwartet, bekam noch Stunden vor der Rettung die Familie von Florencio Ávalos zu spüren. Als klar war, dass der 31-Jährige als Erster aus der Mine kommen würde, belagerten rund 50 Fotoreporter und Kameramänner den Platz, an dem seine Frau und ein Verwandter am Fernsehgerät den Fortgang der Bergungsvorbereitungen beobachteten. Die Reporter stellten sich auf Stühle und Leitern und lauerten auf jede Gefühlsregung, einen Zweifel, eine Träne, das Zucken eines Mundwinkels.

Angelica Álvarez, die Freundin von Edison Peña, ahnt auch schon, dass die nächsten Wochen ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel werden. Sie plant mit ihrem Freund und der Familie einen ausgedehnten Strandurlaub. „Sobald er aus dem Krankenhaus raus ist, werden wir ans Meer fahren“, sagt die 43-Jährige.
Damit sie dabei ungestört sind, wird Angelica und ihrem Freund Edison staatlicher Schutz zur Verfügung stehen. Die Regierung hat allen Mineros und ihren Familien zugesagt, dass die Polizei ihre Wohnungen und Festveranstaltungen sichern wird, um Journalisten und Neugierige fernzuhalten. „Wir werden die Carabineros wohl auch am Meer brauchen“, sagt Angelica Álvarez.

Und was passiert nach der ersten Euphorie und dem Medienrummel? Kann man den Männern zumuten, wieder unter Tage zu arbeiten? Die Mine San José wird nach Gewerkschaftsangaben voraussichtlich geschlossen, die Bergleute werden wohl arbeitslos. Psychologen rechnen überdies damit, dass die Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse für viele schwer werden wird und einige nicht wieder in ihrem Job arbeiten können. Das ist die Schattenseite des Wunders in der Wüste.

Um die Rettungsaktion live im Internet zu verfolgen, klicken Sie hier.

Klaus Ehringfeld

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